«Mann und Frau müssen Milch mögen»
Ausgabe Nummer 2 (2004)
«Mann und Frau müssen Milch mögen»
|
Milchproduktion: Welche Strategie für meinen Betrieb? |
||||||
| |
||||||
|
|
||||||
|
|
||||||
| Anlässlich der Generalversammlung des Thurgauer Verbandes für Landtechnik (TVLT) liessen sich drei Milchproduzenten in die Karten blicken, wie sie die Zukunft des Betriebszweiges «Milch» auf ihren Höfen sehen. Zusammen mit den Expertinnen und Experten der Betriebsberatung lieferten sie wertvolle Denkanstösse. Zwischen 75 und 100 Kilogramm Milch sollte pro Arbeitskraftstunde (AKh) produziert werden, um auch in Zukunft den Betriebszweig «Milch» rentabel zu betreiben. Diese Grössenordnung ist nach Neuinvestitionen anzustreben, meinten Beraterinnen und -Berater der Fachstelle für Betriebsberatung in Weinfelden anlässlich der Generalversammlung des TVLT vor Weihnachten in Frauenfeld. Heute erreichen gerade mal die besten zehn Betriebe der Schweiz Arbeitsproduktivitäten von durchschnittlich 74 Kilogramm Milch pro aufgewendete Arbeitsstunde. Die Arbeitsproduktivität ist aber nur ein Aspekt. Betriebsberaterin Jennifer van der Maas zählte eine Reihe von weiteren Rahmenbedingungen auf, die bei neuen Investitionen in die Milchproduktion berücksichtigt werden sollten: Markt: Der Milchverkauf an einen zukunftsträchtigen Abnehmer ist geklärt. Strategie: Eindeutiger Entscheid der Betriebsleiterfamilie für den Haupterwerbszweig Milch. «Mann und Frau müssen Milch mögen». Baukosten bei Neubau: So wenig wie möglich. Maximal 1.50 Franken pro Kilo produzierte Milch bei einer Arbeitsproduktivität von 75 kg/AKh (beziehungsweise 2.00 Franken bei 100 kg/AKh). Baukosten bei Umbau: Kompromisse müssen echt günstiger sein. Finanzierung: Neue Investitionen nur mit einem gewissen Anteil Eigenkapital vornehmen (Risikominderung). Hypothek nicht über den Ertragswert nach dem Bau. Investitionskredite (zinsfrei) Fr. 5400/Grossviehplatz (Stall) neu bis 60 GVP. Folgekosten: Abschreibungen, Zinsen und Reparaturkosten betragen gesamthaft zwischen 7 und 12 Prozent der Baukosten. Nicht vernachlässigen! Baulösungen, Baukosten und Finanzierung müssten zum Betrieb, zur Denkhaltung und zur Risikobereitschaft der Familie passen, lautete Jenifer van der Maas Fazit. Rechtzeitig Weichen stellen Drei charakteristische Typen von Milch produzierenden Betrieben stellten sich in der Folge dem Publikum vor. Der Hof von Kurt und Magdalena Engeli aus Engishofen stand dabei als Beispiel für einen «Betrieb mit unsicherer Entwicklung». In den letzten Jahren wurde zwar immer etwas in den Betriebszweig investiert, zuletzt erfolgte 1997 der Umbau in einen Mehrraumlaufstall. Gemolken wird an der alten Fressachse. Kurt Engeli plant zurzeit keinen bedeutenden Ausbau der Milchviehhaltung. «Ich möchte gerne weiterhin genügend Zeit für das einzelne Tier haben», sagt er dazu. Die (bestehenden) Gebäude sollen weiter genutzt bzw. umgenutzt werden können. Gemäss Betriebsberaterin Fabienne Stahel ist eine Umnutzung des 1997 realisierten Mehrraumlaufstalles möglich. Dieser wurde mit wenig Fremdkapital gebaut und ist mittlerweile zu zwei Drittel abgeschrieben. Die Arbeitsproduktivität von 52 kg Milch pro AKh bezeichnete sie als mässig. Bei einem «hypothetischen» Milchpreis von 60 Rp pro kg muss der Betrieb Engeli mit Einkommensverlusten von 15 000 Franken pro Jahr rechnen, wobei die Effizienz kaum gesteigert werden könne. Demnach werde die Familie Engeli nicht darum herum kommen, die Betriebsstruktur zu überdenken. Alternativen seien: überbetriebliche