Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. Februar 2020


Lösungsorientiert handeln und geschlossen auftreten

Ausgabe Nummer 4 (2020)

Kantonale Obstbautagung 2020 in Zihlschlacht TG

An der Tagung waren, nebst den Abstimmungen, die Optionen und Anstrengungen von Branchenakteuren und Organisationen für gute Rahmenbedingungen und einen zukunftsfähigen Obstbau zentrale Gesprächsthemen.

«Die Scheinheiligkeit der Konsumenten gibt zu denken: Influencer erklären auf Social Media bio und vegan zum Lifestyle, und finden, dank der Klimadebatte, viele Anhänger. Gleichzeitig fahren dieselben Leute mit Off-Roadern durch die Städte; Fluggesellschaften verzeichnen steigende Passagierzahlen, trotz angeblicher Flugscham.» Mit kritischen Worten eröffnete Ralph Gilg, Präsident des Thurgauer Obstverbands (TOV), die Tagung von Mitte Januar in der Mehrzweckhalle. Vieles seien Lippenbekenntnisse, zum Beispiel wenn die Bedeutung von regionalen und saisonalen Produkten beschworen werde, beim Einkauf letztlich nur der günstigste Preis das Kaufkriterium bilde. Die Obstbranche stehe aktuell vor grossen Herausforderungen. Die marmorierte Baumwanze verursachte im vergangenen Jahr Schäden in Millionenhöhe. «Trotzdem muss damit gerechnet werden, dass das BLW sowohl den Phosphorsäureestern als auch diversen Neonicotinoiden die Bewilligung entzieht. Diese Wirkstoffe wären gerade gegen die Baumwanzen wichtige Wirkstoffgruppen gewesen. Trotzdem tut sich der Bund schwer, zeitnah sinnvolle Alternativen wie die Samurai-Wespe für den Freilandeinsatz gegen die Wanzen zu bewilligen », stellte Ralph Gilg fest. Die Produzenten müssen sensorisch und optisch perfekte Früchte produzieren. Dafür braucht es einerseits ein professionelles Betriebsmanagement und andererseits gute Rahmenbedingungen mit wirksamen Pflanzenschutzmitteln ohne Lückenindikationen.

Flächenentwicklung im Fokus
Um den radikalen Forderungen der Trinkwasserund Pestizidfrei-Initiative zu begegnen, sei es unerlässlich, in der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln professionell zu arbeiten und die breite Bevölkerung vom Nutzen der PSM zu überzeugen: «Jeder Obstproduzent ist gefordert, die Glaubwürdigkeit der Branche hochzuhalten.» Ralph Gilg machte auch auf die Anbaustrategie im Obstbau aufmerksam: «Wir müssen unsere Flächenentwicklung im Griff behalten; im Thurgau brauchen wir nicht mehr Kernobstflächen.» Es brauche gesunde Betriebsgrössen und Unternehmer, welche qualitativ hochstehendes Obst produzieren und ihren Aufgaben gewachsen seien. Manuel Strupler, frisch gewählter Thurgauer SVP-Nationalrat, nahm an der Obstbautagung als Gast teil und sagte eingangs, «Grussworte aus Bern» zu überbringen wäre vermessen, da er erst drei Wochen in Bern sei. «Die grüne Welle hat die Politik erfasst. Wir dürfen mit dem Wahlausgang im Thurgau zufrieden sein und sind mit drei SVP-Sitzen sicher gut bedient.» Anlässlich seiner ‹Birnen-Verschenkaktion› ab Hof, letzten Herbst, sei ihm bewusst geworden, dass viele Konsumenten sehr wenig Ahnung davon haben, wie Lebensmittel produziert werden. «2020 ist zwar – unter den Vorzeichen der Abstimmungen – ein Schicksalsjahr. Aber wir können dieses mitgestalten, indem wir lösungsorientiert handeln, als Branche geschlossen nach aussen auftreten, mit Stolz auf unsere Leistungen und Produkte.»

«Jeder Obstproduzent ist gefordert,
die Glaubwürdigkeit der Branche hochzuhalten.»
Ralph Gilg

Perspektiven schaffen
Larissa Häberli, Apfelkönigin 2019 / 20, stellte sich persönlich vor und berichtete, welche Termine sie 2020 zur Repräsentation der Branche wahrnimmt. Anstelle von Urs Haag, der nicht an der Tagung teilnehmen konnte, ehrte Ralph Gilg die Thurgauer Absolventen der Ausbildung «Obstfachmann/-fachfrau EFZ» und der Weiterbildung «Obstbau-Meister». Derzeit sind es 14 Lernende für den Obstfachmann/ -fachfrau EFZ, rund die Hälfte absolviert eine Zweitausbildung. «Ich denke, heute suchen junge Leute vermehrt nach einer Absicherung. Der Obstbau ist ein spannender Betriebszweig. Aber mancher macht sich Gedanken dazu, ob dieser unmöglich würde, wenn die Initiativen angenommen werden – und hat mit einer Zweitausbildung einen ‹Plan B›», meinte Ralph Gilg. Im November 2019 haben am Strickhof 13 Lernende mit der Betriebsleiterschule Obstbau begonnen. Marc Wermelinger, Geschäftsführer von Swisscofel, thematisierte die negative Berichterstattung über die Landwirtschaft:

