Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. September 2018


Konsumenten haben es in der Hand

Ausgabe Nummer 3 (2015)

Sowohl Urs Brändli, Präsident Bio Suisse, wie auch Conradin Bolliger, Leiter Nachhaltigkeit bei Coop, versichern, dass jeder Bio-Artikel, der bei Coop verkauft wird, nach den Richtlinien der Bio-Knospe produziert wird, und dies auch im Ausland.

Das Interesse am ersten Abend des zweiteiligen Agrarzyklus der Volkshochschule Mittelthurgau im BBZ Weinfelden war sehr gross. Mehr als 70 Interessierte wollten wissen, ob hinter dem Coop Label Naturaplan und der Knospe von Bio Suisse mehr steckt als bloss der Slogan: «Bio Suisse bringt den Geschmack zurück.»
Michael Dubach, Vorstandsmitglied der Volkshochschule Mittelthurgau und Organisator des Anlasses, freute sich, dass Urs Brändli, Präsident Bio Suisse, aus Goldingen, und sein früherer Studienkollege Conradin Bolliger, Leiter Nachhaltigkeits-Eigenmarkte Coop aus Basel, den Weg nach Weinfelden auf sich nahmen. In ihren Referaten widerlegten die beiden Bio- Fachmänner eindrücklich die These von Dubach, dass der Anbau von Bio-Rohrzucker aus Lateinamerika wohl nicht den Richtlininen von Bio Suisse entspreche und daher der Kauf unsinnig sei. «Das ist leider falsch», sind sich die Referenten einig. Verschiedene Versuche, biologisch produzierten weissen Zucker aus schweizerischen Zuckerrüben herzustellen seien bislang gescheitert. Deshalb habe man veranlasst, dass Produzenten in Paraguay nach den Richtlinien von Bio Suisse Rohrzucker produzieren, damit auf chemisch-synthetische Hilfsmittel verzichten, die Biodiversität fördern, keine Gentechnologie einsetzen, weder Farb- noch Aromastoffe verwenden und zusätzlich faire und gerechte Arbeitsstellen garantieren. «Damit haben wir in diesen Schwellenländern schon sehr viel erreicht» sagte Conradin Bolliger. Da der Rohrzucker per Schiff transportiert wird, lasse sich die Nachhaltigkeit sehr wohl mit dem Schweizer Zucker vergleichen und habe die Nase klar vorne. Zudem gebe es Konsumenten, die Rohrzucker dem weissen Zucker vorziehen und diesen auch in Bioqualität konsumieren möchten; dem sei nichts entgegenzusetzen, sagte Bolliger deutlich.

Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit
Urs Brändli, Präsident Bio Suisse, erklärte, dass heute auf 12,2 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche nach biologischen Grundsätzen produziert werde. Im Kanton Graubünden seien es bereits 55,6 Prozent. Der Marktanteil der Bioprodukte betrage heute sieben Prozent und liege bei Eiern und Brot bei über 20 Prozent. Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit seien wichtige Eckpfeiler der Bio-Knospen-Bewegung, welche bereits seit 22 Jahren bestehe und sich auch heute den gesellschaftlichen Herausforderungen stellte. Diese umschrieb Brändli mit dem Ressourcenverbrauch von Energie und Wasser, der Welternährung, dem Schutz des Kulturlandes und der Eiweissversorgung. Zudem müsse der Einsatz von Antibiotika unbedingt verringert werden. Die Kernkompetenzen von Bio Suisse gelten dem Geschmack und Genuss eines Lebensmittels, dem Tierwohl, den vitalen Böden, der Nähe zum Konsumenten, die standortgerechte Zucht und Haltung von Tieren und die Erhaltung einer vielfältigen Kulturlandschaft. Zudem sei eine grösstmögliche Markttransparenz wichtig. Der Konsument muss heute nachverfolgen können, wo sein Rüebli auf dem Teller gewachsen ist. Für Brändli ist die Regionalität eines Produktes auch sehr wichtig. Hingegen warnt er davor, die Regionalität vor die Produktionsart zu stellen und schliesst sich einem Zitat des ehemaligen deutschen Politikers Joschka Fischer an, der einmal sagte: «Mist bleibt Mist, auch wenn er aus der Region kommt.» Brändli ist überzeugt, dass es an den Konsumenten liege, welche Nahrung ihnen auch in Zukunft zur Verfügung stehe. «Der Schlüssel zum Erfolg liegt beim Konsumenten.»

Genuss steht im Zentrum
Das Ziel, dass sich Coop gesetzt habe, bis 2023 die Klimaneutralität zu erreichen, sei sehr hoch gesteckt, sagte Conradin Bolliger, Leiter Nachhaltigkeits-Eigenmarke Coop. Deshalb setze der Grossverteiler alles daran, die erfolgreiche Entwicklung der Bio-Knospe- Produkte zu stärken und weiter auszubauen. Die 22-jährige Partnerschaft mit Bio Suisse habe Coop den Weg zum grössten Marktanteil am Schweizer Biomarkt von 49 Prozent mit über einer Million Franken überhaupt ermöglicht, so Bolliger. Auch wenn Bio früher den «Körnlipickern» vorbehalten war und oft belächelt wurde, sei es heute in der Gesellschaft angekommen. Jährlich kommen bei Coop zwischen 60 und 80 neue Produkte auf den Markt. Nirgends auf der Welt geben Menschen mehr Geld aus für Bioprodukte als in der Schweiz. Die Ausgaben dafür betragen 253 Franken pro Kopf und Jahr, jedes zweite Bioprodukt gehe bei Coop über den Ladentisch. Die Einhaltung der Knospe-Richtlinien im Ausland bedeute für Coop eine der grössten Herausforderungen. «In Zukunft wollen wir den Genussfaktor mehr ins Zentrum setzen«, erklärte Bolliger, da es heute doch so sei, dass sich Konsumenten immer mehr etwas Gutes, Schmackhaftes und Einzigartiges leisten wollen. Natürlich haben die Bio-Knospen-Produkte auch ihren Preis. Doch es sei nicht so, dass die natürlich gewachsenen Produkte zu teuer, sondern vielmehr die Lebensmittel allgemein zu billig seien. Im Vergleich zu früheren Jahren wende man heute noch lediglich sieben Prozent des Einkommens für Essen auf.


Ruth Bossert













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