Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


Mistelbefall auf Obstbäumen - ein ernstzunehmendes Problem

Ausgabe Nummer 47 (2017)

In den vergangen Jahren konnte beobachtet werden, dass sich Misteln immer mehr ausbreiten und regional oft viele Bäume von Misteln befallen sind. Ein Zusammenhang mit reduzierter Pflege der Hochstämme (kein regelmässiger Schnitt, vernachlässigte Düngung, Vermoosung) ist gegeben, es ist aber nicht immer so, dass dies der einzige Grund für die Ausbreitung ist. Vögel wie zum Beispiel die Wacholderdrossel tragen zur Verbreitung bei.

Besatz mit Misteln führt zu einer Schwächung und schlussendlich zum Absterben des ganzen Baumes. Hat sich die Mistel auf dem Wirtsbaum bereits stark ausgebreitet, bleibt nichts anderes übrig, als den Baum zu roden. Wird der Befall jedoch frühzeitig bemerkt, kann durch ein grosszügiges Wegschneiden des befallenen Astes eine Weiterverbreitung teilweise verhindert werden. Auch die Ausbreitung auf weitere Bäume wird so gestoppt. Die Baumvitalität spielt eine wichtige Rolle. Es wird beobachtet, dass ausgeglichene und gepflegte Bäume weniger von Misteln besetzt sind als ungepflegte Bäume. Streuobstanlagen liefern Brenn- und Mostobst, sind jedoch auch aus ökologischer Sicht wichtig und prägen das Landschaftsbild. Soll dies so bleiben, ist eine gute Baumpflege unerlässlich. Bereits sind erste Bäume in Tafelkernobstanlagen von Mistelbefall betroffen. Dieser Befall ist mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit auf eine Ausbreitung von mit Misteln befallenen Hochstammbäumen in der Nachbarschaft zurückzuführen. Der Ausbreitungsradius von Mistelsamen durch Vögel beträgt bis zu 20 Kilometer. Ohne einen regelmässigen, konsequenten Rückschnitt sind die Misteln nicht in den Griff zu bekommen.

Lebensweise
Während der Vegetationsruhe sieht man den Mistelbefall der Hochstammobstbäume deutlich. Die laublosen Bäume mit den grünen, kugeligen Misteln fallen auf. Die reifen Mistelbeeren werden von verschiedenen Vögeln als Winternahrung gefressen. Dabei wird unterschieden zwischen mistelvernichtenden Vogelarten (wie Tannenmeisen, Blaumeisen, Sumpfmeisen, Kleiber) und mistelverbreitenden Vogelarten (beispielsweise Misteldrossel, Mönchsgrasmücke, Schwarzspecht).
Die von den Vögeln ausgeschiedenen klebrigen Mistelsamen bleiben auf den Ästen kleben und beginnen ab März zu keimen. Ende Mai ist die Fixierung des Keimlings am Wirtsast abgeschlossen. Der Keimling stellt nun das Wachstum ein und überwintert. Im April des zweiten Jahres treiben die ersten Blätter aus und der Primärsenker (Senker = Saugwurzel) dringt bis ins Wirtskambium ein. Im dritten Jahr werden Rindenstränge und Sekundärsenker gebildet, somit wird die Ausbreitung auf dem Wirtsast/Wirtsbaum gewährleistet. Im vierten Jahr beginnt die Verzweigung und Bildung der Gabelsprosse. Ab dem fünften Jahr beginnt die Mistel von Ende Februar bis Mitte März zu blühen. Die Blütenbestäubung erfolgt über Insekten. Aus einem Mistelsamen können bis zu vier Keimlinge entstehen. Da die Mistel nur langsam wächst, bleibt sie in den ersten Jahren meist unentdeckt.
Die Mistel ist ein immergrüner Halbschmarotzer und saugt dem befallenen Baum Wasser und Nährstoffe aus den Gefässen. Ebenfalls entzieht sie den Wirtsgefässen organische Verbindungen, beispielsweise Stickstoffverbindungen. Je grösser die Misteln, desto grösser der Entzug von Nährelementen. Dies führt dazu, dass der Trägerast langsam ausgehungert wird und abstirbt. Bei starkem Besatz kann ein Baum innerhalb weniger Jahre ganz absterben.

Die Ausbreitung der Misteln ist in den vergangenen Jahren rasch vorangeschritten. Ein wichtiger Grund für den zunehmenden Mistelbefall ist die verringerte Pflegeintensität der Bäume. Weitere mögliche Ursachen für die Zunahme sind:
– geschwächte Wirtsbäume (Bäume in Ökowiesen, fehlende Düngung,
   Vermoosung, fehlender Schnitt)
– stärker belichtete Baumkronen
– wärmere Winter, dadurch sind die immergrünen Blätter der Mistel
   auch im Winter aktiv
– veränderte Lebensgewohnheiten der Vögel, welche Misteln
   verbreiten. Dazu gehört zum Beispiel der ausbleibende Wegzug in
   milden Wintern.

Wirtspflanzen
Die Mistel befällt rund 40 verschiedene Baumarten. Dabei wird unterschieden zwischen Tannenmisteln, Föhrenmisteln und Laubholzmisteln – je nach befallener Art (siehe Tabelle oben).

Verwendung und Bräuche
Die Nutzung der Mistel als Arzneimittel geht zurück bis in die vorchristliche Zeit. Bereits gallische Priester und Druiden verwendeten die Mistel als Heilpflanze. Heutzutage werden hauptsächlich zwei Inhaltsstoffe für medizinische Zwecke verwendet. Diese befinden sich im mehrjährigen Stängel, in den Senkern und in den Blättern. Die gewonnenen Extrakte werden zur Blutdrucksenkung, bei Arteriosklerose und in der Krebsbehandlung eingesetzt. Allerdings ist die genutzte Menge sehr bescheiden und nur geringe Mengen finden für pharmazeutische Zwecke Verwendung.
Die Mistelzweige dienen vor allem in der Weihnachtszeit zur Dekoration und lassen sich auf Märkten und in Blumengeschäften verkaufen.

Bekämpfung
Ein Ausschneiden der Misteln kann die Ausbreitung auf umliegende Bäume vorübergehend verhindern, da die Mistel 5 Jahre benötigt um wieder zu blühen. Um ein Wiederaufkommen der Mistel über den Sekundärsenker oder die Rindenwurzeln zu unterbinden, ist ein Rückschnitt ins gesunde Holz – also mindestens 20 cm hinter der befallenen Stelle – unerlässlich. Treibt die Mistel trotzdem wieder aus, gilt es den Rückschnitt zu wiederholen. Eine Bekämpfung mit Pflanzenschutzmitteln ist nicht möglich.

Fazit und Empfehlungen
Beobachtungen im Kemmental zeigen, dass die Verbreitung von Misteln innerhalb weniger Jahre sehr rasch ein ganzes Gebiet betreffen kann. Misteln verkürzen die Lebensdauer von Obstbäumen markant und stellen insbesondere für Baumbesitzer, welche auf die Produktion von Mostobst setzen, zu den bereits vorhandenen Problemen Feuerbrand, Marssonina und zunehmendem Mehltaudruck eine zusätzliche Erschwernis dar. Wir empfehlen deshalb, Misteln frühzeitig und aktiv zu bekämpfen.


BBZ Arenenberg
Anja Ackermann













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