Ausgabe Nummer 34 (2005)
Kiffen der Reiz des Unbekannten, oder die Sehnsucht, anders zu sein
Kiffen der Reiz des Unbekannten, oder die Sehnsucht, anders zu sein
Das Kiffen (Rauchen von Gras oder Cannabis) ist zurzeit vermehrt wieder Thema in den Diskussionen mit Jugendlichen, Lehrlingen und auch im Strassenverkehr. Ein kurzer geschichtlicher Überblick inklusive Wirkungen, Auswirkungen und Folgen soll Sie informieren. Ein kleiner Ausblick, was wir tun können, wenn wir betroffene Eltern, Lehrmeister oder Freunde sind, darf natürlich auch nicht fehlen.
Cannabis gehört zur botanischen Gattung der Hanfgewächse (Cannabaceae) mit psychoaktiven (bewusstseinsverändernden)Wirkstoffen. Die stärkste Wirksubstanz ist Tetrahydrocannabinol (THC). Nur die weibliche Form der Gattung «cannabis sativa» enthält genügend THC, um einen Rausch zu erzeugen.
Geschichte und Herkunft
Cannabis gehört zu den ältesten bekannten Nutz- und Heilpflanzen sowie Rauschmitteln. In China wurde Hanf bereits im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. angebaut und für die Herstellung von Kleidern und Seilen verwendet. Die Hanfpflanze soll über Indien in den Mittleren und Nahen Osten gelangt sein und sich schliesslich über Europa bis nach Nord- und Südamerika ausgebreitet haben. Als Rauschmittel hat sich Cannabis zunächst in Indien als Bestandteil kultischer Handlungen etabliert. In Europa wurde die Rauschwirkung von Cannabis erst im 19. Jahrhundert bekannt. Auch das Wallis war für sein Hanföl als Schlaf- und Einreibemittel berühmt. In der Schweiz und vielen anderen westlichen Ländern hat sich Cannabis seit den 1970er-Jahren nach Alkohol zu der am häufigsten konsumierten Rauschdroge entwickelt.
Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen
Angenehm: Anhebung der Stimmung, ein Gefühl der Entspannung und des Wohlbefindens. Möglich ist auch ein heiteres Gefühl, verbunden mit einem gesteigerten Kommunikationsbedürfnis; Hören, Sehen und Schmecken (Lust auf Süsses) werden intensiver. Unangenehm: niedergedrückte Stimmung, Unruhe und Angst, Panikreaktionen und Verwirrtheit mit Verfolgungsfantasien bis hin zu paranoiden Wahnvorstellungen sind möglich.
Folgeschäden
Körperliche Auswirkungen des Cannabiskonsums sind relativ selten und meist nicht stark ausgeprägt. Allerdings enthält der Rauch von Cannabis zahlreiche Schadstoffe, die im Vergleich zum Tabak um ein Vielfaches giftiger eingeschätzt werden und Lungen- und Bronchialerkrankungen verursachen können.
Schwerwiegender sind die möglichen seelischen und sozialen Auswirkungen. Es zeigt sich ein zunehmendes allgemeines Desinteresse, gepaart mit verminderter Belastbarkeit. Der Konsument zieht sich immer mehr in sich zurück und wird sich selbst und den Aufgaben des Alltags gegenüber immer gleichgültiger: Er fühlt sich den Anforderungen der Leistungsgesellschaft allmählich immer weniger verpflichtet, aber auch immer weniger gewachsen und schert mehr und mehr aus seinem bisherigen sozialen Gefüge aus. Je jünger jemand mit Cannabisrauchen beginnt, desto grösser ist die Gefahr, den Alltag aus den Augen zu verlieren zum Beispiel Schule, sinnvolle Freizeitgestaltung, Ausbildung. Oft wird die Schule nicht beendet, die Lehre abgebrochen, weil die Leistung nicht mehr stimmt.
Regelmässiger starker Konsum kann psychische Abhängigkeit erzeugen, die an einer Reihe von Entzugserscheinungen deutlich wird. Diese können in Gestalt von innerer Leere, Freudlosigkeit, Antriebsmangel, Konzentrationsstörungen und Unruhe auftreten; Schlafstörungen und Appetitmangel sind ebenfalls möglich.
Thema Strassenverkehr
Da Alkohol ebenso wie Cannabisprodukte das Denken und die Reaktionsfähigkeit einschränken, werden diese Effekte bei einem gleichzeitigen Konsum beider Substanzen zusätzlich verstärkt.
Bekiffte AutofahrerInnen (auch TöfflifahrerInnen) werden härter bestraft als Betrunkene: Bei Alkohol gilt ab 1. Januar die 0,5-Promille-Grenze, bei illegalen Drogen hingegen Nulltoleranz. Noch 48 Stunden nach einem Joint droht der Fahrausweisentzug. Also lohnt es sich doppelt, einmal am Familientisch über dieses Thema zu reden.
Was kann ich als Eltern, Lehrmeister, Freund/Freundin tun?
Erst mal keine Panik! Starke Gefühlsschwankungen, Veränderungen im Freundeskreis und im Freizeitverhalten oder eine Verschlechterung der schulischen Leistungen können Anzeichen für einen Drogenkonsum sein, sie können aber auch mit Pubertät, Liebeskummer, Übermüdung oder anderen vorübergehenden Schwierigkeiten im Zusammenhang stehen. Auf jeden Fall sollte man aber den Anzeichen auf den Grund gehen.
Im offenen Gespräch zeigt sich am klarsten, was los ist. «Detektivische» Nachforschungen, wie heimliche Zimmer- und Taschenkontrollen, schaffen kein Vertrauen. Sie führen nur zu Verdächtigungen, Versteckspielen und Lügen. Sie haben vielleicht als Jugendlicher selbst einmal einen Joint versucht, dann darf ihr Kind das ruhig wissen. Auch was Sie für eine Einstellung haben, wenn ihr Kind es mal ausprobieren will, sollte Thema sein. Zeigen Sie, dass Sie offen für einen Dialog sind und die Situation nicht dramatisieren.
Es ist wichtig, Panik zu vermeiden, nicht zu beschuldigen oder zu drohen. Dafür sollten Sie sich informieren und die Situation gesamtheitlich einzuschätzen versuchen, eventuell mit Hilfe von Fachpersonen. Wenn Ihr Kind sich nicht zu einem Gespräch mit Fachpersonen bereit erklären kann, können Sie als Eltern auch selbst eine Beratung in Anspruch nehmen. Fachpersonen von Jugendberatungsstellen oder Drogenberatungsstellen sind auch für Angehörige da (Adressen siehe Kasten).
Kiffen macht angeblich gleichgültig das sollte uns nicht egal sein!
