Ausgabe Nummer 40 (2005)
Männerehre: Geld, Selbstvertrauen, Sex
Männerehre: Geld, Selbstvertrauen, Sex
Eine fleissige Leserin des Thurgauer Bauer schrieb mir, ihr Mann schäme sich, weil er weniger verdiene als sie. «Ich bi halt nu en chliine Puur!», sagt er. Da wetterte aber seine Frau los. Es wäre doch egal, woher die Moneten kämen. «Eben nicht», echote der beleidigte Bauer. «Seit Jahrhunderten sorgt der Mann für das Einkommen der Familie, nicht die Frau.» Der Frau dämmerte es. Sie schreibt: «Mein lieber Mann pflegt uralte, sture Vorstellungen und fühlt sich in seiner Männerehre gekränkt. Warum sind viele Männer so furchtbar empfindlich bei den Themen Geld, Selbstvertrauen, Sex?»


Das sind träfe Stichworte für einen neuen Artikel. Über Politik und Dorfbewohner lässt sich bequem, weil enorm distanziert diskutieren. Aber bei Angriffen auf Finanzen, das persönliche Image und die Sexualität ist das anders. Da sind alle Menschen schnell verwundbar, besonders Männer.
Geld
Ich finde es schön und beruhigend, dass dieses Ehepaar Alltagsausgaben, Kinderkosten und Steuern problemlos bezahlen kann. Die zwei müssen nicht «jeden Franken zweimal umdrehen», bevor sie ihn ausgeben. Ich kenne Betriebe, wo Fehlinvestitionen und Hypotheken die Lebensfreude bös verstimmt haben.
Der Mann fühlt sich als «chliine Puur». Das mag teilweise richtig sein. Aber nur teilweise. Er hat auch Gaben, Qualitäten. Kein Mensch hat keine Talente. Niemand ist ein totaler Versager. Sicher, viele Fähigkeiten liegen bei allen Menschen brach. So lange wir leben, entdecken wir Neues an uns selbst. Selbst 90-Jährige.
Vor hundert Jahren waren Männer- und Frauenaufgaben klar festgelegt. Eltern waren Autoritätspersonen, die sogar mit «Sie» oder «Ihr» angeredet wurden. Es gab fixe «Ämtli». Geredet wurde kaum. Alle lernten ab Kindheit durch Nachahmen, was zu tun war. In diesem «schweigenden Milieu» waren Rituale wichtiger als Aussprachen. Der Hausvater hatte zu beten, vor und nach dem Essen, am Abend, im Stall. Generell zeigte man wenig Emotionen: Küssen, Streicheln, Danken, Loben gab es nicht. Alle arbeiteten gratis. Viele gesunde Kinder waren erwünscht, behinderte oder kränkliche gar nicht. Es kam vor, dass junge Frauen und Männer mit dem Heiraten warten mussten, bis ein jüngeres Geschwister «ihr Ämtli» übernahm.
Selbstvertrauen
Heutige Menschen schmunzeln, wenn sie die bekannten Gedanken des grossen Wilhelm-Tell-Dichters auf dieser Seite im Kästchen überfliegen. Da wird klar, dass Schillers Zeiten vorbei sind. Das Leben heutiger Ehen und Konkubinatspaare ist bunter geworden. Das ist wunderschön! Jedes Paar sucht seinen Weg der Zufriedenheit. Es muss nicht so leben wie die Eltern, wie Gross- und Urgrosseltern, wie Nachbarn, wie Verwandte. Der grössere Geldverdienst einer Frau ist keine Beleidigung oder Demütigung für einen Mann.
Woher kommt der böse Gedanke: «Wer viel verdient, ist viel wert, wer wenig verdient ist wenig wert?» Ist ein tüchtiger Bauer weniger wert, wenn er weniger Moneten zusammenbringt als seine berufstätige Ehefrau? Hängt der Wert eines Menschen von seinem Einkommen oder Besitz ab? Sicher nicht! Mein Computer hat eine Löschtaste «Delete». Könnten alle Menschen solch despektierliche Gedanken in ihren Hirncomputern ein für alle mal löschen? Geht das per Knopfdruck?
