Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


"Klimaschutz ist Menschenschutz"

Ausgabe Nummer 10 (2018)

Hochstammobstbau Schweiz lud zum Vortrag über die Klimaerwärmung ein

«Es braucht keine Diskussion darüber, ob es den Klimawandel gibt oder nicht, er ist da», sagte Rolf Weingartner, geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts und Professor für Hydrologie an der Universität Bern. Im zweiten Teil des Anlasses äusserte sich Andreas Widmer zum Grenzschutz.

Guido Schildknecht, Präsident Vereinigung Hochstammobstbau Schweiz, konnte es in Gossau kaum begreifen, dass die Vereinsmitglieder beim öffentlichen Vortrag unter sich blieben. Vorgängig hatte die HV stattgefunden. «Das kann ja nicht sein, das Problem ist doch so dringend», ereiferte er sich. Wie dringend es ist zu handeln, zeigte Rolf Weingartner mit klaren Fakten auf. «Wir sind in der Schweiz in vielen Bereichen privilegiert, aber die Klimaerwärmung betrifft auch uns. Seit den 1980er-Jahren ist die Erwärmung markant und für alle spürbar gestiegen», betonte er. «Es ist Zeit zum Handeln.»

Risiken werden unterschätzt
Am Morgen des Vortrags hatte Atmosphärenwissenschaftler und ETH-Professor Konrad Steffen am Radio berichtet, dass in Grönland Plustemperaturen gemessen werden. Statt –25 Grad war es 5 Grad warm. Und Rolf Weingartner zeigte anhand einer Statistik, dass die Kirschen in den vergangenen Jahren bis einen Monat früher blühen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Temperatur in der Schweiz um 1,7 Grad zugenommen. Während die konventionellen Risiken wie Gesundheit, Hygiene oder Infrastruktur kleiner würden, stiegen die systemischen Risiken an, sagte er. Dazu gehören die Klimaveränderung, Pandemien, die Digitalisierung oder die Politik. «Die systemischen Risiken werden unterschätzt», machte Weingartner bewusst. Der Gehalt an Kohlenstoffdioxid CO2 steigt seit den 1950er-Jahren stark an, und damit steigt auch die Temperatur. Erschreckend daran ist, dass CO2 in der Atmosphäre bleibt und sich im Vergleich zu Methan nicht abbaut. Das Problem daran sei, dass es im Sommer zunehmend zu wenig Wasser gebe, dafür verschärfe sich die Hochwassersituation im Winter. In gewissen Kantonen gibt es bereits ein Warnsystem. Zu gewissen Zeiten darf die Landwirtschaft während der Vegetationszeit öffentlichen Gewässern kein Wasser entnehmen. Die Folge des Wassermangels: Ertragseinbussen von 500 Millionen Franken.

Kulturen brauchen Wasser
Bis 2050 seien die Veränderungen im Alpenraum klar zu sehen: Schmelzender Schnee und Permafrost und schmelzende Gletscher. Damit verändere sich der Wasserhaushalt und in den Bergen gebe es eine Destabilisierung. «Mitte Juli gibt es in den Alpen schon jetzt fast keinen Schnee mehr», wie Rolf Weingartner mit Bildern belegte. «2085 wird Grindelwald ein Klima wie in Bern haben, aber in Bern fährt niemand Ski.» Bereits heute würden die Hälfte der Pisten künstlich beschneit – für viel Geld. Die Fichte, der wichtigste Baum der Waldwirtschaft, werde aus dem Mittelland verschwinden, die Trockenheit den Borkenkäfer begünstigen und der Schutzwald in den Bergen sei gefährdet. Die Städte werden zu Wärmeinseln. Hitzetote kennt man schon. «Die Landwirtschaft könnte mit mehr Wasser schon heute höhere Erträge erzielen. Der Niederschlag nimmt laufend ab, die Verdunstung zu. Die Kulturen brauchen mehr Wasser», zeigte Weingartner die Konsequenzen für die Landwirtschaft auf. Es sei notwendig, natürliche Wasserspeicher durch künstliche zu ersetzen, um das Wasser für den Sommer bereitzustellen. Hier seien regionale Planung und Zusammenarbeit wichtig. Das «Gemeinsame» betonte der Fachmann immer wieder.

Globale Solidarität
Der Kanton Thurgau hat ein Szenario «Trocken 2060» erarbeitet und den Kanton in Regionen mit der entsprechenden Wasserverfügbarkeit eingeteilt. Die meisten Regionen weisen bis dahin ein Defizit aus. Es brauche eine Massnahmenstrategie für den Anbau, zeigte der Referent auf. Angefangen von Anpassungen in der Praxis über die Anpassung der Produktionssysteme bis zur Anpassung der Raumorganisation. «Probleme kann man bewältigen, aber man muss proaktiv vorgehen», betonte Rolf Weingartner. «Unsere Lebensweise ist nicht nachhaltig und nicht tragfähig für das 21. Jahrhundert – auch was das Klima betrifft», meinte er. Und damit zeigte er auf, wie alle zur Erhöhung von CO2 beitragen. Der Verkehr verursacht einen CO2-Aussstoss von fast 30 %, der Flugverkehr weitere fast 10 %. Die Haushalte produzieren vor allem mit fossilen Brennstoffen weitere 16 % und die Landwirtschaft 12 %. Die Industrie liegt bei 18 %. Vermindern und vermeiden lautete die Anregung des Fachmannes. «Das Klima wird zum Problem, wenn wir nichts tun. Wir müssen es anpacken und handeln. Der Klimaschutz ist Menschenschutz. Dem Klima ist es egal, wenn es sich verändert, doch für die Menschen geht es ums Überleben. » Es brauche auch eine Politik, die den Klimaschutz ernst nehme und klare Ansagen mache. «Die Schweiz könnte eine Vorreiterrolle einnehmen, doch noch fehlen Visionen und die Dialoge. Es braucht Aktionen auf allen Ebenen. Es braucht eine globale Solidarität», sagte Rolf Weingartner.

Zusammenstehen und reden
Andreas Widmer, Geschäftsführer St. Galler Bauernverband, zeigte in seinem Vortrag auf, was der Grenzschutz heute bedeutet und welche Konsequenzen es hätte, wenn es eine vollständige oder eine teilweise Marktöffnung im Rahmen eines Freihandelsabkommens mit der EU geben würde. Im Speziellen auch für den Obstbau. «Die Schweizer Obstbranche würde in ihrem Lebensnerv getroffen», meinte er. Sie habe bereits einen Strukturwandel hinter sich und sich auf den Markt ausgerichtet. «Im Vergleich zum Ausland ist sie top.» Bei Weltmarktpreisen sei mit einem dramatischen Marktanteilsverlust zu rechnen. Ohne Grenzschutz gehe es nicht. Die Konsumenten wollten ressourcenschonend hergestellte Qualitätsprodukte und die Obstbranche wolle die Wertschöpfung aus einheimischer Produktion steigern. Die Freihandelsszenarien wären Gift dafür. Mit dem Abbau des Grenzschutzes würde es nur Verlierer geben. Allerdings: «Noch sind zu wenige Konsumenten bereit, für regionale Produkte mehr zu bezahlen.» Andreas Widmer zeigte sich zuversichtlich, dass die parlamentarische Kommission für Wirtschaft und Abgaben die Gesamtschau zur mittelfristigen Weiterentwicklung der Agrarpolitik des Bundesrates Ende März zurückweisen wird. «Die Landwirtschaft muss zusammenstehen und reden», riet er.


Cecilia Hess, Uzwil










« zurück zur Übersicht