Ausgabe Nummer 33 (2003)

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"Jeder Betrieb muss für sich die richtige Lösung finden"

200 Jahre Kanton Thurgau: Interview mit Regierungsrat Kaspar Schläpfer
 
 
Seinen Traum, Landwirt zu werden, hat er zwar nicht verwirklicht. Doch seit Januar dieses Jahres ist Kaspar Schläpfer Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Thurgau und damit «Landwirschaftsminister». Im Interview mit dem «Thurgauer Bauer» betont er die Wichtigkeit der Landwirtschaft im Kanton. Allerdings seien die Zeiten der fixen Rezepte in der Landwirtschaft vorbei, gefragt seien nun Flexibilität und das unternehmerische Gespür für die richtige Ausrichtung jedes einzelnen Betriebes.
 

«Wir verstehen uns durchaus als Dienstleister für die Landwirtschaft», sagt Regierungsrat Kaspar Schläpfer mit Blick auf die kantonale Landwirtschaftspolitik. (hil)



Thurgauer Bauer: Herr Regierungsrat Kaspar Schläpfer, welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Landwirtschaft und speziell zur Thurgauer Landwirtschaft?
Kaspar Schläpfer: Ich habe einen engen Bezug zur Landwirtschaft, seit ich Kind war. Schon als kleiner Bub war ich so viel wie möglich im Stall unseres damaligen Nachbars Jakob Brauchli im Straussberg in Weinfelden. Ich habe bei den Stallarbeiten geholfen und bin mit aufs Feld. Das hat mir immer aussergewöhnlich gut gefallen. Ich war beeindruckt. Als Mittelschüler habe ich bei unseren anderen Nachbarn, bei Josef Hagios aus der Magdenau in Weinfelden beim Heuen geholfen. Er war einer der letzten, der noch mit Ross und Heuwagen durch Weinfelden gefahren ist. Der Geruch von frischem Heu, das wir mit der Gabel auf den Wagen gestemmt haben, habe ich noch immer in guter Erinnerung. Der Geruch von frischem Heu weckt bei mir Erinnerungen an diese Zeit. Seither interessiert mich auch die Landwirtschaftspolitik, obwohl ich direkt nichts damit zu tun hatte. Als Anwalt habe ich immer wieder auch Fälle aus der Landwirtschaft vertreten.
Es war eigentlich immer ein Traum von mir, Landwirt zu werden.

Regierungsrat Kaspar Schläpfer
Seit Anfang 2003 ist der promovierte Jurist Kaspar Schläpfer Regierungsrat und Vorsteher des Departements für Inneres und Volkswirtschaft (DIV). Schläpfer ist in Bürglen geboren und in Weinfelden aufgewachsen. Er führte bis zu seiner Wahl in die Kantonsregierung eine Anwaltskanzlei in Frauenfeld. Schläpfer ist verheiratet und dreifacher Vater. Er isst am liebsten Cordon bleu und trinkt gerne Süssmost und «ein Glas Wein». (hil)

TB: Warum haben Sie diesen Traum, Landwirt zu lernen, nicht verwirklicht?
Schläpfer: Ich dachte mir, wenn mein Vater kein landwirtschaftliches Gewerbe besitzt, dann wird es schwierig, Landwirt zu lernen und auf diesem Beruf tätig zu sein. Darum habe ich mir das relativ früh aus dem Kopf schlagen müssen.

TB: Mit Einheiraten war auch nichts ?
Schläpfer (lacht): Nein, da hat sich nie etwas ergeben ? Aber so weit habe ich damals wohl auch nicht gedacht.

TB: Die von Ihnen erwähnten Zeiten, als Landwirte mit Ross und Wagen noch das Strassenbild beherrschten, sind vorbei. Vieles hat sich geändert, sowohl im nationalen als auch im internationalen Umfeld. Warum braucht der Kanton Thurgau heute überhaupt noch eine Landwirtschaft?
Schläpfer: Für den Kanton Thurgau ist die Landwirtschaft unverändert sehr wichtig. Es existieren nach wie vor rund 3000 Betriebe. Die Anzahl Betriebe hat zwar abgenommen. Aber es wird immer noch eine sehr grosse Fläche landwirtschaftlich genutzt; etwa gleich viel wie früher. Die Landwirtschaft ist im Kanton ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dazu gehört die Landwirtschaft an sich und dann natürlich die nachgelagerte Ernährungswirtschaft, die auch sehr viele Arbeitskräfte beschäftigt im Kanton. In der Landwirtschaft allein sind es etwa 8000 Personen und in den nachgelagerten Betrieben nochmals mindestens so viele. Ich denke da an Käsereien, Getränkeherstellungen, Obstverwertung. Der Bereich Land- und Ernährungswirtschaft ist für den Kanton nach wie vor von grosser Bedeutung ?

