Ausgabe Nummer 23 (2005)

zurück zur Übersicht

«Unverdauts görbslet ufe»

Familienleben

«Unverdauts görbslet ufe»

Leider muss ich immer wieder feststellen, dass gläubige Menschen voller Schuldgefühle sind. Sie verharren und grübeln in uraltem Mist. Da brodeln misslungene Beziehungen. Dort sinds jahrelange Streitigkeiten. Bei Dritten ein Missgeschick oder Fehler. Statt dass diese Selbstpeiniger ihr altes Leid vergessen und sich selbst verzeihen, nerven sie uns Mitmenschen damit. Christen sollten doch nicht dauernd mit Sündermine und Miesepeter-Gesicht ihre nächste Umwelt belasten. Mein jetziger Freund ist so ein Typ. Er kann nicht einen Schlussstrich unter Vergangenes ziehen, ist darum nicht frei für neue Liebe. Falls Sie mir einige praktische Tipps haben, wäre ich froh darum. E. M.

1.Tipp: wiederkäuen

Schuldgefühle drücken. Die Zeit heilt nie alle Wunden. Ein Magen kann nicht zu grosse Brocken oder schlechte Esswaren verdauen. Genauso unsere Seele. Schwere Lebenserschütterungen stösst sie zurück. Ein Brief, ein Wort, eine Erinnerung, eine Jahreszahl können genügen. Schon ist die «unverdaute Geschichte» wieder voll präsent. Sich selbst verzeihen scheint unmöglich. Sich selbst nerven wird üblich. Darunter leiden auch Unbeteiligte, Unschuldige. Zum Beispiel Sie, liebe Frau M! Seelisch wiederkäuen heisst trauern, weinen, klagen, einen Brief schreiben, nachdenken, überdenken, Träume deuten, innerlich hören. Das geschieht meistens allein, hie und da mit einem lieben Menschen, hie und da mit einer Fachfrau, einem Fachmann. Wer Geschehnisse, die älter als drei Monate sind, dauernd hervorholt und auftischt, liegt falsch. Drei Monate wiederkäuen sind genug.

2.Tipp: an sich arbeiten

«Wir können nicht hindern, dass Krähen über unsere Köpfe fliegen, aber wir können hindern, dass sie auf unsern Köpfen Nester bauen.» Ihr Freund kann nicht hindern, dass frühere Fehltritte und Ausrutscher wie Krähen immer wieder aus seiner Seele hochkriechen. Er soll diese Leidbringer nicht verdrängen, sondern angucken. Aber nur kurze Zeit. Dann darf er die «Krähen» mit Bestimmtheit weiterschicken: «Schluss damit! Jetzt will ich im Heute leben!» Solche Seelenarbeit hilft Ihrem Freund: Er ist für sein Denken, sein Empfinden, sein Tun und Nichttun verantwortlich. Das ist kein einfacher Schritt. Aber Eigenverantwortung befreit von der Vorstellung, die Mitmenschen müssten sich ändern. Ihr Freund soll sich selbst gern haben, sich selbst annehmen. Er soll beobachten, wo eine selbstgestellte Falle droht. Und dann nicht hineintappen.

3.Tipp: meditieren

In sich hineinhören, stille sitzen, seelisch aktiv werden führt zur Zwiesprache mit Gott. Spirituelle Menschen, also Gläubige, erfahren das Entschwinden von Schuldgefühlen. Ihre Seele verarbeitet gemachte Fehler. Ein vollständiges Vergessen gehört nie dazu. Seine Biografie kann niemand weglegen wie ein Kleidungsstück. In der obenstehenden Zeichnung drückt ein übergrosser Sorgenfinger dem Leidenden alle Freude aus dem Gesicht. Sinds echte Probleme? Sinds Einbildungen? Sinds Gespenster aus der Vergangenheit? Lässt sich der Druck beseitigen oder wenigstens erträglich machen? Wer hilft bei solcher Vergangenheitsbewältigung? Freigewordene reden sachlich über alte Wunden. Sie suhlen weniger selbstquälerisch im Vergangenen und legen eines Tages ein drückendes Lebenskapitel endgültig zu den Akten.

4.Tipp: liegen lassen

Nicht immer ist Wiederkäuen der helfende Weg. In gewissen Situationen kanns das Gegenteil sein: Liegen lassen, nicht beachten, drüber weggehen. Eine Geschichte aus dem alten Griechenland erzählt: Herakles entdeckt auf einer Passhöhe ein eigenartiges Gebilde, das wie ein Apfel aussieht. Er stampft mit seinem Fuss darauf, und schon ist das Ding doppelt so gross. Sonderbar, denkt er und schlägt mit seiner Keule darauf. Aber mit jedem Schlag wird der rätselhafte Gegenstand grösser und grösser und versperrt ihm den ganzen Weg. Da erscheint die Göttin der Weisheit, Athene, und sagt zu ihm (und zum Freund von B.M. und zu Leserinnen und Lesern): «Lass das sein! Das ist ein Zankapfel! Das ist ein Streit! Das ist unbewältigte Vergangenheit auf deiner Lebenswanderung! Wenn du dies liegen lässt, dann bleibt es klein, bescheiden und problemlos. Wenn du aber draufschlägst, die Probleme immer wieder aufhebst und mit dir herumträgst, dann werden sie dauernd grösser und grösser und versperren dir zuletzt den ganzen Lebensweg!»

Walter Ritter, Eheberater