Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
5. Oktober 2018


Konsequent vereinfachen, bewusst entscheiden, fix einplanen - Drei Betriebe geben einen Einblick in ihr Rezept Freiräume zu schaffen

Ausgabe Nummer 35 (2014)

Rund um die Arbeitsorganisation steht heutzutage viel weniger die körperliche Beanspruchung auf einem Landwirtschaftsbetrieb im Zentrum, vielmehr wird die psychische Belastung aus der Entwicklung der letzten Jahre für viele eine Thema. Die drei während dem Laufstallstamm besuchten Betriebe haben unterschiedliche Wege gefunden um sich Freiräume zu erarbeiten und Erholungsinseln zu schaffen.

Urs und Barbara Huggel, Bussnang, bewirtschaften einen Betrieb mit 47 Hektaren und 100 Milchkühen. Aktuell werden 800 000 kg Milch pro Jahr verkauft. Nebst der Milchviehhaltung und dem Futterbau werden keinen weiteren Betriebszweige nachgegangen, ausser noch 250 Tonnen Zuckerrüben. Die Gülleausbringung und Futterernte führt Urs Huggel selber durch. Die Jungviehaufzucht hingegen ist zur Hauptsache an den Betrieb von Walter Öttli ausgelagert. Mit diesem Betrieb betreiben Huggels eine Fruchtfolge und ÖLN- Gemeinschaft. Walter Öttli arbeitet auf dem Betrieb als Aushilfskraft mit. Grundsätzlich führt Urs Huggel die Stallarbeit alleine aus. Seine Frau Barbara erledigt sämtliche Büroarbeit und hilft nur in Notfällen im Stall mit. Trotz dem grossen Viehbestand den er bewirtschaftet, hat Urs Huggel die Stallerweiterung von 90 auf 120 Kuhplätze vorwiegend in Eigenleistung realisiert.
Die Arbeitsabläufe werden konsequent vereinfacht. Wir halten es mit der Ordnung so, dass es praktisch zum Arbeiten sein muss. Der Betrieb hat aber keine Repräsentationsfunktion. Wir haben im Sommer eigentlich nur alle 5 Woche Arbeitsdruck, wenn die Grassilage eingebracht werden muss. Dann helfen mir regelmässig zwei Aushilfskräfte.
«Ich fühle mich insgesamt aber nicht gestresst. Nach der Grassilageernte habe ich es dann wieder einige Wochen locker. Dann mache ich tagsüber auch einmal eine Velotour oder baue an meiner Modelleisenbahn», führt Huggel aus.
Dieses Jahr gönnt sich das Ehepaar 10 Tage Skiferien, 7 Tage Badeferien und 4 bis 5 verlängerte Wochenenden. Während dieser Zeit erledigt eine der Aushilfskräfte die Stallarbeit. Wichtig sei, dass man immer die gleichen Aushilfskräfte hat. Die besorgen dann den Viehbestand zuverlässig. Dieses Jahr wurde vom Januar bis anfangs Juli zum ersten Mal ein junger Landwirt für 2 Tage pro Woche angestellt. Das hat zusätzliche Freiräume gebracht und es konnte aufgeschobenes abgearbeitet werden. Urs Huggel setzt bewusst dort das Kapital ein, wo es am meisten Arbeitszeiteinsparung bringt. Eine effiziente Melkeinrichtung (2×8) und eine gut organisierte Fütterung sind für Ihn dabei die Schlüsselfaktoren.


