Ausgabe Nummer 12 (2008)
Klimaveränderung setzt neue Parameter
Öffentlicher Anlass des Landwirtschaftlichen Vereins Bischofszell in der «Hirschenschür»
Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins Bischofszell lud Thomas Bucheli, Meteorologe, als Referenten ein, um zu erfahren, ob und wie klimatische Veränderungen die Schweizer Landwirtschaft beinträchtigen ? oder gar verunmöglichen könnten.Thomas Bucheli leitete sein Referat mit der Feststellung ein, dass die Klimadiskussion stark emotional geführt werde, spätestens seit dem Film «Eine unbequeme Wahrheit» (2006). Bei den ganzen Klimadiskussionen frage er sich, wer mit seiner Aussage was genau bezwecke. Bucheli stellte fest, dass immer eine Unterscheidung zwischen Klima und Wetter nötig ist. Die diversen klimarelevanten Faktoren, und damit auch das Klima, werden ständig beeinflusst, unter anderem durch den Einfall der Sonnenbestrahlung. Er erinnerte, dass um 1750 eine kleine Eiszeit einsetzte, die bis um zirka 1800 dauerte. Seither steigt die Temperatur wieder an. Fakt sei, dass die Natur aus sich heraus variiere. Die Geburtsstunde der modernen Wettervorhersage setzte 1904 ein. Der norwegische Physiker und theoretische Meteorologe Vilhelm Bjerknes (1862 bis 1951) veröffentlichte damals in einer meteorologischen Zeitschrift einen Artikel über das Problem der Wettervorhersage, betrachtet vom Standpunkt der Mechanik und der Physik aus. Der englische Mathematiker Lewis Fry Richardson (1881 bis 1953) war für den nächsten Meilenstein in der Geschichte der modernen Wettervorhersage verantwortlich. Er schaffte es, die Gleichungen so zu «vereinfachen», dass man sie lösen konnte, aber nur um den Preis einer nicht exakten Näherung.
Wie schlimm ist es wirklich?
Richardson war der erste Meteorologe, der eine numerische Wetterprognose rechnete. Seine Fehlprognosen hatten viel mit der mangelhaften Kenntnis des Anfangszustandes der Atmosphäre zu tun. «Die Aussicht auf Erfolg steht und fällt ? damals wie heute ? mit der Lösung zweier Hauptprobleme: Die Effizienz und Korrektheit der numerisch-mathematischen Näherungslösungen und die ausreichende Kenntnis des atmosphärischen Anfangszustands », erklärte Bucheli. Es gebe nicht ein Klima und man müsse sich dies immer vor Augen führen bei der ganzen Diskussion um die Klimaveränderung: Von welcher Klimazone sprechen wir? Es gibt sensitivere Regionen auf der Erde, die rascher auf Einflüsse reagieren. Ein Hurrikan gehört zum tropischen Klima: Wenn es aber zu einer globalen Erwärmung komme, könnten Hurrikane tatsächlich stärker werden. Betrachte man Unwetter bei uns, wie zum Beispiel in Gondo (2000), komme die Frage auf: «Ist es ein Trend, der sich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten verstärkt?». Forscher stellen sich die Fragen, ob es sich um einen natürlichen Ausschlag des Systems handelt oder ob sich die Solarkonstante verändert hat. Forscher sind sich zum Teil darüber einig, dass wir eher wieder in eine gedämpfte, kältere Zeit rücken. Es lasse sich aber nichts eindeutig prognostizieren.
Veränderung ist immer möglich
Der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change/Weltklimarat) rechnet, abhängig von den Zuwachsraten aller Treibhausgase und dem angewandten Modell, bis 2100 mit einer Zunahme der globalen Durchschnittstemperatur um 1,1 °C bis 6,4°C. Bucheli wurde in der Diskussion gefragt, welche Prognosen er für die Zukunft mache. Er entgegnete, dass er keine düsteren Klimaszenarien verbreite, da vieles auf Annahmen und Szenarien beruhe. Wofür er jedoch plädiere, das sei haushälterischerer Umgang mit Ressourcen: «Es braucht mehr Achtung gegenüber den Ressourcen. Wir dürfen nicht im Gedanken verharren, dass wir als ?kleine Schweiz? nicht unseren Teil beitragen können. Machtlos sind wir keinesfalls, unsere Stärke liegt in Innovationen und der Chance, in erneuerbare Energie zu investieren. Veränderungen sind immer möglich. » Wenn es bevölkerungsdichte Regionen der Erde künftig von klimatischen Veränderungen stärker treffe, sehe er die Gefahr von Migrationsproblemen. Der Bedarf an Versicherungsdeckung werde zunehmen. Sinken die Grundwasserspiegel, wird es nötig, in Bewässerungsanlagen zu investieren. Die Einwanderung fremder Arten und vermehrter Schädlingsdruck sind zu befürchten. Die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft sehe er nicht düster, eine Erwärmung von 2 bis 3 Grad hätte für die Landwirtschaft eher Auswirkungen im positiven Sinne.
Isabelle Schwander

Auf Einladung von Niklaus Schnetzer (l.) und Franz Studerus (r.) versuchte Thomas Bucheli (Mitte), sachliche Informationen zu Klima und Wetter zu geben.(Isabelle Schwander)
