Ausgabe Nummer 41 (2003)

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«Hoffe, dass der Weltmarktpreis steigt»

Interview mit Ständerat Philipp Stähelin zur WTO und Zuckerwirtschaft
 

«Hoffe, dass der Weltmarktpreis steigt»

 
Die Schweizer Zuckerwirtschaft steht vor einer nächsten Bewährungsprobe. Mit dem aktuellen Leistungsauftrag 2004 bis 2007 wurde der Branche die Bundesmittel deutlich gekürzt. Auch die WTO übt Druck aus. Der Thurgauer Ständerat und Zuckerfabriken-VR-Präsident Philipp Stähelin äussert sich zur Zukunft des Süssstoffes aus einheimischer Produktion.
 

Philipp Stähelin: «Die Zuckerwirtschaft muss versuchen, die Funktion der Zuckerrübe als «CO2-Absorbtionsfrucht» verstärkt als Argument einzubringen.»

 
Thurgauer Bauer: Vor gut zwei Wochen wurden in Cancún die WTO-Verhandlungen abgebrochen. Haben Sie da als Verwaltungsratspräsident der Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld AG (ZAF AG) nicht gejubelt?
Philipp Stähelin: Ja und nein. Es ist einerseits im Interesse unseres Landes, dass Handelsschranken zwischen den Staaten bei Dienstleistungen und Industrieprodukten möglichst abgebaut werden. Die Schweiz ist ein Exportland, und wir leben letztendlich alle vom Export. Andererseits bin ich beruhigt; denn im Landwirtschaftsbereich wäre es verheerend gewesen, wenn die Märkte einfach im Sinne der grossen Agrarexporteure, der so genannten Cairns-Länder, geöffnet worden wären. Das hätte schlicht und einfach den Untergang der Schweizer Landwirtschaft bedeutet. Daher bin ich froh, dass wir eine Atempause gewonnen haben, während der wir neue Lösungen vorschlagen können, mit denen auch die Schweizer Landwirtschaft leben kann.

TB: Nicht nur die WTO setzt die Landwirtschaft unter Druck. Beim Zucker will auch EU-Agrarkommissär Franz Fischler die Gelder massiv zusammenkürzen. Kann die Schweizer Zuckerwirtschaft in diesem Umfeld überhaupt langfristig bestehen?
Philipp Stähelin: Franz Fischler war anlässlich der Eröffnung der SuisseTier in Luzern. Ich konnte einige Worte mit ihm wechseln. In der EU wird die Zuckerwirtschaft ganz gewaltig unter Druck kommen. Die Zuckerwirtschaft ist jedoch der letzte, grössere geschützte Bereich. Es wird zu einem grossen Seilziehen innerhalb der EU kommen. Obwohl auch wir tangiert werden, können wir diesen Prozess nicht beeinflussen. Für mich sind vorderhand ohnehin die WTO-Verhandlungen der heiklere Part.

TB: Im Rahmen des neuen Leistungsauftrages, der ab der aktuellen Kampagne läuft, mussten die Zuckerfabriken deutliche Kürzungen bei der Abgeltung in Kaufen nehmen. Welche Argumente haben Sie gegenüber dem Bund, dass der Leistungsauftrag auch künftig entschädigt wird?
Philipp Stähelin: Tatsächlich musste die Zuckerbranche recht massive finanzielle Kürzungen erdulden. Es sind 40 Millionen, verteilt auf vier Jahre. Das Problematische aus meiner Sicht ist dabei, dass der Abbau so ausgestaltet ist, dass wir im Jahre 2007 auf einem sehr tiefen Niveau angelangt sind. Das heisst, die Ausgangslage für später sieht nicht sehr gut aus. Auf der anderen Seite hat der Bund darauf verzichtet, im Leistungsauftrag eine Obergrenze für die Zuckerproduktion festzulegen. Dies gibt uns die Chance, die Kosten pro verarbeitete Menge zu senken. Die ist wiederum ein Vorteil, denn die Produktion wird dadurch verbilligt.
Die Zuckerwirtschaft muss allerdings langfristig versuchen, die Funktion der Zuckerrübe als «CO2-Absorbtionsfrucht» als Argument in die Diskussion um Leistungsauftrag und Entschädigung verstärkt einzubringen. Wenn künftig die CO2-Umwandlung in Sauerstoff als Teil der Multifunktionalität der Landwirtschaft abgegolten würde, hätte dies den Vorteil, dass auch die Leistung der Pflanzer belohnt würde. Ein solches System müsste sinngemäss für alle Nutzpflanzen gelten. Gleichzeitig müsste verlangt werden, dass die CO2-Absorption im Inland erfolgen müsste, dies gäbe der Landwirtschaft einen gewissen Schutz. Die Idee ist noch nicht zu Ende gedacht. Ich meine aber, dass dies ein Weg sein könnte, um die Produktion am Ort zu fördern, und auch um die Mittel für die Landwirtschaft langfristig zu sichern.

