Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


Leben mit Demenz

Ausgabe Nummer 10 (2015)

Aus der Fachkommission Betreuungsleistungen

«Care-Arbeit» wird sie im Fachjargon genannt – die Betreuung und Pflege von Mitmenschen zu Hause. Am Anfang war es nur das Mittagessen, dann kam plötzlich das Waschen dazu, die Begleitung zum Arzt, das Richten der Medikamente und so weiter. Man rutscht da allmählich hinein. Hinter jedem Care-Arrangement steht eine individuelle Geschichte; diese Betreuung kann sowohl für Ausführende wie Empfangende sehr bereichernd sein. Ein Erfahrungsbericht.

«Seit bald 20 Jahren kommen meine Eltern jeden Nachmittag von 13.30 bis 17.00 Uhr von Winterthur zu uns auf den Bauernhof nach Mettendorf. Meine Mutter (78) hat mich, während die Kinder noch klein waren, immer tatkräftig in der Kinderbetreuung und im Haushalt mit Geschirr abwaschen und putzen unterstützt. Als unser drittes Kind, Martina, vor sechs Jahren ins Kinderturnen ging, hat sie meine Mutter jeweils ein Stück weit begleitet. Doch bald wollte Martina nicht mehr vom Grossmami begleitet werden, weil diese sie mehrmals fragte, wie sie denn nach dem Kinderturnen wieder nach Hause komme. So begann die Demenz langsam. Mein Vater (84) und meine Mutter erledigten zu diesem Zeitpunkt noch viele Arbeiten wie Blacken stechen, Zuckerrüben jäten, Holz fräsen, Bäume schneiden usw., gemeinsam.
Meine Mutter stellte immer wieder fest, dass sie sich nicht mehr an den Vortag erinnern konnte. Wo sie war und was sie gemeinsam mit ihrem Mann gemacht hatte, es war weg ... Das stimmte sie jeweils etwas traurig. «Weisst du, mit meinem Kopf stimmt es nicht mehr so ganz», pflegte sie dann zu sagen. Auch begann sie täglich, Begebenheiten zu erzählen, welche schon weit zurück lagen, sie aber damals sehr geschmerzt hatten. So lebten wir langsam in die Veränderungen hinein. Da mein Vater kein besonders gesprächiger Mann ist, wussten wir gar nicht, was sich in ihrem Zusammenleben wirklich alles verändert hatte. Kann meine Mutter noch kochen, selber abwaschen oder einkaufen? Mein Vater begleitete sie während zirka zwei Jahren zu ihren wöchentlichen Turnstunden und holte sie auch wieder ab. Ich empfand es teilweise als Zumutung für die Turngruppe, da mein Vater eines Tages sagte, er wisse manchmal gar nicht, woher sie beispielsweise diese oder andere Socken her habe. Wir, mein Mann und ich, entschieden uns jedoch ganz bewusst, nichts zu sagen, da wir die genauen Umstände nicht kannten.
Vor drei Jahren bemerkten wir, dass meine Mutter bei kaltem Wetter auf unserem Hausplatz stand und keine Jacke trug. Ab jetzt galt es, die Worte geschickt zu wählen, damit sie unserem Vorhaben zustimmen konnte. Also nicht «Du musst eine Jacke anziehen», sondern «Schau einmal, die Männer tragen warme Jacken, dann müssen wir beide das auch tun». Wenn ich «wir» sage, klappt fast alles. Sage ich zu ihr: «Ich gehe auf die Toilette», sagt sie: «Ich gehe auch gleich». Auf diese Weise gelingt vieles ohne Widerstand. Wenn ich Fragen von ihr mit «Ja» beantworten kann, stelle ich fest, dass es ihr viel besser geht. Auch stellt sie das abgetrocknete Geschirr einfach zur Seite, weil sie sich nicht mehr erinnern kann, wohin es gehört. So müssen wir als Familie unsere Gewohnheiten anpassen. Beispielsweise hänge ich mit ihr zusammen die Wäsche auf; sie kann mir zudienen und macht alles richtig. Schneiden wir verblühte Blumen ab, mache ich das, und meine Mutter hält mir den Eimer hin. So können wir gemeinsam doch noch manche Arbeiten erledigen. Mich holt dieses Zusammenarbeiten aus meinem «noch schnell dies und noch schnell jenes erledigen» heraus. Die Nachmittage werden plötzlich lang, wenn es gilt, Arbeiten zu finden, die wir zusammen verrichten können. Am Schluss sind die liegen gebliebenen Arbeiten erledigt, und das ist für mich eine Wohltat. Danach kann ich den anderen Arbeiten nachgehen und bis am Abend ist das Wichtigste gemacht.
