Ausgabe Nummer 44 (2004)

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Mut zu Farben

Farben prägen unseren Wohnraum
 
Mut zu Farben
 
Die Welt der Farben spiegelt Gefühle, Stimmungen, Lebenseinstellungen usw. wider. Kein anderes Element prägt die Wohnraumgestaltung so nachhaltig wie die Farben von Decke und Wänden. Der Farbgestaltung gilt deshalb besondere Aufmerksamkeit – vor allem im Wohnbereich. Leider hat sich diese Erkenntnis bei uns immer noch nicht durchgesetzt, und der gängige Stil bei uns ist nach wie vor weiss für beinahe alle Wände oder braun für Holzelemente, wie Balken, Täfer und Holzböden.
Vielfach fängt das Dilemma beim alten Bauernhaus an, das viele Generationen bewohnen und wo man Hemmungen hat, etwas zu verändern, da es ja bereits seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten «so ist». Viele alte Thurgauer Bauernhäuser zeichnen sich aus durch niedrige Raumhöhe, oft dunkle und drückende Balken und kleine Räume. Vor allem in der grauen Jahreszeit kommt wenig Licht durch die Fenster, und das heimelige dunkle Holz kann plötzlich düster wirken, oft noch akzentuiert im starken Kontrast zu den weissen Wänden. Ein neuer Anstrich für die Wände wäre das effektivste und gleichzeitig das schonendste Mittel, etwas nachhaltig zu verändern und bei Nichtgefallen lässt es sich auch leicht wieder rückgängig machen: einfach mit einem erneuten Übermalen oder Ablaugen.
Wenn Sie sich mit dem Gedanken der Neugestaltung befassen, holen Sie sich erst mal Ideen und Impulse. Sich bewusst mit dem Thema Farben auseinander zu setzen ist der wichtigste Prozess. Gut geeignet dafür sind die zahlreichen Wohnjournale und Fachzeitschriften oder Bücher, welche sich mit den Themen Wohnen, Dekorieren und Renovieren befassen. Schneiden Sie Bilder, welche Sie ansprechen, aus und sammeln sie diese. Ein Besuch bei Einrichtungshäusern, wie z.B. Ikea, wo ganze Zimmer in harmonischen Dekorationskonzepten gehalten sind und Ihnen somit visuelle Impulse vermitteln, sind hilfreich. Empfehlenswert ist auch ein längerer Aufenthalt in einem Raum, der in Ihrer Favoritenfarbe gehalten ist (z.B. Restaurant, Bar, Coiffeur usw.) und wo sie die Farben bewusst auf sich wirken lassen können. Und wenn sie genauere Vorstellungen zu Farben und eventuell auch der Technik haben, fragen Sie auch mal Ihren Maler um Rat und um die Möglichkeit von konkreten Anschauungsobjekten.
Bei einem gemeinsam genützten Raum sollte die Farbgestaltung so gewählt werden, dass Sie selbst sich wohl fühlen, aber auch gleichzeitig Ihre Familie und Ihr Freundeskreis. Der Wohnbereich ist nämlich immer beides: Ort der Entspannung und des Wohlbefindens, aber auch Ort der Kommunikation und des gemeinschaftlichen Erlebens. In jedem Fall müssen die vier Wände viele, ganz verschiedene Funktionen erfüllen. Und das Allerwichtigste: Vergessen Sie nicht, dass letztendlich ein harmonisches Bild entstehen soll, welches auch die bestehenden Elemente wie Möbel, Bodenbelag, Textilien, Bücher, Fensterrahmen und Pflanzen berücksichtigt. Ein gutes Dekor ist bemüht, all diese Dinge zu einem angenehmen Ganzen zu vereinen. Eine Veränderung muss nicht von heute auf morgen passieren, sondern ist meist ein längerer Prozess. Wie überall, ist auch hier der erste Schritt der schwierigste.
Über Farben zu schreiben ist ziemlich unsinnig. Daher zwei Beispiele aus der Praxis. Wir haben vor einiger Zeit und nach jahrelangen Hemmungen einen Teil unseres alten Bauernhauses mit Farben belebt und bedauern, dass wir nicht schon viel früher den Mut dazu hatten. Die Kinder durften ihre Zimmerfarben selbst bestimmen. So präsentiert sich heute ein ehemals braun getäfertes Zimmer wie folgt: der Wandtäfer wurde in einem kräftigen gelb lasiert (verdünnte Farbe), die drei Fensterrahmen und -stürze wurden in derselben Farbtiefe, aber alle mit einer anderen Farbe lasiert, das heisst, blau, grün und lachs. Der zu ersetzende Teppich, der für die Renovation den Ausschlag gegeben hatte, wurde durch das bereits verwendete kräftige grün ersetzt. Der riesige 4-türige Kieferschrank wurde mit denselben bunten Farben lasiert, das heisst, die Türen und Schubladen haben unterschiedliche Farben. Die Decke, die Eingangstür, die Nachtvorhänge und die restliche Möblierung sind in neutralem Weiss gehalten, und die sechs Deckenbalken sind wiederum in den erwähnten Buntfarben lasiert. Wenn Sie jetzt laut aufstöhnen, kann ich Ihnen versichern, dass wir uns in diesem Raum bis heute sehr wohl fühlen – viel wohler als zuvor – und dass sich bis anhin alle Betrachter positiv geäussert haben. Der Clou liegt, wie bereits erwähnt, in der Harmonie der Farben und im Einbezug der gesamten Raumeinrichtung und des Lichteinfalls.
Die gemeinsam genutzten Wohnräume hingegen wie Stube und Küche haben wir in dezenten erdigen Rost- und Terrakottafarben gehalten, welche sich ideal mit dem Tonboden, den mittelbraunen Möbeln und Türen und der weissen Decke ergänzen und ein mediterranes Ambiente vermitteln. Als zusätzlichen Farbeffekt tragen die Stühle um den Esstisch unterschiedlich farbige Houssen (Bezüge). Aber auch an grauen Herbsttagen, wie jetzt, strahlt die verwendete alte Lasur-Wischtechnik eine behagliche, warme Atmosphäre aus. Die Stimmung ist ruhig, freundlich und heimelig.
Die Wahl der Wohnfarben ist etwas sehr Persönliches, weil wir alle unterschiedlich auf Farben reagieren und unterschiedliche Stile schätzen. Wollen wir mit Farben leben, so müssen wir Zeit in das Thema investieren. Aber seien Sie mutig! Ein Anstrich ist keine Entscheidung fürs Leben. Selbst wenn Ihnen schon in ein zwei Jahren die Farben nicht mehr gefallen – neu zu streichen ist keine Hexerei.

Irène Aemissegger
 
 
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