Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Mehr als rentabel kann eich eine Falle sein

Ausgabe Nummer 50 (2014)

Agridea-Tagung Betrieb, Familie und Diversifizierung

Viele Bauernfamilien haben keine Wahl. Entweder sie entwickeln sich weiter, oder es kommt zu einer sukzessiven Ablösung von der Landwirtschaft. Individuelle Lösungen sind gefragt. Die Lebensqualität darf dabei nicht vergessen werden.

Wenn in der Werbung ein nostalgischer Traktor im gemütlichen Schritttempo über die Wiesen fährt und die Hoftiere mit vermenschlichten Stimmen landwirtschaftliche Produkte anpreisen, hat das nicht mehr viel mit der heutigen Situation in der Landwirtschaft zu tun. Die Werbung für landwirtschaftliche Erzeugnisse zeigt der Bevölkerung ein verzerrtes Bild. In den vergangenen Jahrzehnten musste sich die Landwirtschaft den ständig veränderten Situationen anpassen. Das rechtliche Umfeld, Agrarpolitik, Freihandel, Preiszerfall, Verschärfung der Tierschutzvorschriften, Raumplanung und vieles mehr haben sich in der Vergangenheit stark verändert. Wie Hansjörg Meier, Agridea, kürzlich an der Tagung Betrieb, Familie und Diversifizierung zum Thema «Individuelle Lösungen sind gefragt» ausführte, hat in der Vergangenheit ein epochaler Umbau der Agrarpolitik stattgefunden. Die Arbeit der Betriebsleitung hat sich verändert, die Handarbeit wird weniger, die Kopfarbeit mehr.

Nicht allein Wachstum hat Zukunft
Doch nicht alles ist schwieriger, rascher und komplizierter geworden; gewisse Veränderungen bieten auch Chancen. Nicht zuletzt können neue, spannende Rollenverteilungen in der Bauernfamilie auch Machtverteilungen möglich machen. Für Meier werden die persönlichen Werte und Fähigkeiten noch entscheidender für den beruflichen und familiären Erfolg der Bauernfamilie. Die individuelle Entwicklung von Betrieben wird immer wichtiger. «Nicht nur Wachstum und Intensivieren haben Zukunft», erklärte Meier. Überraschende Ereignisse wie Todesfall, Krankheit, Scheidung, der Wegfall bisheriger Absatzkanäle, Offerten für Zupachtflächen, Anfrage für Betriebsgemeinschaft oder der fehlende Nachfolger zwingen die Bauernfamilie oft unter Zeitdruck zu neuen Strategien. Dass bei neuen Strategien nicht nur die betrieblichen Voraussetzungen zählen liegt auf der Hand. Persönliche Erfolgsfaktoren, politische Rahmenbedingungen, Märkte und nicht zuletzt die finanzielle Situation helfen, eine individuelle Entwicklung des Betriebes umzusetzen.

Soziale und emotionale Werte
Martin Huber, Direktor BBZ Arenenberg, ist überzeugt, dass einzig die Arbeitsplatzerhaltung auf dem Betrieb und damit die finanzielle Absicherung allein nichts nütze für die Bauernfamilie. Der soziale und emotionale Wert der Arbeit, die auf dem Hof geleistet wird, sei mindestens so wertvoll. Genug Geld ist keine messbare Grösse und immer individuell verschieden. «Mehr als rentabel zu wirtschaften, kann auch eine Falle sein», wurde von einer Kursteilnehmerin treffend formuliert. Was nützen Burnout, Krankheit oder eine Scheidung den Beteiligten?
Potenzial zur Existenzverbesserung, auch im sozialen und emotionalen Bereich, seien Vertrauen, Kommunikation, Information und innovative Ideen für neue Märkte. Wer dem Entwicklungsdruck standhält und sich zuerst überlegt, wohin die Zukunft auf seinem Hof gehen soll, habe grosse Chancen, die beste Lösung für seine Familie zu finden. Huber empfiehlt, standortgerecht zu produzieren und starke Beziehungen in der Wertschöpfungskette zu pflegen. Dass individuelle Lösungen auch individuelle Begleitung brauchen, wussten die Kursteilnehmer, alles Beraterinnen und Berater in der Landwirtschaft, selber nur zu gut. Doch was haben die vier Bauernfamilien, die sich anschliessend den Kursteilnehmern mit ihrer eingeschlagenen Routenwahl vorstellten, allesamt gemeinsam?

