Ausgabe Nummer 21 (2004)

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«Landwirtschaft muss wachsen können»

Delegiertenversammlung des Thurgauer Bauernverbandes in Sulgen
 
«Landwirtschaft muss wachsen können»
 
Gegen 200 Delegierten, und eine stattliche Schar Gäste versammelten sich am Donnerstagabend letzter Woche im Auholzsaal, Sulgen, zur diesjährigen Delegiertenversammlung des Thurgauer Bauernverbandes (TBV). In seiner Ansprache bemängelte Präsident Andreas Binswanger den zu engen Rahmen, in dem sich unternehmerisch denkende Betriebsleiter zu bewegen hätten.
 
 
Die TBV-Geschäftsstelle an der Amriswilerstrasse in Weinfelden sei für viele Bauernfamilien eine wichtige Anlaufstelle für verschiedene Fragen, machte Geschäftsführerin Hermine Hascher klar. Steine aus dem Weg rollen und damit Treppen bauen. Dies sei eine der Hauptaufgaben des Thurgauer Bauernverbandes, erklärte TBV-Präsident Andreas Binswanger.
 
«Wir sind bereit, aber man lässt uns nicht», unter dieses Motto stellte TBV-Präsident Andreas Binswanger seine Betrachtungen zur Situation der Thurgauer Landwirtschaft im Speziellen und der Schweizer Landwirtschaft im Allgemeinen. Binswanger rief den 191 Delegierten und den rund 50 Gästen in Erinnerung, mit welch schwierigen Rahmenbedingungen landwirtschaftliche Unternehmer tagtäglich konfrontiert seien. Im Auholzsaal in Sulgen nannte Binswanger eine Reihe von Beispielen, wo die unternehmerischen Freiheiten für ihn in fragwürdiger Weise eingeschränkt werden. So etwa bei der Arbeitskräfteregelung, die zurzeit äusserst kontrovers diskutiert wird. Die aktuelle Regelung genüge nicht, es brauche eine bessere. «Trotz Mindestlöhnen sind viel zu wenig Schweizerinnen und Schweizer überhaupt bereit, Erntearbeiten in der Landwirtschaft auszuüben», gab der Präsident zu bedenken.

Ein dauerndes Steine-in-den-Weg-Legen
Ein anderes Beispiel ist für ihn das Thema Verbandsbeschwerderecht. «Wie viele Geflügelmastbetriebe wurden im Thurgau nicht gebaut, nur weil ein Thurgauer Umweltverband systematisch Einsprachen gegen diese Ställe erhoben hat?», fragte Binswanger sich und die anwesenden Delegierten und Gäste. «Diese Einkommen entgehen jetzt der Thurgauer Landwirtschaft; denn diese Ställe stehen nun woanders.» Binswanger warnte davor, dass nun grundsätzlich gegen Landwirtschaftszonen mit besonderer Nutzung systematisch Einsprache erhoben werde.

Torpedos am Markt
Auch auf dem so genannten freien Markt gibt es laut Binswanger Beispiele, wo grosse Anstrengungen der Produzenten zunichte gemacht oder zumindest torpediert werden: Die Thurgauer Erdbeeren sind in Zürich ein Begriff. Die hoch stehende Qualität wird mit dem Thurgauer Logo auf den Schalen begleitet. Nun hat der Grossverteiler Migros das Programm «Aus der Region für die Region» lanciert. Produkte mit dieser Kennzeichnung dürfen nur innerhalb der entsprechenden Migros-Genossenschaft als «Aus der Region für die Region» verkauft werden. Die Thurgauer Erdbeeren sind jetzt aber in Zürich gegenüber denen aus dem Zürcher Migros-Genossenschaftsgebiet benachteiligt, denn die Thurgauer dürfen dort nicht mehr mit dem Signet «aus der Region» verkauft werden.
Dagegen dürfen Thurgauer Erdbeeren in St. Galler Läden zwar das Signet «Aus der Region für die Region» tragen. Aber Migros verbietet dort, das Logo «Thurgauer Erdbeeren» auf die Schalen zu drucken. Alles in allem eine doppelte, absolut unnötige Marktbenachteiligung der Thurgauer Erdbeeren. «Nach einigen Anläufen ist es den Beerenpflanzern zusammen mit Agro-Marketing und dem Thurgauer Bauernverband gelungen, mit Migros wieder in Verhandlungen zu treten. Solche Übungen brauchen viel Zeit und Energie», machte Binswanger klar.

Mit Steinen Treppe bauen
Seine Arbeit als Präsident des Thurgauer Bauernverbandes sieht Binswanger daher darin, den Thurgauer Bäuerinnen und Bauern solche und andere Steine, die ihnen laufend in den Weg gelegt werden, beiseite zu schaffen. Dies sei manchmal Sisiphus-Arbeit, gab der TBV-Präsident zwar zu bedenken. Doch davon lasse sich er und der Thurgauer Bauernverband nicht entmutigen. «Bau dir mit den Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, eine Treppe», zitierte Binswanger ein chinesisches Sprichwort. Wie jeder Wirtschaftszweig müsse auch die Landwirtschaft wachsen können, forderte Binswanger.

