Ausgabe Nummer 48 (2005)
Meisterlandwirt und Hausmann
Meisterlandwirt und Hausmann
Im Niederhof, Stehrenberg, haben sich Christian und Claudia Tschirren mit ihrem zweijährigen Sohn Rico auf die Kombination von Auswärtstätigkeit und Landwirtschaftsbetrieb eingestellt. Die Suche nach der optimalen Betriebsorganisation und der innerfamiliären Zusammenarbeit wird dabei nicht von der Tageslaune bestimmt, sondern ist das Ergebnis eines längeren Prozesses, der auch noch nicht abgeschlossen ist. Familie Tschirren war bereit, in einem Gespräch auf verschiedene Fragen Antwort zu geben. Wir bedanken uns für die offene Gesprächsatmosphäre.

Claudia und Christian Tschirren teilen sich die
Hausarbeit, weil Claudia 70 Prozent ausser
Haus tätig ist. (mh)
Wie sieht Ihre aktuelle Situation auf dem Betrieb und in der Arbeitsorganisation aus?
Christian Tschirren: Wir bewirtschaften rund 18 ha landwirtschaftliche Nutzfläche mit rund 30 Aufzuchtrindern im Vertrag. Danebst gibt es 9 ha offene Ackerfläche mit Zuckerrüben, Mais und Getreide sowie 140 Hochstammobstbäume.
Claudia Tschirren: Ich arbeite als Rettungssanitäterin in der Spitalregion Fürstenland/Toggenburg am Spital in Wil zu 70 Prozent. Es ist ein 24-Stunden Dienst, welcher auf zwei Monate hinaus planbar ist. Gegenwärtig bin ich in einer Ausbildung. Während der Einsatztage bin ich also ganztags auswärts. In dieser Zeit sollte Christian den Haushalt besorgen.
Was heisst hier «sollte?»
Claudia Tschirren: Ja, wir haben das so ausgemacht, dass Christian das Haus in Ordnung hält, inklusive des Badezimmers, und nach Bedarf kocht. Ich selbst besorge die Wäsche und den Einkauf.
Christian Tschirren: Als wir das so einteilten, haben wir versucht, auf die persönlichen Neigungen von uns beiden einzugehen. Das war grundsätzlich möglich. Ich muss aber zugeben, dass das in der täglichen Umsetzung für mich noch nicht immer klappt. Ich muss mir bewusst Zeit einräumen, um die Hausarbeit zu erledigen.
Ist denn Christian nicht überzeugt von diesem Konzept?
Christian Tschirren: Doch, schon, aber mir ist halt im Blut, dass der Betrieb für den Mann immer Vorrang hat. Obwohl es im Betrieb ohne Milchvieh wesentlich weniger termingebundene Arbeiten gibt, habe ich doch den Anspruch an mich, die Landwirtschaft möglichst gut zu machen. Das bedeutet, dass ich in der Tierhaltung und im Pflanzenbau präsent sein will und rechtzeitig die notwendigen Arbeiten erledigen will. Weil die «Umstellung so schwierig» ist, haben wir uns auch etwas Zeit gegeben, uns an diese Situation zu gewöhnen, sozusagen eine Einarbeitungszeit.
Wie empfindet Claudia die Auswärtsarbeit?
Claudia Tschirren: Obwohl ich mir als Mutter eine andere Lösung vorstellte, nämlich zu Hause zu sein und für unseren jetzt zweijährigen Sohn Rico da zu sein, gehe ich doch mit Freude an die Auswärtsarbeit. Wenn ich weiss, dass mein Mann sich auch Zeit nimmt für Haushalt und Kinder, dann bin ich trotzdem zufrieden.
Warum seid ihr überhaupt diesen Weg gegangen, wenn er doch mit so viel Anpassungsaufwand verbunden ist?
Christian Tschirren: Wir hätten für die Milchkühe viel investieren müssen. Wir haben uns deshalb im 2001 entschieden, die Milchviehhaltung aufzugeben und das Kontingent gegen Aufzuchtverträge mit einem Landwirt im Nachbardorf abzugeben. Das schaffte uns die Voraussetzungen, um mit viel Eigenleistung die dringend nötige Wohnhaussanierung durchzuführen. Solange meine Eltern noch im Betrieb mithelfen konnten, hatte ich zudem die Möglichkeit, ausser Haus einer Arbeit nachzugehen. So gesehen ist unser heutiges Konzept noch gar nicht so alt. Wir haben uns dazu nach der Heirat im 2002 entschlossen. Dies deshalb, weil wir langfristig eine Lösung brauchen, welche ohne die Eltern möglich ist.
Claudia Tschirren: Ich komme nicht aus der Landwirtschaft und könnte deshalb von meinen Fähigkeiten her die Verantwortung im Betrieb nicht übernehmen, während mein Mann auswärts arbeiten würde. So drängte sich unsere heutige Lösung auf.
Gehen wir davon aus, dass in Zukunft für den Familienverbrauch Einkünfte von rund eineinhalb Stellen nötig sind, so ist es nötig, dass der Betrieb auch in Zukunft Einkünfte in der Höhe von mind. 70 bis 80 Prozent eines normalen Arbeitsplatzes bringt. Wie sehen Sie die Weiterentwicklung im Betrieb?
Christian Tschirren: Das ist ein Thema, das uns stark beschäftigt. Wir sehen heute schon, dass in unserem Betrieb die Tierhaltung eine wichtige Komponente für Arbeit und Verdienst darstellt. So können wir auch in Zukunft nicht darauf verzichten. Im Gegenteil müssen wir uns überlegen, diesen Bereich weiter auszubauen. Der Betrieb bleibt eine wichtige Einkommensquelle und muss deshalb wie auf einem Haupterwerbsbetrieb weiterentwickelt werden.
Claudia Tschirren: Das lässt sich aber so leichter machen, wenn Christian zu Hause ist und ich auswärts.
Christian Tschirren: Andererseits muss der Ausbau im Betrieb wirklich gut geplant sein, damit nicht einfach nur mehr Arbeit anfällt, sondern vor allem das Einkommen auch weiterhin gewährleistet ist. Wichtig ist dabei, dass wir bei der einfachen Betriebsorganisation von heute bleiben oder noch mehr vereinfachen.
Wenn man Ihnen zuhört, ist Ihr Betrieb alles andere als ein Auslaufbetrieb, der so dahinplätschert. Im Gegenteil, es findet eine dynamische Betriebsführung statt, bei der ganz bewusst Frau und Mann miteinbezogen sind, bei der Flexibilität angesagt ist und das gegenseitige Gespräch eine sehr wichtige Rolle spielt. Beide müssen beweglich sein. Während des Gesprächs stellten wir fest, dass eine konkrete Wochenplanung als Umsetzungshilfe gute Dienste leisten könnte. Claudia Tschirren kann nicht vollzeitlich zu Hause Mutter und Hausfrau sein, wie sie sich das idealerweise vorstellte, und Christian Tschirren muss die Welt des Meisterlandwirtes mit der Welt der Hausarbeit in Verbindung bringen. Zu dieser interessanten Aufgabe wünschen wir Ihnen weiterhin alles Gute.
