Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
19. Oktober 2018


Jedes Lebensmittel hat Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit

Ausgabe Nummer 51 (2017)

Interview mit Prof. Dr. Christine Brombach, ZHAW Wädenswil

Gemäss Christine Brombach, vom Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation in Wädenswil werden die Menschen in Zukunft mehr Convenience Food und weniger Fleisch essen. Hingegen werden regionale und nachhaltig produzierte Lebensmittel bevorzugt.

Wir werden von Trends in der Ernährung überflutet, alle paar Monate gibt es etwas Neues, das wir unbedingt zu uns nehmen müssen. Wer lanciert diese Trends?
Christine Brombach: Trends sind nach einer Definition des Zukunftsforschers Horx nichts anderes als eine Veränderungsbewegung oder ein Wandlungsprozess.
Trends entstehen dadurch, dass eine Person oder Gruppen eine neue Auffassung und Denk- beziehungsweise Handlungsweise annehmen. Diese neue Handlungsweise findet Nachahmende, was dann immer weitere Kreise nach sich ziehen kann, bis es schliesslich «mainstream» wird, also in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Nachfrageseitige Trends, oder auch Konsumtrends, werden primär durch sozio-demographische und ökonomische Entwicklungen ausgelöst. Gegenwärtig in Industrienationen beobachtete Treiber für Ernährungstrends sind gesundheitliche Überlegungen, Werte- und Normendebatten hinsichtlich Tierwohl, Umweltaspekten (Bio, Vegan), das schneller werdende Leben in den Städten (Convenience Food) und das ansteigende Durchschnittsalter in der Bevölkerung. Solche Trends entwickeln sich meist über viele Jahre hinweg.

Wie nehmen diese Foodtrends Einfluss auf unsere Ernährungsweise, Gesundheit und Umwelt?
Christine Brombach: Trends gehen mit veränderten Einstellungen, die dann zu einer Verhaltensänderung führen, einher. Das lässt sich daran beobachten, dass die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln in den letzten Jahren gestiegen ist. So entstehen nachfragegetriebene Trends, auf welche die Produzenten dann auch reagieren. Jedes Lebensmittel hat Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Ein Lebensmittel kann lokal oder auf einem anderen Kontinent erzeugt werden. Das sagt nichts über die gesundheitlichen Qualitäten aus.

Zum Beispiel?
Christine Brombach: Avocados sind sehr gesund, sie werden aber meist nicht nachhaltig produziert und sind überdies Produkte, die mit dem Flugzeug in die Schweiz gebracht werden. Umgekehrt sind nachhaltig produzierte und hergestellte Lebensmittel nicht zwangsläufig auch gesund. Süssigkeiten aus nachhaltiger Produktion sind dadurch nicht gesünder. Der steigende Anteil an Vegetariern und Veganern lässt sich durch Ergebnisse aus verschiedenen Studien belegen.

Sind Vegetarier und Veganer auch gesünder?
Christine Brombach: Anhand von Langzeitstudien konnte aufgezeigt werden, dass Personen, die sich vegetarisch ernähren, ein geringeres Risiko haben, an chronisch ernährungsassozierten Erkrankungen zu leiden. Vegetarisch ernährte Personen nehmen in der Regel einen höheren Anteil an Ballaststoffen auf, sie sind meist körperlich aktiver und damit weniger oft übergewichtig. Insgesamt lässt sich bei ihnen ein bewussterer Lebensstil beobachten, der das Risiko von Diabetes, Bluthochdruck oder hohen Blutfettwerten vermindert.

Werden wir manipuliert und womöglich angelogen?
Christine Brombach: Als Konsumenten können wir kaum die Komplexität der Nahrungsproduktion durchschauen, geschweige denn alle Schritte nachvollziehen, woher alle Zutaten eines Lebensmittels stammen und wie diese auf unseren Körper oder die Umwelt einwirken. Das macht das Essen zu einer Vertrauensangelegenheit. Daher ziehen es auch viele Konsumenten vor, regionale Lebensmittel zu konsumieren, weil diese uns näher und damit vertrauenswürdiger erscheinen. Als Konsument sollten wir uns jedoch sowohl über die Herkunft als auch Zusammensetzung der Lebensmittel informieren, damit können wir unsere Wahl bewusst treffen und für uns die besten Alternativen heraussuchen.