Heute ist flexibel sein ein Muss. Es geht nicht anders. Eben getroffene Lösungen können schon in kurzer Zeit unbrauchbar sein. Die durchschnittliche Schweizer Ehefrau erhält mit 30 ihr erstes Kind. Sie geniesst vor der Familienphase den gelernten Beruf. Auch Bäuerinnen bleiben berufstätig, genau so wie Frauen von Unternehmern, Ärzten, Pfarrern, Bundesräten. Die Eigenständigkeit tut deren Seelen und damit dem Familienklima gut. Das zählt mehr als der Finanzzustupf.
Selbstvertrauen ist lernbar. Mit Miniübungen und tastenden Versuchen kann jeder Mensch das Wegsehen vom Negativen, das Übersehen der Minuspunkte, das Hinsehen auf eindeutige Qualifikationen lernen. Alle Leute können das. Ganz Schüchterne finden eine positivere Grundhaltung mit Hilfe der Nahestehenden. Etwa: «Stimmt, dies liegt mir nicht, dafür aber jenes!» Das befreit vom Fixiertsein und Eifersüchteln auf das, was andere beherrschen. «Immer hät de cheibe Nochber di grössere Härdöpfel!»
Sexualität
Die Männerehre ist labil. In kurzer Zeit können sogar kräftige, bodenständige Männer bei gewissen «Tretminen» ihr sonst recht stabiles «Seelenkostüm» verlieren. Vorwiegend bei sexuellen Sorgenbrocken kippt öfters eine männliche Psyche schnell aus dem Gleichgewicht. Für viele Männer ist Sex ein Leistungsbereich wie Arbeit oder Sport. Auch im Intimen wollen sie toll, fit, bewundernswert, vorbildlich sein. Zum funktionierenden Mann gehört der funktionierende Allerbeste. Ein kleiner Störfall wird schnell Drama, eine einmalige Schwäche Katastrophe.
Über 70 Prozent der Schweizer Männer haben keinen Freund. Dass sie über sexuelle Sorgen mit andern Männern sprechen könnten, kommt den wenigsten in den Sinn. Die meisten versuchen allein damit fertig zu werden. Sie öffnen sich auch nicht der Partnerin, nicht einmal dem Hausarzt. Sie wollen allein «ihren Mann stellen». Das gelingt selten. Sexshops bringen kaum Hilfe. Auch der «Johannistrieb», der «zweite Frühling», also das neue Verlieben in eine (jüngere) Frau bringt selten erwünschte, dauernde Verbesserungen. Was dann? Dies: Männer dürfen ihre Leistungs-, Konkurrenz- und Versagensängste endgültig in die ewigen Jagdgründe schicken. Auch die sexuellen!
Ein typisches Beispiel für empfindliche Männerehre ist die Vasektomie. Die Sterilisation eines Mannes ist eine einfache und sichere Operation, die ein Arzt in 15 Minuten in seiner Praxis vornehmen kann. Dabei werden die Samenleiter durchtrennt und abgebunden. Die Spermienproduktion wird so definitiv abgestellt. Die ganze Welt weiss, dass diese Verhütungsmethode für Eltern, die keine Kinder mehr haben möchten, eine sichere, endgültige Lösung ist. Mehr noch: Alle wissen, dass absolut keine Veränderungen zu befürchten sind: Erektion, Orgasmus mit Ejakulation bleiben unbeeinflusst. Für manchen sterilisierten Mann ist das intime Beisammensein sogar befriedigender, lockerer, plauschbetonter, weil angstfreier. Trotzdem: Hemmungen und Ängste gegenüber diesem Lebensweg sind riesengross. Eingriffe in die männliche Unterwelt bleiben Angriff gegen die Männerehre.
