Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Mit den Augen die ganze Schafherde im Griff

Ausgabe Nummer 11 (2016)

Kleiner Hund – grosse Austrahlung

Border Collies sind keine Hunde für Stubenhocker. Sie sind Workaholics und wollen körperlich und geistig gefordert werden.

Erwin Schenk (52) aus Affeltrangen öffnet die Hecktüre seines knallgelben Geländefahrzeugs. In der Hundebox warten die beiden Border Collies auf ihren Einsatz. Leni, seine 12-jährige «Old Lady», springt aus dem Auto und zittert am ganzen Körper vor Anspannung. Wann endlich kommt der Befehl? Die Herde, ungefähr 20 Schafe und zwei Lamas, sind weit weg und fressen ruhig weiter, sie scheinen sich von den Ankömmlingen nicht stören zu lassen. Die weite flache Wiese am Thurgauer Seerücken ist schneefrei, einzig die Bise lässt das Thermometer nur knapp über die Nullgradgrenze klettern.
Dann endlich der erlösende Befehl des Meisters – in Englisch. Leni, die feingliedrige, schwarz-weiss gescheckte Hündin mit den braunen Augen prescht in geduckter Haltung und mit nach hinten gekippten Ohren davon. In einer sogenannten Birnenform kreist sie von der rechten Seite her die Schafe ein. Diese haben die Richtung bereits geändert und trotten gemächlich in die Richtung des Meisters. Ohne Hektik, ohne Aufregung lassen sie sich von Leni eingrenzen, auch die beiden Lamas trotten mit hoch erhobenen Häuptern mit. Erwin Schenk gibt kurz, knapp und äusserst ruhig seine Anweisungen. Tanzt ein einzelnes Schaf nur ein paar Schritte aus der Reihe, sorgt Leni blitzschnell dafür, dass das abtrünnige Tier zur Herde zurückkehrt. Leni bellt nicht, einzig ihr scharfer Blick und ihre Ausstrahlung sorgen dafür, dass die Herde zusammenbleibt und in die richtige Richtung läuft. Der Abstand zwischen Hund und Herde ist immer gleich gross, das ist der sogenannte Balancepunkt, der ideale Punkt zwischen Nähe und Distanz, erklärt Schenk. Das alles bedingt ein intensives Zusammenspiel zwischen Hund, Schafen und Meister.

Aufgeweckt, aufmerksam und zuverlässlich
Ist die Arbeit getan, setzt sich Leni neben den Meister und wartet mucksmäuschenstill. Schenk krault sie ein bisschen am Hals und lobt ihre Arbeit. «Gut gemacht, Leni.» Diese streckt und reckt ihren Hals und schüttelt sich, während die Schafe und die beiden Lamas wieder davon trotten.
Erwin Schenk besitzt 150 Mutterschafe und ungefähr 120 Lämmer, weitere 30 werden in den kommenden Wochen noch zur Welt kommen, erzählt der gelernte Metzger, der als Haupterwerb eine Lohnund Hausmetzgerei in Bänikon führt und als zweites Standbein die Schafzucht betreibt. Schon in seinen Jugendjahren hielt Schenk Schafe, später konnte er kontinuierlich aufstocken, und um seine Arbeit zu erleichtern, schaffte er von ungefähr 25 Jahren seinen ersten Border Collie an. Er besuchte einen Ausbildungskurs für Hütehunde und war sofort begeistert von der Intelligenz dieses Hundes.
Vor 15 Jahren ist er der Regionalgruppe Ostschweiz des Dachverbandes der Swiss Sheep Dog Society SSDS beigetreten und gründete im 2008 zusammen mit andern Haltern von Border Collies die Regionalgruppe Seerücken. Weil Hütehunde ungefähr 12 bis 15 Jahre alt werden, hat Schenk schon mit mehreren Border Collies zusammengearbeitet. Deshalb weiss er, dass kein Border Collie dem andern gleicht. «Jeder hat seine eigene Persönlichkeit, doch grundsätzlich sind sie alle aufgeweckt, aufmerksam und anpassungsfähig.» Ein Boder Collie liebe es, geistig und körperlich zu arbeiten. Sozusagen ein Workaholic, der durch seine Arbeit gefordert und ausgelastet sein müsse.

Keine Herdenschutzhunde
Eine weitere typische Eigenschaft sei seine sogenannte Führerweichheit. Darunter verstehe man seine grosse Unterordnungsbereitschaft und seine Empfindlichkeit in Bezug auf laute oder grobe Behandlung durch den Besitzer. Diese Weichheit wiederum sei unerlässlich, damit der Hund auf mehrere hundert Meter Distanz noch gehorcht und die Befehle seines Besitzers ausführt. Seine enorme Lernbegeisterung stelle aber an den Besitzer hohe Ansprüche, erklärt Schenk weiter. «Der Border Collie lernt auch unerwünschte Dinge schnell.» So glaubte er anfangs, dass es funktioniere, wenn er mit dem einen Hund Englisch spreche und mit dem anderen Deutsch. Doch weit gefehlt, beide Hunde verstanden sowohl die deutschen wie auch die englischen Anweisungen blitzschnell. So müsse der Halter eines solchen Hundes wissen, dass die grosse Kunst darin bestehe, den Arbeitseifer zu fördern und in geordnete Bahnen zu lenken. Für Schenk ist klar: «Für diese Ausbildung des Junghundes sind Gänse, Enten und vor allem Schafe am besten geeignet.» Und was machen die Lamas in der Schafherde? «Ich halte insgesamt sechs Lamas und verteile sie in die verschiedenen Schafherden als Schutz gegen Fuchs und Dachs. Schafe und Lamas vertragen sich sehr gut, und wenn die Lamas dabei sind, passiert es nicht, dass sich Füchse und Dachse an die Lämmer heranmachen.» Border Collies seien für diese Arbeit nicht geeignet. «Sie sind keine Herdenschutzhunde, und bei der Züchtung werden die Eigenschaften wie bellen und beissen gezielt ausgemerzt.»

Beste Freunde
Erwin Schenk öffnet die Hecktüre des Autos und des Zwingers und lässt die erst zweieinhalb jährige Luna raus, während Leni es sich im Zwinger bequem macht. Auch sie zittert vor Anspannung, sie weiss, nun wartet Arbeit auf sie. «Lauf», sagt Schenk leise aber bestimmt und schon rennt die etwas zierliche Hundedame los. Sie springt weit aussen um die vereinzelt stehenden Schafe, bleibt auf dem 12-Uhr- Feld, das heisst, in der Mitte des Kreises stehen, geduckt und mit starrem Blick zu den Tieren. Diese drehen sich zum Halter hin und trotten zusammen, kaum eines wagt einen Schritt in die falsche Richtung. Es dauert nur ein paar wenige Minuten, und schon sind die Schafe an einem Knäuel, nah dem Halter. «Beim täglichen Einholen der Tiere zur regelmässigen Kontrolle, aber auch beim Weidewechsel, beim Schären oder Aussortieren von Einzeltieren sind diese Hunde unerlässlich für mich, sagt Schenk. Und zudem sind sie meine besten Freunde.»


Ruth Bossert













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