Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Mit Bio-Beeren den Markt erobern

Ausgabe Nummer 43 (2016)

Simon und Christoph Räss aus Benken produzieren Wildbeeren in Bio-Suisse-Qualität. Sie gehören zu den vier Nominierten für den diesjährigen Agropreis.

In diesem Sommer standen die Schächtelchen mit biologisch produzierten Wildbeeren aus Benken zum ersten Mal in den Verkaufsregalen der Grossverteiler. Allen voran die Sorten Heidelbeeren, Cassis, Johannisbeeren und neu auch die leuchtend orange-roten Gojibeeren. «Wir hätten noch viel mehr verkaufen können», sagte Simon Räss anlässlich der Medienorientierung. Ihre Idee gab ihnen recht; einheimische Wildbeeren in Bio-Suisse-Qualität sind beim Konsumenten beliebt, und für die Weiterverarbeitung zu verschiedenen anderen Produkten wie Saft, gedörrte Beeren, Snacks oder gar für die alternative Medizin waren schnell Interessenten gefunden. Dabei betrieben die Eltern Hans und Marianne Räss auf dem 50 Hektaren grossen landwirtschaftlichen Betrieb noch vor nicht allzu langer Zeit konventionelle Milchwirtschaft, Ackerbau und einen kleinen Rebberg. Später spezialisierte man sich auf Kartoffeln, erste Versuche mit Aroniabeeren nahmen ihren Anfang, und mit der familieninternen Nachfolge durch die beiden Söhne Simon (28) und Christoph (24) hat auch eine strategische Neuausrichtung stattgefunden, welche den Familienbetrieb einerseits vor grosse Herausforderungen stellt, andererseits aber auch interessante Perspektiven bietet.

Im zweiten Umstellungsjahr auf Bio
Die beiden Söhne kamen zurück auf den Hof. Simon als studierter Agronom und Betriebswirtschafter, Christoph als gelernter Landmaschinenmechaniker. Der Input von Christophs Freundin, die als Drogistin bei Dixa, der Schweizer Kräuter- und Gewürzmanufaktur in St. Gallen, arbeitet, brachte die Brüder auf die Idee, mit weiteren Wildbeeren zu experimentieren. Speziell die Gojibeere, welche bei den Konsumenten weit oben auf der Hitliste steht, stand im Fokus. Ein Versuchsgarten mit verschiedenen Wildbeerenarten wurde angelegt, und gleichzeitig leiteten sie die Umstellung für die Produktion nach den Richtlinien von Bio Suisse ein. Heute befindet sich der Hof im zweiten Umstellungsjahr zum Bio-Knospenbetrieb. «Das war die richtige Entscheidung », sagen sie heute. Bislang kamen die Gojibeeren fast ausnahmslos aus China, und internationale Medien warnten schon länger vor den zu hohen Pestizidrückständen. Das Versprechen, die Beeren auch in Benken zu produzieren, und das erst noch in Bio-Qualität, musste aber erst noch eingehalten werden. Die beiden Brüder reisten zu zahlreichen Produzenten zwischen Polen und Bologna. In unzähligen Baumschulen suchten sie nach gesundem Pflanzmaterial, und das Abenteuer konnte beginnen!

Wollen Wertschöpfung massiv steigern
Heute sind bereits 25 Hektaren Beerenplantagen angelegt, allen voran Aronia-, Johannis- und Heidelbeeren. Es folgen Goji-, Mai- und Stachelbeeren sowie Sanddorn, Kiwis, Kakis, Indianerbananen und verschiedene andere Raritäten. Die Beerenplantagen sollen in den kommenden Jahren noch erweitert werden. Die Investitionen seien hoch, sagt Simon Räss. Man spreche schnell von 20 000 bis 200 000 Franken pro Hektare, inklusive Bewässerung und Überdachung. «Wir setzen klar auf eine Nischenproduktion in höchster Qualität, und deshalb müssen wir uns in keinem Verdrängungskampf behaupten », erklären die beiden Jungunternehmer. Auch wenn sie heute bereits 200 Kilogramm Heidelbeeren pro Tag abliefern, nähmen ihnen die Handelsunternehmen noch ein x-faches mehr ab. Die Brüder treten die Nachfolge mit Zuversicht an und glauben, dass sie die Wertschöpfung massiv steigern können. Simon Räss ist überzeugt, dass die wachsende Nachfrage nach biologischen Produkten eine grosse Chance für Schweizer Beerenproduzenten darstellt. Gemäss dem Zitat von Albert Einstein: «Was vorstellbar ist, ist auch machbar», seien sie bereit, kalkulierte Risiken einzugehen. Ihr Projekt soll den Landwirten zeigen, dass sich Innovation, Unternehmertum und Mut in der Landwirtschaft lohnen, so Räss weiter. «Auch in einem schwierigen Umfeld können innovative Projekte erfolgreich realisiert werden; dabei soll der Fokus nicht ausschliesslich auf Produktinnovationen gelegt werden, sondern auch auf Innovationen in der Wertschöpfungskette oder in der Kostenstruktur.


Ruth Bossert













« zurück zur Übersicht