Zusammenarbeit, Aufhören mit der Milchproduktion sowie Umstellung auf Mütterkühe oder Aufzucht. Fehlinvestitionen seien auf jeden Fall zu vermeiden; diese würden einen Richtungsentscheid höchstens hinauszögern. Schrittweise, aber ohne die Orientierung zu verlieren Anders präsentiert sich die Situation auf dem Betrieb von Regula und Andreas Haab in Weiningen. Dieser Betrieb repräsentiert die Kategorie «Wachstum in kleinen Schritten». Nach einigen «Anläufen» wurde der Betrieb 1998 ausgesiedelt. Es wurde ein Stall für 60 GVP erstellt, zurzeit werden 40 davon effektiv genutzt. Während der Bauphase wurden verschiedene Fütterungsverfahren in Erwägung gezogen. Schliesslich entschied die Betriebsleiterfamilie sich für Vollweide sowie für Rundballensilage einerseits und Ad-libitum-Fütterung am Flachsilo andererseits. Die Bauten sind entsprechend einfach und zweckmässig ausgefallen, auch die Innenmechanisierung kommt mit dem Nötigsten aus. 1999 konnte die Milchproduktion um 35 000 Kilogramm aufgestockt werden. Mittlerweile produziert Andreas Haab 200 000 Kilo Milch jährlich, wobei 70 000 Kilo zugemietet sind. Das Wachstum des Betriebes ist in den letzten Jahren fliessend erfolgt. Betriebsleiter Andreas Haab plante die Anpassungen selbst und bewies Improvisationsgeschick im positiven Sinn. Der neue Stall mit gut 60 Grossviehplätzen kam auf gut 9000 Franken pro Platz zu stehen, rechnet man allerdings nur die zurzeit genutzten 40 Plätzen, so betrugen die Investitionen gut 14 000 Franken. Die Arbeitsproduktivität ist im neuen Stall mit 100 kg/AKh sehr hoch. Die Gebäudekosten liegen mit 21 Rp./kg im oberen Bereich. Die einfache Bauweise und die rund 20 Kuhplätze in Reserve ermöglichen dem Betrieb Haab weiterhin ein flexibles, stufenweises Wachstum. Doch führt die Überkapazität zu vergleichsweise hohen laufenden Kosten. Auch laufe der Betriebsleiter Gefahr, vor lauter Planen, Bauen und Tüfteln den Blick für die eigentliche Strategie zu verlieren. Betriebsleiter, die ein Wachstum in kleinen Schritten anstreben, müssten über grosses handwerkliches und organisatorisches Geschick verfügen, zudem müssten sie geschickte Finanzplaner sein, hielt Berater Christof Baumgartner in seiner Beurteilung fest. |
||||||
|
||||||
| Zum Wachsen verdammt? Als drittes Beispiel schliesslich wurde der Betrieb von Heidi und Matthias Michel in Neukirch-Egnach vorgestellt. Dieser stand als Beispiel für «Wachstum in einem grossen Schritt». Innert weniger Jahre konnte die Milchproduktion dank Betriebsgemeinschaft und Kontigentszumietung auf nunmehr 400 000 Kilo Milch ausgedehnt werden. Nach dem Grundsatz «Arbeit durch Kapital ersetzen» wurde in den Jahren 2002/2003 ein Boxenlaufstall für 61 Kühe erstellt. Gefüttert wird mit Halbtagsweise und einer aufgewerteten Mischration (AMR). Matthias Michel hat sich vollständig auf die Milchproduktion spezialisiert. Remontiert wird über Vertragsaufzucht. Die Arbeitsproduktivität liegt mit 76 Kilo Milch/AKh im Bereich der «Top ten», entsprechend hoch ist auch der Lohnanspruch von 32 Rp./kg Milch (bei einem Ansatz von 24 Fr/h). Andererseits ist dieser Betrieb bei sinkendem Milchpreis klar einem Wachstumszwang ausgesetzt, wie Beraterin Jenifer van der Maas deutlich machte. Die Beschaffung von Kontingenten müsse als Investition angesehen werden, die wieder erwirtschaftet werden muss. Zudem muss die Produktion laufend optimiert und die Produktivität womöglich gesteigert werden. Gelingt dies nicht, so sinkt der Lohnanspruch bzw. der Arbeitsverdienst unweigerlich. (hil) |
||||||
|
||||||