Vor zirka zwei Jahren erreichte die Demenz meiner Mutter ein Stadium mit noch geringeren Orientierungsmöglichkeiten. Den Papierkorb in den Container zu leeren war nur noch möglich, wenn sie den Container durch unsere Anweisungen sehen konnte. So mussten wir ihren Rückweg beobachten, wusste sie doch nicht mehr, woher sie gekommen war. In dieser Zeit konnte ich meine Mutter durch Anweisungen wie «nach rechts» oder «nach links gehen» noch relativ gut lenken. Unterdessen erkennt sie keine Küche, keinen Tisch, kein Hinten, kein Vorne, keine Stube, eigentlich gar nichts mehr. Personen kennt sie noch an ihren Gesichtern, nennt sie auch beim Namen, doch kann sie deren Zuständigkeiten nicht mehr einordnen. So sind ihre Enkelkinder lediglich Kinder, die oft bei uns sind. Und als sie kürzlich ihren Mann vermisste und wir ihr erklärten, er sitze dort hinten am Tisch, da wurde plötzlich ich zu ihrem Mann, weil ich gerade die Treppe herauf kam. Die Verknüpfung war nicht ganz falsch, denn oft warteten wir in der Küche, bis mein Vater hereinkam, beziehungsweise er die Treppe hochstieg. Zwischenzeitlich kennen wir solches. Was zählt, ist ihr Wohlergehen, dass sie zufrieden ist, ihre Bedürfnisse erfüllt werden und wir zusammen lachen können. Wir haben gelernt, als Familie dafür zu sorgen, dass sie den Weg findet, ihren Mann sehen kann, wenn sie nach ihm verlangt, usw. Belehrungen und Erklärungen hingegen verursachen eine deutliche Hilfslosigkeit. Das Beantworten ihrer Fragen schafft für sie Vertrauen und Sicherheit. Das heisst, wir antworten in ihre Welt hinein. Sitzen wir zum Beispiel um 14.30 Uhr im Wartezimmer des Arztes und sie fragt, wer denn jetzt für mich koche, gebe ich ihr zur Antwort, dass dies ein Grosskind, das heute frei hat, erledige. Sowas braucht schon etwas Überwindung, sitzen wir doch mit anderen Leuten zusammen im Wartezimmer. Aber sollen diese denken, was sie wollen, für mich stimmt es so. Wenn meine Mutter im Frühling von noch saftigen Wiesen zu dieser Jahreszeit spricht, dann weiss ich, dass sie sich im Herbst fühlt und ich bekräftige sie mit der Antwort, dass dies wirklich aussergewöhntlich sei. Es kann aber auch Herbst sein und sie glaubt, wir hätten wohl noch Heu zum Abladen – dann ist das eben so.
Für mich ist diese Betreuung äusserst wertvoll. Von meinem «schnell, schnell» bin ich in eine ganz neue Welt, die von mir eine Verlangsamung erfordert, eingetaucht. Diese bewusstseinserweiternde Erfahrung ist für mich und unsere ganze Familie enorm bereichernd. Es ist eine Freude für die ganze Familie, mit meiner Mutter zu lachen und zu scherzen, auch wenn sie selbst nach 30 Sekunden nichts mehr davon weiss. Uns allen werden dereinst diese verbindenden Erinnerungen erhalten bleiben. So dürfen wir gemeinsam Vater und Mutter beistehen, haben diese doch vorher so viel für uns getan».


Käthi Irminger







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