«Als Produzenten stehen Sie mittendrin und
sehen sich mit Anschuldigungen konfrontiert.
Dabei erfüllen Sie täglich eine wichtige
Aufgabe, global betrachtet sichert
Nahrungsmittelversorgung

den Frieden.»
Ralph Gilg

Swisscofel bildete Arbeitsgruppen zu den Themen «Food Waste» und «Digitalisierung». Man möchte als Branchenakteur aktiv etwas dazu beitragen, Verluste einzudämmen und intelligente Verpackungslösungen zu fördern. «Die Produzenten haben bewiesen, dass sie ihre Hausaufgaben machen. Nun braucht es künftig noch bessere (digitale) Bestellsysteme und für Transport und Logistik verderblicher Güter wie Früchte besteht Optimierungspotenzial.»

Positionierung der IG Zukunft Pflanzenschutz
Für Jimmy Mariéthoz, Direktor des Schweizer Obstverbandes (SOV), ist es wichtig, dass Agroscope die praxisnahe Forschung im Obstbau verstärkt. Es ist dem SOV, gemeinsam mit Agroscope und den Kantonen, gelungen, ein nationales Kompetenzzentrum Obstbau zu skizzieren. Eine positive Breitenwirkung für die Obstbranche dürfe von den SwissSkills 2020 erhofft werden. Vom 9. bis 13. September werden Obstfachleute an der nationalen Berufsmeisterschaft teilnehmen. «Der SOV bleibt in Bewegung. Eines der Ziele ist die Positionierung der IG Zukunft Pflanzenschutz, ihrer Trägerorganisationen (Schweizer Obstverband) und deren Mitglieder als Vertreter einer nachhaltigen, zukunfts- und lösungsorientierten Branche, die am Pflanzenschutz arbeitet und diesen weiterentwickelt.» Jimmy Mariéthoz schilderte, dass der SOV seine Massnahmen zur Bekämpfung der Trinkwasser- und Pestizidfrei-Initiativen intensiviert und sich in «Phase 2 – Vorkampagne – Positionierung der PSM» befindet. Er zog das Fazit, dass die Mitgliedermobilisierung im Kampf gegen die mediale Negativflut von Bedeutung ist: «Im Zentrum steht das Verteilen von Flyern, Feldtafeln, Plakaten, Gespräche führen und Aktionen in den Städten und auf dem Land.» In welchem enormen Spannungsfeld sich der Kernobstbau befindet, veranschaulichte Hubert Zufferey vom SOV: «Deshalb ist ein erfolgreicher Obstbauer heute ein professioneller und hoch qualifizierter Unternehmer.»

Politik beeinflusst die Märkte
Für die Erntemengenprognose werde aktuell an einer App gearbeitet, welche die Behangsschätzung und die Arbeit der Schätzer vereinfachen und auch den Produzenten zur Verfügung gestellt werden soll. Der SOV erhoffe sich mittelfristig tiefere Kosten für die Ernteschätzung und mithilfe künstlicher Intelligenz (Algorithmen) verlässlichere Ernteprognosen. Neue Clubsorten seien zwar keine Modeerscheinung, könnten aber der Schlüssel zum Erfolg in der Obstbranche sein, so Hubert Zufferey. Zu viele Sorten erschweren Anbauentscheidungen und führten dazu, dass einzelne Sorten zu wenig Marktgewicht erhalten. Wie sich die globale Apfelproduktion entwickelt, wie stark der Einfluss Chinas auf den Markt ist, veranschaulichte Helwig Schwartau von der AMI (Agrarmarkt Informations-Gesellschaft) aus Bonn. «Die Politik hat viel mehr Einfluss auf den Markt, als man denkt. Deshalb ist es für den Export wichtig, so breit als möglich aufgestellt zu sein, um politische Umschwünge in Zielländern abfedern zu können.» Italien bedient rund 70 Länder, die Sorte Gala ist dabei Garant für die Öffnung aller Märkte. Er bezeichnete den internationalen Apfelmarkt als «Haifischbecken ». In Deutschland gebe es seitens der Konsumenten einen Fokus auf Clubsorten. Was den Markt stark beeinflusst, ist die steigende Nachfrage der Konsumenten nach Strauchbeeren und Exoten (Avocado, Mango). Helwig Schwartau stellte fest, dass in Deutschland der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln gute Umsätze generiert; in der Schweiz liegen diese statistisch noch höher.

«Die Politik hat viel mehr Einfluss auf den
Markt, als man denkt. Deshalb ist es für den
Export wichtig, so breit als möglich aufgestellt
zu sein, um politische Umschwünge in
Zielländern abfedern zu können.»
Helwig Schwartau


Text und Bilder: Isabelle Schwander







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