Informationen aus der Geschäftsstelle
Die statutarischen Geschäfte wie Abnahme von Tätigkeitsbericht und Rechnung gingen ohne Wortmeldungen über die Bühne. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge zu beschliessen war, blieben die Sätze für 2004 unverändert, sodass es
auch zu diesem Punkt keine Diskussion gab. Unter Traktandum acht orientierte Geschäftsführerin Hermine Hascher über Aktualitäten aus der Geschäftsstelle. Bei der Agrisano-Krankenkasse habe sich im letzten Jahr eine Konsolidierung der Mitgliederzahlen abgezeichnet, erläuterte Hermine Hascher. Dabei sei bemerkenswert, dass bei insgesamt rückläufigen Mitgliederzahlen die Zahl der landwirtschaftlichen Mitglieder weiterhin steigt. Zum Praktikantenprogramm meinte sie, dass die Abwicklung der Gesuche mittlerweile gut eingespielt sei. Sie rief den Delegierten gewisse formelle Änderungen für dieses Jahr in Erinnerung.
Die Geschäftsstelle des Thurgauer Bauernverbandes sei eine wichtige Anlaufstelle für eine ganze Reihe von Anliegen von Bäuerinnen und Bauern. «Der ganze Bereich Raumplanung, Zonen- und Nutzungsplanung beschäftigt uns im Moment stark», zählte sie eines der «brennenden» Themen auf. Schliesslich wies Hascher auf die vielfältigen Engagements des Verbandes in politischen Fragen und bei Fragen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Thurgauer Landwirtschaft hin. «Im Moment sind wir daran, mit der von den Organisationen der Spezialkulturen ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe "Strategie Spezialkulturen" mit der Regierung Gespräche zu führen. Es geht dabei um zukunftsweisende Rahmenbedingungen für Spezialkulturen auf kantonaler und nationaler Ebene», nannte sie ein aktuelles Beispiel. Zudem sollen in diesem Sommer erste Projektideen zum Thurgauer «Kompetenzzentrum Ernährungswirtschaft» vorgestellt werden. (hil)
 
Mit fast 200 Delegierten und rund 50 Gästen aus Politik und Wirtschaft war der Auholzsaal in Sulgen sehr gut besetzt. (hil)
 
Der Imbiss und die Diskussion im Anschluss an die Delegiertenversammlung wurde vom Alphorntrio «Ruef us em Stall» begleitet. (hil)
 

Kommunikation
Einen wichtigen Stellenwert im Thurgauer Bauernverband haben traditionellerweise Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Ausser dem «Thurgauer Bauer» zählen Messeauftritte (zum Beispiel WEGA) und Vorträge aller Art zu diesem Bereich. Gerade bei nichtlandwirtschaftlichen Organisationen seien solche Referate sehr gefragt, erklärt Geschäftsführerin Hascher. (hil)

 

Thurgauer Modell?
In seinem Grusswort kam Regierungsrat Kaspar Schläpfer unter anderem auf das «Thurgauer Modell» einer dreijährigen landwirtschaftlichen Berufslehre zu sprechen. «Leider stösst das neue Bildungsangebot nach wie vor in andern Kantonen auf grossen Widerstand. Viele ausserkantonale Lehrmeister sind offenbar noch immer nicht bereit, den Lehrling vermehrt in die Schule zu schicken, und viele Landwirtschaftsschulen befürchten eine schlechtere Ausnützung ihrer Infrastrukturen», bedauerte der Thurgauer Volkswirtschaftsdirektor. Das Interesse der Eltern und Lehrlinge mache jedoch glücklicherweise vor den Kantonsgrenzen nicht Halt. Er hoffe, dass es dem Schweizerischen Bauernverband als Träger der landwirtschaftlichen Berufsbildung in absehbarer Zeit gelingen möge, einen Weg zu finden, der den Lehrlingen die Ausbildung in verschiedenen Kantonen erlaubt. (hil)

 

Ersatzwahlen Landjugend
In der Kommission Thurgauer Landjugend gab es drei Sitze neu zu besetzen. Rolf Kuhn, Salome Preiswerk und Marianne Barth hatten ihren Rücktritt angekündigt. Neu in die Kommission gewählt wurden an der Delegiertenversammlung Marlis Widmer (neutrales Mitglied), Andreas Ammann (LJG Thurtal) und Philipp Stäheli (LJG Seerücken). Neuer Kantonalpräsident wurde das bisherige Vorstandsmitglied Markus Hofer (LJG Thurtal). (hil)

 
 
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