TB: Mit dem Aufheben der Oberbegrenzung bei der Zuckerproduktion dürfte die Anbaufläche erneut ausgedehnt werden. Kommen Sie als Thurgauer Ständerat und Verwaltungsratspräsident der ZAF AG nicht in einen Interessenkonflikt, wenn es um die Verteilung der Flächen geht?
Philipp Stähelin: Nein, es gibt keinen Interessenkonflikt, weil sich die Interessen vom Kanton und jene der Fabrik tatsächlich decken. Die Fabrik will die Produktionskosten senken, dazu gehören auch die Transportkosten. Die Gesamtunternehmung, dass heisst die beiden Fabriken in Aarberg und Frauenfeld, beabsichtig tendenziell im Osten mehr Rüben anzubauen, damit hier die Transportwege kürzer werden. Im Übrigen geht es nicht um wahnsinnig grosse Mengen, die zur Disposition stehen.

TB: Sie haben vorhin das Thema Kosten angesprochen. Bei den Rüben ist dies ein Dauerbrenner. Der Rübenpreis steht dank Flächenausdehnung nun nicht zur Diskussion?
Philipp Stähelin: Der Rübenpreis kommt natürlich je länger je mehr unter Druck. Weil die Abgeltung des Leistungsauftrages durch den Bund massiv gekürzt wird, spürt das die ganze Zuckerbranche. Und das wird Folgen haben. Doch der Rübenpreis hängt noch viel stärker vom Zucker-weltmarktpreis ab. Wenn der Weltmarktpreis steigt, kann die Fabrik den Rübenpreis auffangen. Wenn der Weltmarktpreis im Keller bleibt, so wie jetzt, dann sieht es schlecht aus. Eine Flächenausdehnung allein kann zwar etwas helfen, aber es wird nie einen tiefen Weltmarktpreis aufwiegen können. Wir hoffen daher natürlich, dass sich der Weltmarktpreis für Zucker erholen wird.

TB: Die Zuckerwirtschaft ist international organisiert. Grössere Produzenten wie etwas Südzucker arbeiten mit anderen Firmen in anderen Ländern zusammen. Das ist für Aarberg und Frauenfeld kein Thema?
Philipp Stähelin: Gerade mit Südzucker pflegen wir einen intensiven Gedankenaustausch, gerade was die technische Entwicklungen angeht. Ich stelle mit Freude fest, dass öfters Delegationen der Südzucker bei uns zu Besuch sind, weil Frauenfeld als moderner Betrieb gilt. Eine Zusammenarbeit, die in Richtung einer Fusion zielt, sehe ich nicht. Südzucker ist unser grösster Konkurrent in nächster Nähe. Gegenüber Südzucker gibt es praktisch keinen Distanzschutz. Bei einer Verschmelzung mit der ZAF wird Südzucker sehr wohl den Markt übernehmen, aber kaum die beiden Produktionsstandorte. Das Schweizer Lohn- und Preisniveau spricht da eine deutliche Sprache. Darum wird die Zuckerfabrik Aarberg und Frauenfeld AG selbstständig bleiben.

TB: Und umgekehrt gibt es auch keine Absichten, dass sich die Schweizer Zuckerfabrik an ausländischen Unternehmen beteiligt, um die eigene Rechnung zu verbessern?
Philipp Stähelin: Das wären ja wunderschöne Gedanken, aber dazu fehlt uns schlicht das Geld. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Zuckerfabriken ohne eigene Mittel in die Eigenverantwortung entlassen wurden. Die Fabriken hatten einige guten Jahre, sodass eine gewisse Eigenkapital-Basis aufgebaut werden konnte. Doch diese ist gerade so gross, dass wir keine Kredite aufnehmen müssen, um die Rübengelder vorzufinanzieren. Um uns an anderen Fabriken zu beteiligen, müssten wir uns verschulden, und das will ich nicht.

TB: Wo sehen Sie als Thurgauer Ständerat überhaupt Möglichkeiten, das weltweite Spiel von WTO und Liberalisierung zu beeinflussen?
Philipp Stähelin: Ich bin Mitglied der aussenpolitischen Kommission. Das Verhandlungsmandat, das der Bundesrat seiner Delegation erteilt, muss mit der aussenpolitischen Kommission besprochen werden. Das Mandat wird uns vorgelegt und von uns diskutiert. Auf diese Art kann man schon Einfluss nehmen. Unsere Meinungen werden zur Kenntnis genommen, und sie werden in aller Regel vom Bundesrat beachtet, obwohl unsere Meinungen nicht bindend sind.