Andreas und Martina Hofer, Oberneunforn,
bewirtschaften einen gemischten Betrieb mit 35 Hektaren. Sie halten im Moment gut 52 Milchkühe, wobei die Herde im Aufbau ist. Nebst dem Milchvieh bilden der Anbau von Saatgutkartoffeln (3,5 ha), 5 ha Ackerbau und der Hofladen wichtige Betriebsstandbeine. Martina Hofer ist Floristin. Sie betreibt gemeinsam mit der Mutter von Andreas das Schnittblumenfeld und verkauft im Hofladen Blumengestecke, selbst angebautes Gemüse und eigenes Brot. 70 Prozent der Sommerration ist Weide.
Die Sommerration besteht zu 70 Prozent aus Weidegras. Auf dem gut arrondierten Betrieb dient die Weidehaltung auch der Arbeitsentlastung. Für Andreas Hofer gehört die Planung von Freiräumen in ein Betriebskonzept: «Der Stallneubau für 63 Kuhplätze hat inklusive Futterlager und Güllelager 13 000 Franken pro Kuhplatz gekostet, was unter den aktuellen Bedingungen sehr günstig ist. Wir haben uns bewusst für eine einfache und günstige Bauweise entschieden. Zum einen weist unser Stall die Voraussetzungen für ein gutes Tierwohl auf und ist auch arbeitseffizient (2×6-Fischgrat-Melkstand). Zum anderen setzen wir das Geld lieber für eine Aushilfe ein als für einen Prestigebau.»
Andreas Hofer hat 2 Sonntage pro Monat frei. Dann besorgt der Vater, welcher noch auf dem Hof mitarbeitet, die Tiere alleine. Zudem macht die Familie pro Jahr 3 Wochen Ferien ausserhalb des Betriebes. Wenn der Vater diese Arbeit einmal nicht mehr machen kann, ist für Hofers ein Teilzeitangestellter eine Option. Für Andreas Hofer hat Erholung und Belastung aber nicht nur etwas mit Ferien zu tun: «Für mich gehört es auch dazu, dass wir zwischendurch immer wieder einmal eine Stunde zur Verfügung habe, in der ich ohne Zeitdruck über das Feld gehen kann. Das ist für mich auch ein wertvoller Freiraum. Zudem machen wir heute das, was wir gerne machen. Meine Frau hat ihre Leidenschaft bei den Blumen. Ich eher bei den Kühen und den Kartoffeln. Wenn man die Arbeit gerne macht, belastet sie auch weniger.»


BG Koster-Keller-Gsell, Oberaach, bewirtschaftet insgesamt eine Fläche von 72 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, verteilt auf zwei Proficenter (Niederaach und Balgen). In Niederaach ist das Schwergewicht die Milchviehhaltung (150 Kühe), daneben spielt ebenfalls der Hochstamm-Obstbau (zirka 600 Bäume) und Ackerbau (jeweils 4 bis 5 ha Zuckerrüben und Winterweizen sowie 13 ha Silomais) eine wichtige Rolle. In Balgen ist das Schwergewicht die Pouletmast und der Intensiv-Obstbau (7 ha).
Der Betrieb ist in den vergangenen 12 Jahren durch die Gründung (2002) und Erweiterung (2005) der BG stark gewachsen. Der Stall in Niederaach wurde in der Folge mehrfach erweitert und im Jahr 2011 wurde sogar ein Melkroboter eingebaut. Im gleichen Jahr stellte der Betrieb von silofreier Milchproduktion auf Silage-Fütterung um (TMR). Die Betriebsleiter sind aber immer noch grosse Fans der Heuproduktion, dies aus fütterungstechnischen und Kosten- Gründen. Die Betriebsleiter erledigen den grössten Teil der Arbeit selber und Lohnarbeiten nehmen einen geringen Anteil ein. Dank der Aufteilung der Arbeiten in verschiedene Ressorts mit klaren Zuständigkeiten, der Zusammenarbeit mit weiteren Partnerbetrieben und zusätzlich mobilisierbare Arbeitskräfte für Arbeitsspitzen gibt es klare Arbeitsabläufe und Freiräume. Beispielsweise werden freie Wochenenden fix eingeplant.
Die Betriebsleiter haben die Vorzüge des Melkroboters sehr gelobt, aber auch auf Punkte hingewiesen, die unbedingt beachtet werden müssen. Vor der Anschaffung muss die Produktwahl sehr genau überlegt werden, und bei grösseren Pannen kann ein Melkroboter auch sehr grossen Stress bedeuten. Insgesamt erlaubt es die unterdessen sehr gut eingespielte Betriebsgemeinschaft, dass jede der drei beteiligte Familien trotz der für Schweizer Verhältnisse sehr grossen Dimension genügend Freiräume und eine gute Lebensqualität hat!


Christof Baumgartner und
Daniel Nyfeler,
BBZ Arenenberg










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