TB: ? als Arbeitgeber?
Schläpfer: Einerseits, ja. Aber die Landwirtschaft hat laut Bundesverfassung ja noch weitere Aufträge wie die Erhaltung der Kulturlandschaft und die Sicherstellung der dezentralen Besiedelung. Um diese Aufträge erfüllen zu können, braucht der Kanton Thurgau eine gesunde Landwirtschaft. Ich bin froh, dass wir im Thurgau eine Landwirtschaft haben, die im schweizweiten Vergleich weit überdurchschnittlich stark ist.

TB: Was sagen Sie einem Landwirt, der Sie auf der Strasse anspricht mit den Worten: «Ich bekomme ja gar nichts mehr für meine Produkte, die sind ja nichts mehr wert»?
Schläpfer: Mir ist bewusst, dass es viele Landwirte, Bäuerinnen und ihre Familien sehr schwierig haben heutzutage. Der Wandel von einer Landwirtschaft mit sicheren Preisen und sicherem Absatz hin zur Marktwirtschaft in der Landwirtschaft ist rasant. Für unsere Bäuerinnen und Bauern ist diese Umstellung sicher nicht einfach. Ich hoffe aber, dass dieser Wechsel möglichst gut bewältigt werden kann. Ich denke auch, dass wir in der Schweiz doch eine vergleichsweise vernünftige Landwirtschaftspolitik haben. Wenn wir in Betracht ziehen, dass wir bei den Bundesfinanzen sehr knapp dran sind, so konnte bei der Agrarpolitik 2004 bis 2007 immerhin ein Kompromiss gefunden werden, welcher der Landwirtschaft doch eine zünftige Hilfe bietet, die Änderungen bewältigen zu können. Nicht alle werden den Strukturwandel überleben, aber ich hoffe, dass viele Bauernfamilien auch in Zukunft eine gute Existenz haben werden.

TB: Und welche Betriebe werden eine Chance haben und sich durchsetzen?
Schläpfer: Diese Frage müssen die Betriebsleiter in erster Linie selbst beantworten. Mitentscheidend sind da sicher verschiedene Produktionsfaktoren, die Betriebsgrösse oder die Bedürfnisse des Marktes. Es braucht sicher eine hohe Flexibilität und viel Gespür dafür, die richtige Ausrichtung zu finden. Da kann ich sicher keine Rezepte abgeben. Jeder Betrieb muss für sich die beste Lösung finden. Es gibt ja verschiedene Wege, welche die einzelnen Betriebe einschlagen können. Ich weiss aber, dass unsere Landwirte im Kanton gut beraten werden, durch die verschiedenen Organisationen, durch den Bauernverband, das LBBZ Arenenberg und so weiter. Das Beratungsangebot ist wirklich gut und viel besser als in anderen Wirtschaftszweigen. Wer bereit ist, Hilfe anzunehmen, wird sicherlich gut unterstützt.

TB: Der Markt mit seinen Chancen und Risiken ist eine Seite der Medaille, die andere ist der Staat mit seinen Vorschriften. Von vielen Landwirten werden die Vorschriften als Einschränkung und Bevormundung angesehen. Müsste da den Landwirten als Unternehmer nicht auch entgegengekommen werden?
Schläpfer: Ich weiss, dass es sehr viele Vorschriften gibt in der Landwirtschaft, die teilweise einengend sind und die Bewirtschaftung komplizieren. Allerdings muss doch gesehen werden, dass die Vorschriften das Gegenstück sind zu den Direktzahlungen, zu den ökologischen Ausgleichszahlungen. Die Öffentlichkeit verlangt hier einfach ein gewisses Mass an Kontrolle. Ich bitte daher auch die Bäuerinnen und Bauern um Verständnis dafür. Im Kanton haben wir uns zum Ziel gesetzt, die notwendigen Kontrollen möglichst effizient zu machen. Wir wollen die Bauernfamilien möglichst wenig mit solchen Sachen behelligen, aber es muss halt einfach sein, als Folge der Zahlungen, die vom Staat kommen.

TB: Aber die Vorschriften und die damit verbundenen Kontrollen sind doch ein Wettbewerbsnachteil?
Schläpfer: Ich denke nicht, dass wir im Thurgau mehr oder schärfere Kontrollen hätten als in anderen Kantonen. Gegenüber dem Ausland weiss ich es nicht so genau: Aber ich meine, wenn im Ausland Direktzahlungen und ökologische Ausgleichszahlungen erfolgen, gibt es auch dort Kontrollen. Es ist immer ein Abwägen zwischen Effizienz und Kontrollen. Aber die Öffentlichkeit macht Druck, die Konsumentenorganisationen ebenfalls und auch die Grossverteiler. Einige hätten gerne noch viel mehr und strengere Kontrollen. Es geht doch darum, einen vernünftigen Weg zu finden. Meiner Meinung nach sind die Kontrollen für die allermeisten Bauernbetriebe, da sie sich korrekt verhalten, keineswegs schikanös.