TB: Doch die Landwirtschaft ist in diesen Gesprächen nicht viel mehr als eine Fussnote?
Philipp Stähelin: Nein, die Landwirtschaft war diesmal sogar das Hauptthema. Zugegeben: Die Interessenlage ist klar, die Schweiz will möglichst alle Hemmnisse für Dienstleistungen und Industrieprodukte abbauen, aber bei der Landwirtschaft wollen wir für unser Land trotzdem eine möglichst gute Ausgangslage schaffen. Dies ist die Krux, und darüber wurde in der aussenpolitischen Kommission hauptsächlich diskutiert. (hil)
 

Sechs Stichworte für Philipp Stähelin
Rübentransporte als Verkehrshindernisse:
Ich freue mich, dass wir in Frauenfeld heute eine viel besser Regelung haben als noch vor einigen Jahren. Der Ablauf ist so organisiert, dass es bei der Fabrik zu keinen langen Warteschlangen mehr kommt. Es kommt folglich auch zu weniger Verkehrsbehinderungen auf der Strasse. Zudem habe ich festgestellt, dass die Zeiten von schlecht beleuchteten, kaum strassentauglichen Fuhrwerken zum Glück vorbei sind. Die Transporte sind schneller unterwegs, und man sieht sie auch besser – im Nebel. Schade ist, dass der Bahntransport nicht gerade günstig ist. Der Bahntransport entlastet die Strassen und wäre umweltfreundlich, aber er ist zu teuer. Da müsste die Flexibilität der SBB grösser werden. Der Verkehr auf dem Schienennetz ist viel grösser als noch vor einigen Jahren (zum Beispiel S-Bahn). Für Rübenzüge gibt es nur vereinzelte Zeitfenster. Es ist eine logistisch äusserst anspruchsvolle Arbeit, da die Kampagne nur eine gewisse Zeit dauert. Unter dieses Kapitel fällt auch das Bereitstellen der Güterwagons. In Frauenfeld haben wir bezüglich Bahnanfuhr bessere Voraussetzungen. In Aarberg werden wir in nächster Zeit eine andere Lösung finden müssen.
200 Jahre Thurgau: Das Fest in Frauenfeld war ganz toll. Ich hatte grosse Freude daran. Ärgerlich fand ich, dass das Fest in der übrigen Schweiz kaum beachtet wurde. Wenn ein Fest mit hunderttausenden von Leuten in der Innenstadt von Zürich stattgefunden hätte, hätten die Medien wohl eine Woche davon gesprochen. Das tut unserem Selbstwertgefühl keinen Abbruch, aber es zeigt, wie die Ostschweiz in der übrigen Schweiz wahrgenommen wird, oder eben nicht.
Napoleon: Im Gegensatz zu den Kantonen der Innerschweiz war Napoleon für uns Thurgauer ein Befreier. «Napoleon» ist für uns positiv besetzt, vor allem auch, weil der spätere Napoleon III. im Thurgau aufgewachsen ist, hier in den Grossen Rat gewählt wurde und Gründer des Kantonalschützenvereins war. Napoleon hat aber auch einen Bezug zur Landwirtschaft, schliesslich wurde Schloss Arenenberg dem Kanton geschenkt, mit der Zweck, dort eine Landwirtschaftsschule einzurichten.
EU: Ein Beitritt ist für die nächsten vier Jahre kein Thema. Hingegen müssen die Billateralen II zu einem guten Ende geführt werden, zudem geht es darum, die Ost-Erweiterung der EU darin einzubeziehen. Ein grosses Thema dabei sind die verarbeiteten Landwirtschaftsprodukte.
OLMA: Sie ist ein wunderbares Ostschweizer Fest. Der Thurgau ist einer der Träger der OLMA. Ich freue mich, dieses Jahr auch wieder einmal dabei sein zu dürfen.
OLMA-Plakat: Dazu will ich mich nicht äussern. Ich musste in letzter Zeit so häufig zu Plakaten Stellung nehmen, da will ich nun nicht mehr gross kommentieren (lacht).
Hermann Bürgi: Ein guter, zuverlässiger Ständeratskollege. Ich freue mich, gemeinsam mit ihm in Bern für den Thurgau im Einsatz zu sein. (hil)

 
 
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