Ausgabe Nummer 4 (2012)

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Liebesrufe aus dem Winterwald

Wer im Januar/Februar in der späten Dämmerung oder in einer hellen Mondnacht durch den Wald geht, wird manchmal durch ein unheimliches Rufen aufgeschreckt. Huuuu hu uuuuu ruft es durch den Winterwald.

Oder auch Kuit Kuit, und plötzlich kann es sein, dass dann ganz nahe und lautlos ein Schatten durch den Hochwald gleitet. Keine Angst, es ist kein blutrünstiger Vampir, der es auf unseren Lebenssaft abgesehen hat, sondern ein Waldkauz, die bei uns am häufigsten vorkommende Eulenart, auf seinem Balzflug.

Die Waldkäuze sind auf Partnersuche
Schon Anfang Jahr suchen Frau und Herr Waldkauz ihren Partner und ein Revier für einen geeigneten Brutplatz. Oft wählt das Weibchen die gleiche Bruthöhle wie im Vorjahr, und wenn der letztjährige Partner inzwischen nicht verstorben ist, bleibt man sich weiterhin verbunden. Denn bei den Waldkäuzen gilt: Man bleibt sich treu, bis dass der Tod sie scheidet. Auf einem Ast vor dem Eingang zur ausgewählten Bruthöhle sitzend – diese befindet sich bevorzugt in einem hohlen Baum, in Scheunen oder in einem alten Krähennest – zeigen die beiden ihre Zuneigung mit gegenseitigem Kraulen und Schnäbeln. Ab Anfang Februar geht es dann mit dem Eierlegen im einfach ausgestatteten Nest los.

Nesthocker mit Daunenkleid
Das brütende Weibchen verlässt auch nach dem Schlüpfen der meist drei bis fünf Jungen noch während etwa fünfzehn Tagen das Nest nicht. Während dieser Zeit ist allein das Männchen für die Versorgung von Weib und Kind zuständig. Damit ein Waldkauzjunges tüchtig wachsen kann, braucht es jeden Tag so um die 100 Gramm Nahrung. Dabei ist es wenig wählerisch: Mäuse, Vögel, Amphibien, Regenwürmer und Käfer stehen auf seinem Speisezettel. Hauptsache, es gibt genug, macht kräftig und lässt die Schwungfedern rasch wachsen. Denn was ein rechter Waldkauz ist, möchte auch einmal lautlos durch den Wald gleiten können. Aber das schafft der junge Kauz erst so richtig im Alter von etwa zwölf Wochen. Dann aber geht er bereits selber auf lautlose Nachtjagd. Dabei hilft ihm sein hervorragend ausgebildetes räumliches Wahrnehmungssystem, mit dem er auch bei völliger Dunkelheit eine Maus am Boden orten und fangen kann. Ist ein Waldkauz erst einmal ausgewachsen, bringt er 600 bis 700 g auf die Waage und weist eine Spannweite von bis zu einem Meter auf.

Nützlich für Forst- und Landwirtschaft
Unter den Vögeln kennen wir vor allem den Mäusebussard und die Falken als rege Mäusefresser. Aber auch bei Eulen sind Mäuse ein wichtiger Teil der Nahrung. So kann deren Anteil beim Waldkauz durch- aus 80 bis 90 Prozent erreichen. Rechnet man bei einem Nestling mit durchschnittlich einer Maus pro Tag, kommen innerhalb von zehn Wochen bei drei Jungen doch etwa 210 Mäuse zusammen. Dazu kommt natürlich noch die Beute der Eltern. Die Verfügbarkeit dieser wichtigen Beutetiere steuert denn auch stark den Nachwuchs. Strenge Winter mit langanhaltender hoher Schneedecke können zu hohen Verlusten bei den Elterntieren, aber auch bei den Jungen führen. Gibt es nur wenige Mäuse, spielen kleine, gesellig lebende Vögel wie Spatzen, Stare, Grünfinken und Meisen einen wichtigen Anteil am Beutespektrum. Diese werden nachts an ihren Schlafplätzen überrascht und geschlagen.

Wenige werden alt
Mit etwa drei Monaten geht es ab in die grosse, weite Welt, wobei diese für ein Waldkauzjunges nahe dem elterlichen Revier liegt, sofern es dort genügend zu fressen gibt. Natürliche Feinde hat es ausser Fuchs, Marder und Habicht nicht. Und auch die Jagd hat keinen Einfluss auf den Bestand, sind doch Eulen in der Schweiz wie überall in Europa ganzjährig geschützt. Doch unsere moderne Zivilisation macht auch den Käuzen oft zu schaffen. So werden sie auf ihren nächtlichen Gleitflügen von Autos überfahren, stossen mit Leitungsdrähten, Zäunen und Eisenbahnen zusammen oder ertrinken. Und so sterben bis zu zwei Drittel aller Käuze schon im ersten Lebensjahr, also bevor sie zum wirklich «alten Kauz» werden können. Haben sie dann aber einmal diese kritische Lebensphase hinter sich gelassen, können sie durchaus 15 Jahre und noch älter werden.


Martin Ebner, Jagd Thurgau