Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
8. Juni 2018


Kompensation aus den Nebenaugen rettet Jahrgang

Ausgabe Nummer 49 (2017)

Rückblick auf das Rebjahr 2017

Das zweite Frostjahr in Folge prägte das ganze hinter uns liegende Rebjahr 2017. Die eisigen Nächte von Ende April liessen einen Grossteil der Hauptknospen erfrieren und den eher frühen Austrieb abrupt stoppen. Dank hervorragenden Blühbedingungen, wüchsigem und schönem Sommer resultierte zur Überraschung vieler dann aber doch eine eher frühe Lese. Die Erträge fielen zwar sehr bescheiden aus, liegen aber vor allem bei den roten Sorten über den Erwartungen. Eher rar und damit gesucht dürfte vor allem Weisswein sein.

Viel gesundes Holz und wieder häufiger Frostruten
In den ersten Januarwochen verzeichneten die Messstationen den ganzen Tag hindurch Minustemperaturen: also die ersten richtigen Frosttage im neuen Rebjahr! Hinzu kam dann an einzelnen Tagen eine schöne Schneedecke, welche die ganze Landschaft winterlich erscheinen liess. Generell brachten aber die ersten Monate des neuen Jahres eher geringe Niederschläge, nachdem bereits das Vorjahr über alles gesehen eher trocken war. Nach dem Frostereignis vom April 2016 war für den Winterschnitt viel brauchbares Holz aus der Basis entwachsen, welches für den weiteren Stockaufbau gut verwendet werden konnte. Auch folgten die Winzer der Empfehlung und liessen häufig wieder eine Frostrute stehen.

Besondere Witterungskonstellation bringt Jahrhundertfrost
Anfang April wurde an den Messstationen erstmals die 20-°C-Marke erreicht, nachdem sich bereits der März sehr mild präsentiert hatte. Damit war der Austrieb ähnlich früh, wie die sehr frühen Jahre 2014 oder 2016. Ab Mitte April machte sich dann aber eine Kaltfront bemerkbar, welche ab dem 18. April eisige Nächte mit entsprechenden Schäden in ganz Mitteleuropa brachte. Die beiden Hauptfrostnächte vom 20. auf den 21. April sowie vom 28. auf den 29. April haben in Schaffhausen und Thurgau einen Grossteil der Hauptknospen erfrieren lassen. Nur gerade in gewässernahen Gebieten des Bodensees und des Rheins waren die Schäden geringer. Damit gehen die Aprilfröste 2017 nach dem Frostjahr 1957 genau sechzig Jahre später als das zweite ganz grosse Frostereignis der letzten einhundert Jahre in die Annalen ein. Primär dürften die hohen Luftfeuchtigkeitswerte während den Eisnächten zu den grossen Ausfällen geführt haben. Nach diesen aussergewöhnlichen Frostereignissen kam das Wachstum der Reben praktisch vollständig zum Stillstand. Für die Winzerinnen und Winzer war damit eine Situation entstanden, welche so auch erfahrene Rebleute kaum erlebt haben. Der Umgang mit dem Jahrhundertfrost war für alle Akteure nicht einfach. Ein Blick in die Reben Anfang Mai zeigte ein selten gesehenes Bild, welches je nach Frostwirkung mit erbärmlich bis hoffnungsvoll umschrieben werden konnte.

Sonnig und Trocken und optimale Bedingungen zur Blüte
Der Mai sorgt dann in seiner zweiten Monatshälfte für sommerliche Temperaturen und ideale Wachstumsbedingungen. Erstmals klettern die Temperaturen in der letzten Maiwoche über 30 °C. Obwohl immer wieder angekündigt, blieben die Niederschläge in dieser Zeit fast gänzlich aus. In den durch den Frost stark geschädigten Lagen begannen die Nebenaugen erst rund Mitte Mai langsam zu treiben an. Die Traubenblüte verlief dann tatsächlich ab Mitte Juni sehr gestaffelt, allerdings zu optimalen Bedingungen. Die Witterungsbedingungen waren glücklicherweise so gut, dass auch viele Nachzügler- Gescheine noch zur Blüte kamen. In wie fern solche Trauben, dann auch noch gelesen werden können, war zu jenem Zeitpunkt schwer abschätzbar – aber zumindest die Hoffnung ruhte stark auf diesen «Trauben aus den Nebenaugen». Bemerkenswert für den ganzen Frühsommer: Ein enormer Vegetationsschub, trotz relativer Trockenheit, und kaum Probleme beim Pflanzenschutz!

Früher Reifebeginn und Hagelschläge bis kurz vor der Ernte
Eher früh und recht zügig verlief in diesem Jahr der Farbumschlag. Eine gewisse Heterogenität zeigte sich zwar aufgrund der unterschiedlichen Traubenentwicklung nach wie vor, was sich aber bis zur Lese fast vollständig egalisierte. Leider führten verschiedene, teilweise sehr heftige Sommergewitter mit örtlicher Orkanstärke und spätem Hagel nochmals zu etlichen Bangemomenten vor der Lese. Dank der einigermassen trockenen Witterung kam es glücklicherweise aber kaum zu Fäulnis. Ein hoher Sönderungsaufwand bei der Lese blieb aber allemal! Kaum Schäden verursachte die Kirschessigfliege in diesem Jahr, obwohl den ganzen Herbst über mit dem neuen Hallauer-KEF-Projekt noch riesige Fangzahlen in den Hecken registriert wurden.

Erstmals Online Rebflächenmeldung und Gesuche bei Fondsuisse
Für Schaffhausen und Thurgau war in diesem Jahr die Rebflächenmeldungen erstmals über das Online- Portal Agate möglich. Zudem hat Schaffhausen nach vielen Jahren die amtliche Weinlesekontrolle aufgehoben. Betriebe, welche starke Frostschäden zu beklagten hatten, war es in diesem Jahr ausnahmsweise möglich, ein entsprechendes Gesuch beim Fondsuisse zu stellen. Immer stärker tritt das einjährige Berufkraut, eine Neophyt in den Reben auf und führt teilweise zu flächigen Beständen. Leider bleibt für die Bekämpfung nur das rigorose Ausreissen.

Gesunde Trauben bei der Lese
Die Ernte erstreckte sich in diesem Jahr über mehrere Wochen. Die ersten Trauben wurden in diesem Jahr bereits Anfang September gelesen und erst gegen Ende Oktober wurden die allerletzten Traubenposten den Kellereien zugeführt. Die sonnigen und warmen Oktobertage ermöglichten eine optimale Ausreife und volle Aromabildung. Die Ergebnisse der offiziellen Weinlesekontrolle zeigen für Schaffhausen und Thurgau eine der kleinsten Ernten der letzten Jahre. Mit rund 75 bis 80 % eines normalen Jahresertrags liegt damit die Ernte zwar über den Erwartungen, fällt aber doch deutlich unterdurchschnittlich aus. Einigermassen zufriedenstellende Erträge resultierten insbesondere bei der roten Hauptsorte Blauburgunder. Stark gelitten haben vor allem die weissen Sorten und verschiedene Spezialitäten. Die allgemein tiefen Erträge haben andererseits aber auch dazu geführt, dass die hängenden Trauben mit viel Zucker und Aromatik versorgt wurden und damit sehr erfreuliche Mostgewichte bei der Lese resultierten. Der 17er dürfte damit ein feiner, aber sehr rarer Jahrgang werden.


Markus Leumann
Fachstelle Weinbau SH/TG

5. Dezember 2017




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