Essen wir Menschen oft Sachen, weil sie im Trend sind, weil sie gesund sein sollen oder weil wir sie mögen?
Christine Brombach: Es ist immer ein Wechselspiel aus allen Aspekten, Geschmack wird erlernt und weil wir etwas essen, lernen wir es zu mögen. Das betrifft Lebensmittel, die gesund oder auch weniger gesund sind. Nur weil etwas «trendig» ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es gesund oder ungesund ist.

Welche aktuellen Erkenntnisse gibt es dazu aus der Forschung?
Christine Brombach: Zunahme an Menschen, die weniger Fleisch essen (Flexitarier, Vegetarier), Zunahme an Convenience-Produkten, insbesondere Frischeprodukten, Zunahme der Nachfrage an Biound Regionalprodukten Clean labeling und Nachhaltigkeit. Dabei überschneiden sich manche dieser Trends wie zum Beispiel Nachhaltigkeit und Bio, Reduktion des Fleischkonsums.

Welche grösseren Veränderungen im Essverhalten sind zu erwarten?
Christine Brombach: Veränderung in der verfügbaren Zeit für die Zubereitung, heisst mehr Convenience. Veränderung hinsichtlich weniger Fleischkonsum heisst, mehr alternative Proteinquellen zum Beispiel aus Hülsenfrüchten, marinen Quellen und in Zukunft Insekten oder Fleisch aus Petrischalen. Generell werden Lebensmittel teurer und damit verschieben sich die Ausgaben.

Wie sieht unser Speiseplan in 20 Jahren aus?
Da wir Menschen recht konservativ sind, was unsere Ernährungsweise anbelangt, erwarte ich keine grundlegenden Veränderungen. Es wird vermutlich Verschiebungen geben in Richtung mehr Convenience und weniger Fleisch. Vermutlich werden alternative Proteinquellen zu günstigeren Preisen am Markt sein als heute, und damit sind sie echte Alternativen. Trotzdem wird weiterhin Fleisch verzehrt, denn Fleisch ist auch für die Schweizer Landwirtschaft ein wichtiges Produkt. Eine vegetarische Schweiz wird es nicht geben.

Wie wirken sich Foodtrends auf die Agro-Food- Systeme in der Schweiz aus?
Christine Brombach: Die Nachfrage nach Lebensmitteln hat immer unmittelbaren Einfluss auf die landwirtschaftliche Produktion. Die Schweizer Landwirtschaft ist auf einem sehr hohen Niveau, allerdings sind die Anbauflächen begrenzt. Daher ist es wichtig, dass Alpen durch Kühe beweidet werden, weil sich diese Flächen nicht anders landwirtschaftlich nutzen lassen. Wenn nun der Fleischkonsum rückläufig ist und gleichzeitig der Milchkonsum steigt, geht das nicht auf, denn für die Milchproduktion braucht es Fleisch. So müssen also immer auch Kreisläufe mitbedacht werden, wenn Auswirkungen von Foodtrends auf das Agro-Food-System betrachtet werden.

Kann die schweizerische Landwirtschaft den neuen Anforderungen gerecht werden?
Christine Brombach: Ja, die Landwirtschaft wird sich an die Nachfrage anpassen, beispielsweise kann dies momentan auch im Bereich von vegetarischen Trends beobachtet werden, dass in der Schweiz vermehrt Hülsenfrüchte angebaut oder auch durch Bauernmärkte, Gemüseabos, Hofläden regionale Produkte in der Direktvermarktung angeboten werden. Die Schweizer Landwirtschaft war immer sehr leistungsstark und effizient, das wird sie auch in Zukunft bleiben und damit auf die verschiedenen Trends reagieren.


Interview: Ruth Bossert













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