Ausgabe Nummer 47 (2005)

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«Mit dem Gentechfrei-Moratorium Risiken abklären»

Oppositionelle Bauernkreise beharren auf europäischem Milchboykott

«Mit dem Gentechfrei-Moratorium Risiken abklären»

Im Zentrum der diesjährigen Winterveranstaltung der Neuen Bauernkoordination Schweiz in Märstetten stand der europäische Milchboykott und die Gentechfrei-Initiative.


Hans Stalder, Urs Hans, Christine
Hürlimann, Hans Foldenauer und
Nationalrat Josef Kunz (v. l.) im
Gespräch über Milchboykott und
gentechfreie Lebensmittel. (tos)

Hans Stalder, Präsident Neue Bauernkoordination Schweiz (NBKS), wusste nicht, ob es am Wetter oder am Thema Gentech-Moratorium lag, dass die traditionelle Winterveranstaltung etwas weniger gut besucht wurde als in früheren Jahren. Eines wusste er aber genau: «Der Milchpreis muss für die Schweizer Produzenten in Kürze auf mindesten 95 Rappen (heute 65 bis 75 Rappen), ohne Veränderungen der Direktzahlungen und in der EU auf 40 Euro-Cent erhöht werden. Geschieht dies nicht, wird der drohende Milchboykott in ganz Europa in Kürze realisiert.» Nach seiner Meinung hat die Strategie vom ständigen Wachstum der Milchwirtschaftsbetriebe fehlgeschlagen, denn europaweit müssen die Milchproduzenten mit grossen finanziellen Einbussen leben, und die Bauernfamilien kämpfen um ihre Existenz.

Verfehlte Wachstumsstrategie

Hans Foldenauer, Vorstandsmitglied Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM), stellte fest, dass der BDM angesichts der schwierigen Lage in der Milchproduktion von 2300 Mitgliedern auf 120 00 anwuchs. Die Strategie vom ständigen Wachstum sei tatsächlich fehlgeschlagen, stehen doch in Deutschland Milchbetriebe mit 1700 Kühen vor dem aus. Nach seiner Meinung bringen Grosskundgebungen wenig. Der BDM setze auf klare Botschaften, die von allen verstanden werden. Zudem müsse das Selbstbewusstsein der Milchbauern gestärkt werden. Er forderte einen Systemwechsel bei der Milchpreisgestaltung. Die Kosten müssen auf die Produzenten, Milchverwerter und den Handel gleichmässig verteilt werden, sodass die Kosten der Milchproduzenten wieder voll gedeckt sind. Für die Zukunft müssen nach Ansicht von Foldenauer die Ziele der Milchbauern klar definiert werden. Die Kräfte sollen europaweit gebündelt werden. Mit allen Beteiligten der Milchwirtschaft müssen Gespräche und Lösungen gesucht werden. Da die Zeit aber dränge, müssten von bäuerlicher Seite scharfe Massnahmen getroffen werden, wie beispielsweise der europaweite Milchboykott.

Klärungsbedarf ist ausgewiesen

Eines wollte der Luzerner SVP-Nationalrat Josef Kunz klarstellen: «Wer gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel ist, muss bei der Gentechfrei-Initiative, über die am 27. November abgestimmt wird, ein Ja einlegen.» Kunz sieht in der Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen, Getreide und anderem mehr grosse Gefahren für die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier. Zudem lehnen 80 Prozent der Konsumenten gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Nach seiner Meinung ist eine Koexistenz in der klein strukturierten Schweiz gar nicht durchführbar. Dass bei der Gentechnik Risiken noch nicht abgeklärt seien, beweisen Beispiele wie Mais in Kanada und Brasilien, Erbsen und Bohnen, wo bei Versuchen Mäuse starben. Kunz will, dass mit dem Moratorium die offenen Fragen geklärt werden.

Schwer wiegendes Beispiel aus Deutschland

Für Christine Hürlimann, Slow Food Schweiz, sind Bauern Unternehmer, die im ersten Glied der Lebensmittelproduktion stehen und auf die Bedürfnisse der Konsumenten eingehen. Der Kunde wünsche natürliche, unveränderte und frische Produkte mit einer hohen Sicherheit und Qualität. Gesunde Ernährung sei gerade für unsere Gesellschaft von grosser Bedeutung. Hürlimann betonte, dass die Bauern und die Konsumenten sich vermehrt verbünden müssen, um gemeinsam für natürliche Produkte einzustehen. Für den erkrankten Gottfried Glöckner aus Deutschland sprach Urs Hans aus Lindau. Mit einem Film zeigte er die Leidensgeschichte von Glöckner, der vor Jahren gentechveränderten Mais anbaute. Nach kurzer Zeit zeigten seine Kühe seltsame Veränderungen. «Es kam zu Wasseransammlungen in den Gelenken, zu Ödemen in den Eutern, Blutgefässe erweiterten sich und bei einzelnen Tieren platzen die Adern.» Die ersten Kühe verendeten grausam. Der Rest der Herde musste getötet werden. Nach Aussage von Hans drückte sich das Gentechnikunternehmen um die Verantwortung und liess Glöckner im Stich.

Mario Tosato