TB: Nach Ihrem eigenen Bekunden setzt sich der Kanton Thurgau ein für faire Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft. Wie macht er das?
Schläpfer: Prinzipiell wird die Landwirtschaftspolitik ja auf eidgenössischer Ebene gemacht. Der Kanton macht trotzdem sehr viel für die Landwirtschaft. Drei kantonale Ämter sind für Angelegenheiten der Landwirtschaft zuständig: Einmal das Landwirtschaftsamt selbst, dann das LBBZ Arenenberg mit Schulung und Beratung und schliesslich das Veterinäramt. Wir verstehen uns durchaus als Dienstleister für die Landwirtschaft. Dazu gehört auch der MIBD oder die GLIB. Letzteres ist ein hervorragendes Wirtschaftsförderungsinstrument für die Landwirtschaft. Allein im letzten Jahr konnten wir dort 16 Millionen Franken zinslose Kredite sprechen. Als Volkswirtschaftsdirektor wäre ich froh, ich hätte auch in anderen Wirtschaftszweigen ein solch effizientes Instrument. Ich bin der Meinung, dass der Kanton keinen anderen Wirtschaftszweig so intensiv unterstützt und betreut wie die Landwirtschaft ?

TB: ? also schon fast zu viel des Guten ?
Schläpfer: Nein, nein, keineswegs. Die Landwirtschaft braucht diese Unterstützung, da stehe ich voll dahinter. Die Branche ist einem derart schnellen und intensiven Wandel unterworfen, dass die Unterstützung gerechtfertigt ist. Sie ist auch notwendig, damit die Landwirtschaft die in der Bundesverfassung formulierten Aufträge erfüllen kann. Ich bekenne mich klar zu einer gut funktionierenden und lebensfähigen Thurgauer Landwirtschaft. Der Kanton investiert auch beträchtliche kantonale Mittel in die Landwirtschaft.

TB: In einer Woche ist in Frauenfeld das Jubiläumsfest, was bedeutet Ihnen dieser Anlass?
Schläpfer: Das ist für mich ein Wochenende der Freude. Wir freuen uns, dass der Kanton Thurgau nun seit 200 Jahren existiert, und dass es dem Kanton eigentlich sehr gut geht, wenn wir uns mit dem Ausland oder auch gegenüber früher vergleichen. Der Kanton hat einen Wohlstand erreicht, den er früher nie hatte. Auch in der Landwirtschaft geht es vielen trotz aller Schwierigkeiten doch recht geht, wenn man bedenkt, wie viele arme Bauern es noch vor wenigen Jahrzehnten im Kanton hatte. Auch dem Kanton Thurgau als Staat geht es gut. Wir sind im interkantonalen Vergleich auf dem Vormarsch. Es gibt viele Gründe, um zu feiern. Ich freue mich riesig.

TB: Stichwort Napoleon?
Schläpfer: Da vertrete ich eine differenzierte Meinung. Napoleon I. hat dem Kanton Thurgau sicher viel geholfen. Auf der anderen Seite muss man auch bedenken, dass wegen Napoleon sehr viele Leute ihr Leben lassen mussten, darunter viele Schweizer und Thurgauer. 10 000 Eidgenossen sind mit ihm nach Russland marschiert, 700 sind zurückgekommen. Napoleon hat in Europa eine zünftige Blutspur hinterlassen. Eine einseitige Begeisterung wäre meiner Meinung nach fehl am Platz.

TB: Stichwort EU
Schläpfer: Die Europäische Union ist zurzeit kein Thema. Ich denke auch, dass es schade um die Zeit ist, sich zu viele Gedanken über einen Beitritt zu machen. Ich meine, wir haben mit den bilateralen Verträgen vieles erreicht und sollen nun einmal schauen, ob sich diese bewähren. Wir haben in den nächsten fünf bis zehn Jahren andere Themen, die wichtiger sind als ein EU-Beitritt der Schweiz. Dagegen steckt im Verhältnis zur EU im Zusammenhang mit den bilateralen Abkommen noch die eine oder andere Herausforderung, gerade für die Landwirtschaft.

TB: Welchen Geheimtipp geben sie jemandem, der den Thurgau zum ersten Mal besucht?
Schläpfer: Einer der schönsten Standorte ist für mich die Sandegg bei Salenstein. Von dort sieht man wunderschön über den Untersee. Gäste, die zum ersten Mal im Thurgau sind, führe ich gerne dort hin.
(hil)
 
 
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