Ausgabe Nummer 6 (2006)

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«Ganz ellei de Chare züche»

Anregungen aus einem Ehe-WK

«Ganz ellei de Chare züche»


«Zeichnen Sie jetzt einmal ihre Ehe!» So lautete mein sonderbarer Wunsch. Zwanzig verdutzte Augenpaare guckten aufgeschreckt in den Raum, aufs grosse weisse Blatt vor ihnen und die bunten Filzstifte. Nach erstem Zögern folgten schmunzelnde Flüsterzweiergespräche. Irgendwann begannen die Stifte zu kratzen. Spontane Momenteindrücke entstanden. Jedes Werklein liess tief blicken.
Ein Ehebild zeigt das Foto nebenan. Da ist eine leicht gebückte Frau. An einem langen Seil zieht sie ein zweirädriges Wägelchen. Dort drin sitzen die vier Kinder. Der Mann marschiert stramm neben dem Gefährt.
«Die Botschaft ist eindeutig», meinten die andern Paare. Diese Frau zieht den Familienkarren. Aber ganz allein. Die Kinderverantwortung drückt auf ihre Schultern. Es schmerzt. Die Frau leidet. Sie ist traurig, unzufrieden. Die Ehe ist zu wenig partnerschaftlich. Sicher ist es wertvoll, wenn der Partner in die gleiche Richtung und im gleichen Tempo mitgeht. Wahrscheinlich ist der Mann tüchtig im Stall, auf den Feldern, im Betrieb. Aber punkto Frau und Kinder sollte er einige Änderungen wagen, sodass seine Frau weniger traurig wäre.
Ein Appenzeller Witzbold erntete schallendes Gelächter. Er meinte: «Eigentlich ist es doch recht nett von diesem Mann und Vater, dass er tapfer mitläuft und nicht auch noch im Wägelchen drin hockt!»
Ich empfahl der Gruppe tiefer in diese Zeichnung hinein zu denken: «Was wären bessere Lösungen?» Schon sprudelten Vorschläge: Abwechslungen erfrischen jeden tödlichen Trott und Tramp. Ein Rollentausch wäre hie und da wünschbar, nicht nur, wenn die Frau krank im Bett liegt! Die Mutter würde auch gerne einmal neben dem Wägelchen mitspazieren! Beide Personen ziehen zusammen den Wagen, besonders dann, wenns bergauf geht! Der Vater könnte das mühsamste Kind auf seine Schultern nehmen! Garantiert wärs für die erschöpfte Frau ein Vergnügen, einmal allein im Wägelchen zu sitzen, sich von den andern ziehen zu lassen! Das älteste Kind sollte mitstossen! Auf einem Bänklein könnten alle sechs Personen, oder wenigstens die Eltern, Pause machen, nachdenken, die unbefriedigende Alltagssituation besprechen und Verbesserungen suchen!
Ein gemütlicher und lehrreicher Ehe-WK dauert einen Tag. Alle Beteiligten profitieren. Denn keine Beziehung ist wartungsfrei. Jede Zweisamkeit braucht Pausen, Anregungen, Service. Wie Auto, Traktor, Heizung. Darum sind solche Begegnungen und Aussprachen Balsam für jedes Eheklima. Reden ist der Lebensnerv jeder Beziehung. Alle Menschen lernen es ein ganzes Leben lang. «Mosch halt näbis säge, dänn gsech ich dich!» So hiessen die Titel in Herisau und Salez. Täglich muss jeder Mensch entscheiden: Soll ich etwas Drückendes ansprechen oder soll ich es für mich behalten? Reden ist Silber, Schweigen (oft) ein Verhängnis. Speziell Sorgen und Drückendes endlich aussprechen, entschärft drückende Familien-Gewitter-Stimmungen und befreit gebeugte Seelen von unnötigem Leiden.
Zehn bis zwölf Paare dürfen jeweils dabei sein. Die Teilnehmerzahl soll nicht zu hoch sein. Lebendiges, mutiges Hin- und Herplaudern und Austauschen ist wichtig. Männer hegen sonderbarerweise immer Hemmungen und Ängste. Dabei ist ihre andere Sicht, ihr frohes und heiteres Mitmachen bereichernd. Meistens bringen sie träfe, geschickte Anregungen. Niemand wird gezwungen, Allerpersönlichstes auszusprechen.
In der Schlussrunde äusserte der Ehemann von der Zeichnung einen hübschen, konstruktiven Gedanken. Er meinte liebenswürdig: «Ich muss unsere Arbeitsaufteilung überlegen. Sicher finden meine Frau und ich eine bessere Lösung, als die heutige Ehezeichnung zeigt!»

Walter Ritter