Ausgabe Nummer 43 (2008)

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Loslassen: Eine eigentliche Lebensaufgabe

16. Olma-Tag der Bäuerin in St. Gallen überzeugte einmal mehr

Rund 500 interessierte Bäuerinnen und Bauern befassten sich intensiv mit dem Thema «Loslassen ? aber wie?».Viele Besucherinnen lobten die ehrlichen Worte der Referenten.

In ihrem Grusswort stellte Brigitte Frick vom Organisationsteam fest, dass Loslassen eine eigentliche Lebensaufgabe sei. Von der frühen Kindheit bis zum Tode, entstünden immer wieder unzählige Abschiedssituationen, bei der die Menschen immer wieder Mühe bekunden. Hier könne der Mensch von der Natur lernen, verlieren doch die Bäume im Herbst Tausende von Blättern, um im Frühjahr wieder mit frischer Kraft neue Blätter zu bilden.

Kleinigkeiten können befreiend wirken
Mit dem Thema «Loslassen ? aber wie?» befassten sich am Tag der Bäuerin Moderator Claudio Agustoni, Erwachsenenbildnerin Bernadette Amacker, Bäuerin Martina Schmid-Appert und das Ehepaar Cäcilia und Jakob Büchler. In ihrem Impulsreferat stellte Bernadette Amacker fest, dass man täglich im Kleinen mit dem Loslassen konfrontiert werde. Das Loslassen könne nicht per Knopfdruck herbeigeführt werden. Nach Meinung der Referentin können verschiedene Techniken wie körperliche, seelische, geistige, spirituelle und soziale Loslösetechniken den Umgang mit dem Loslassen erleichtern. So können Kleinigkeiten wie Spaziergänge, Massagen oder einen feinen Tee geniessen, befreiend wirken. Gespräche mit nahestehenden Personen, vertieftes bewusstes Nachdenken oder gar ein Gebet können ebenfalls helfen.«Wichtig ist, dass man sich nicht selber fertig macht», sagte Amacker. Zeit für sich nehmen, sei eine Einzahlung auf das eigene Belastbarkeitskonto.

Ruhige Gespräche ohne Schuldzuweisung
Die Referentin machte deutlich, dass Konflikte und Unsicherheiten mit dem Rund500 Bäuerinnen und Bauern verfolgten gespannt die interessanten Referate. (tos) Loslassen ganz normal seien. Beim Loslassen sei es möglich, dass man sich auf der berühmten Palme wieder finde. «Wer auf der Palme sitzt, schiesst oft und gerne Kokosnüsse ». Zwar könne ein reinigendes Gewitter oder gar Weinen durchaus Sinn machen. Zu konstruktiven Lösungen brauche es aber immer ruhige Gespräche ohne Schuldzuweisungen. Sie empfahl, das Loslassen der Kinder in die Unabhängigkeit Schritt für Schritt vorzunehmen. Klammern entstehe vielfach durch Angst um Partnerersatz. Loslassen schaffe Platz für Neues. Dabei könnten aber Überverantwortlichkeit, Opferrolle und Perfektionsmus hinderlich sein.

Trennung von Beruf und Menschen nicht leicht gefallen
Bäuerin Martina Schmid-Appert erzählte ihre Entscheidungsfindung nach ihrer Heirat zwischen ihrem Beruf als Krankenschwester mit Stationsleitung oder als Bäuerin auf dem Hof ihres Ehemannes Josef. Da er mit seinen Kühen nicht nach Schwyz zügeln konnte, habe sie ihren Beruf aufgegeben. Obwohl sie die Arbeit auf dem Hof liebe, sei ihr die Trennung von ihrem Beruf und der Abschied von liebgewonnenen Menschen nicht leicht gefallen. Sie vermisse aber auch die Verantwortung, die sie in ihrem Beruf getragen habe. Durch die Heirat seien zwei Familienkulturen aufeinander gestossen, was ab und zu zu Konflikten führe. Wichtig sei, dass sie die Dinge nicht einfach hinnehme, sondern sie anspreche und diskutiere.

«Loslassen gibt freie Hände»
Jakob Büchler, Meisterlandwirt und Nationalrat, und seine Ehefrau Cäcilia berichteten, wie sie bei der eigenen Hofübernahme erlebten, wie es Jakobs Vater schwer fiel, loszulassen. Daraus seien auch Spannungen entstanden. Seit ihrer eigenen Hofübernahme im Jahre 1981 sei für sie klar gewesen, dass sie den Hof verlassen würden, wenn ihr Sohn ihn übernehme. Heute wohnen die beiden 12 Velominuten vom Hof ihres Sohnes entfernt.
Auf Abruf helfen die beiden auf dem Betrieb ihres Sohnes mit. Die Unterstützung erfolge aber nie ungefragt. Wichtig sei, dass die beiden Generationen ehrlich zueinander seien. «Loslassen gibt freie Hände, so können wir wieder Freundschaften pflegen und ich kann mich intensiv um mein Nationalratsmandat kümmern», sagte Jakob Büchler. Seine Ehefrau Cäcilia liess sich weiterbilden und arbeitet heute zwei Tage pro Woche in einem Pflegeheim.
In der anschliessenden Diskussion drehten sich die meisten Voten um die Hofübergabe. Während die einen dafür plädierten, dass die ältere Generation räumlich Abstand nehme, verteidigten andere das Zusammenleben beider Generationen.

Mario Tosato


Martina Schmid-Appert, Bernadette Amacker, Jakob und Cäcilia Büchler (von links
nach rechts) befassten sich mit dem Thema «Loslassen – aber wie?» (tos)
Martina Schmid-Appert, Bernadette Amacker, Jakob und Cäcilia Büchler (von links nach rechts) befassten sich mit dem Thema «Loslassen – aber wie?» (tos)