Verschiedene Standbeine
Die vier Familienbetriebe, die sich vorstellten, wohnen alle in Guntershausen in der Gemeinde Aadorf. Alle haben sich in den vergangenen Jahren den Veränderungen gestellt und eigene, individuelle Lösungen gesucht und gefunden.
Beatrice und Marcel Brändle haben sich neben der Milchproduktion zuerst mit dem Direktverkauf ab Hof beschäftigt, später kamen der Winterdienst und die Holzerei für Dritte dazu. Eher per Zufall kam mit dem Hobby von Marcel, dem Motorsägeschnitzen, ein weiterer Betriebszweig dazu. Auch mit dem Hobby von Beatrice und der regelmässig stattfindenden Ausstellung «Garte-Läbe» wurde eine weitere Möglichkeit für soziale und emotionale Kontakte gefunden. Schliesslich gelang es ihnen, auch damit Geld zu verdienen. Auch ihr kleines Pensum als Religionslehrerin ist ein weiteres Standbein. «Wir haben alles gemacht, das uns Freude bereitet hat», erzählt die Bäuerin. Heute sind sie froh, wenn der Sohn bald den Hof übernimmt. Sie beide werden mithelfen, dass es auch der jungen Familie gelingt, alles unter einen Hut zu bringen.

Tierhaltergemeinschaft bewährt sich
Auch der Weg von Andreas und Marion Hasler war nicht klar vorbestimmt. Der frühere Milchwirtschaftsbetrieb wurde mit Pferdeboxen erweitert und später mit einer Entmistungsanlage ergänzt. Vor gut zehn Jahren erfolgte der Zusammenschluss mit der Familie Schenk. Der Vater von Andreas Hasler behielt die Pferdehaltung, Andreas nahm eine Arbeitsstelle als Dachdecker an. Die Arbeitsbelastung war sehr hoch und wurde vor einem Jahr auf 80 Prozent reduziert. Wenn sich der Vater später aus dem Arbeitsprozess zurückzieht, will Andreas Hasler mehr auf dem Hof arbeiten und weniger Nebenerwerb leisten. Seit 2003 hat er mit Familie Schenk eine Betrieb- und seit 2012 eine Tierhaltergemeinschaft.
Für Emil und Kathrin Schenk ist die Situation heute optimal. Kathrin arbeitet Teilzeit in einem Spital und eher wenig im Betrieb mit. Die starken Arbeitsspitzen konnten verteilt werden. Mit dem neuen Laufstall und der Umstellung auf den Robotermelkbetrieb konnte vieles erleichtert werden. Der Sohn ist in der Ausbildung zum Landwirt. Emil Schenk erklärt, dass es für ihn wichtig war, die Kinder zu betreuen, während seine Frau ihrer Arbeit nachging.

Vergrössern hat sich gelohnt
Koni und Vreni Huber haben 46 Milchkühe, 30 Hektaren Nutzfläche und 330 Hochstammobstbäume. Im Jahr 2008 haben sie sich entschieden, einen neuen Laufstall zu bauen, weil sie zusätzliche Nutzflächen dazupachten und erwerben konnten. Mit dem modernen Stall und der Vergrösserung des Betriebes wurde ihr Einkommen gesichert. Seiher beschäftigen sie auch einen Lehrling. In den Arbeitsspitzen ist es wichtig, dass die ganze Familie mithilft. Zusammen mit Familie Brändle habe man eine Obstauflesemaschine angeschafft. Trotzdem gebe es noch sehr viel Handarbeit auf dem Hof. Seine Möglichkeiten für Ökoflächen habe er ausgegrenzt. In Zukunft will Koni Huber vermehrt als amtlicher Fachassistent tätig sein. Der Sohn will Landwirt werden.


Ruth Bossert
















« zurück zur Übersicht