Ausgabe Nummer 37 (2004)

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Mutterkuhhaltung im Jahr 2011

Sinkende Fleischpreise
 
Mutterkuhhaltung im Jahr 2011
 
Zu diesem Thema referierten bekannte Grössen wie Robert Jörin, Dozent für Agrarökonomie an der ETH in Zürich, Jacques Chavaz, stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, und Hans Burger, Pionier der Mutterkuhhaltung und Ehrenpräsident der SVAMH, anlässlich der beef.ch auf dem Pfannenstiel. Alle waren sich einig, dass die Fleischpreise bis ins Jahr 2011 deutlich sinken werden, die Fleischqualität aus der Mutterkuhhaltung aber nach wie vor voll im Trend liegt und deshalb auch Chancen bestehen, den Absatz von Fleisch aus der Mutterkuhhaltung weiter zu steigern – allerdings nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher. Dem Praktiker stellt sich deshalb die Frage, ob und wie Mutterkühe eine Alternative zur Milchviehhaltung sind.
 
Das Fleisch aus der Mutterkuhhaltung liegt im Trend. Durch vermehrtes Umsteigen von der Milch- auf die Fleischproduktion werden die Preise aber zunehmend unter Druck geraten (Fabienne Stahel).
 
Rindfleischmarkt unter Druck
Im Vergleich zu 1990 wird heute, ausser beim Geflügel, deutlich weniger Fleisch konsumiert. Der Einkaufstourismus und dass die Konsumentenpreise trotz sinkender Preise beim Bauern wegen mangelndem Wettbewerb in den nachgelagerten Betrieben nicht zurückgehen, sind Jörins Erklärungen für diese Abnahme. Von einem Franken des Konsumenten bleiben beim Fleischkauf nämlich nur gerade 20 Rappen beim Bauern, der Rest wird auf die nachgelagerten Stufen verteilt. Ohne sinkende Preise sehen die Konsumenten keinen Anlass, mehr Rindfleisch zu kaufen. Laut Jörin gerät der Rindfleischmarkt sogar noch weiter unter Druck. «Schätzungen zeigen, dass der Milchpreis in der EU bis ins Jahr 2008 auf 35 Rp./kg Rohmilch sinken wird», verriet er. Diese Milchpreisreduktion wird Einfluss auf unseren Milchpreis haben. Wenn der Schweizer Milchpreis weiter sinkt, werden vermehrt Landwirte die Milchproduktion aufgeben und in die Fleischproduktion wie z.B. Mutterkuhhaltung einsteigen, um ihr Grasland zu nutzen. Dies wird sich auf die Schlachtviehpreise auswirken. Auf die Entwicklung unseres Milchpreises haben weiter die Liberalisierung des Käsemarktes, der Importdruck aus der EU, Exportschwierigkeiten sowie der Staat Einfluss.

Konsumentenpreis muss sinken
Robert Jörin zeigte eindrücklich auf, welchen Einfluss der Rindfleischpreis auf die Kauffreude der Konsumenten hat: «Wenn der Rindfleischpreis um 15% sinkt und gleichzeitig der Schweinepreis um 15% sinkt, das Realeinkommen um 1% steigt und dabei alle anderen Faktoren gleich bleiben, dann steigt der Rindfleischkonsum um 17%». Die sinkenden Preise könnten dann also durch den steigenden Absatz aufgefangen werden. Dafür wäre aber bis ins Jahr 2011 eine Steigerung der Produktivität (Steigerung auf der Ertragsseite oder Senkung der Kosten, z.B. bessere Auslastung der vorhandenen Strukturen) um 2% pro Jahr nötig, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Sollte die Marge der nachgelagerten Stufe weiter wachsen, beträgt die Abnahme des Produzentenpreises plötzlich 20%. Um diese Reduktion mit zusätzlichem Absatz wettzumachen, wäre eine jährliche Steigerung der Produktivität um 3% nötig, was realis-tischerweise kaum zu erreichen ist. Jörin fasste zusammen, dass es ohne sinkende Konsumentenpreise keinen Mehrkonsum gibt, und ohne Mehrkonsum sind die Pers-pektiven für die Labelprogramme gering. Enorm wichtig sei die Nahrungsmittelsicherheit. «Die Branche darf auf keinen Fall in Skandale verwickelt werden», warnte Jörin. Bezüglich der WTO/Doha- Runde muss nach Jörin für den Rindfleischmarkt die Absicherung der Green Box (Direktzahlungen) Priorität haben. Dafür können Konzessionen beim Zollabbau gemacht werden. Als positives Zeichen für den Rindfleischmarkt wertet Jörin das Wachstum der Weltbevölkerung und die knappen Ressourcen. Dadurch können steigende Preise auf den Agrar- und Rohwarenmärkten erwartet werden.

Starke Abnahme der Fleischpreise
Jacques Chavaz informierte, dass die Stützung des Bundes jährlich abnehmen werde, (2005: 60 Mio., 2006: 95 Mio., 2007: 130 Mio., 2008: 130 Mio.). Einerseits können Einsparungen beim Schoggigesetz und beim Verzicht auf die Rückerstattung der Mineralölsteuer erreicht werden. Der Rest soll bei den Strukturverbesserungen sowie bei der Marktstützung eingespart werden. Es soll keinen Abbau der Direktzahlungen geben, der Verteilkampf wird aber sicherlich zunehmen. Chavaz ist überzeugt, dass sich der Druck auf die Fleischpreise einerseits durch die Mehrproduktion von zusätzlichen Umsteigern aus der Milchproduktion und durch die Umsetzung der WTO-Verhandlungen erhöhen wird. Gemäss Schätzungen wird der Preis des roten Fleisches nach der Umsetzung der WTO-Verhandlungen um 25% abnehmen, der Preis des weissen Fleisches und der Eier um 28%, die Ackerproduktpreise um 26%, die Gemüsepreise um 25% und die Milchpreise um 14%.

AP 2011 soll verteuernde Auflagen reduzieren
Bereits heute laufen erste Diskussionen über die AP 2011. Ziel dieser AP 2011 ist u.a. die Förderung der Wertschöpfung z.B. durch Spezialisierung, Differenzierung, Qualität…, die Senkung der Produktionskosten und die Begleitung und Ermöglichung von Strukturanpassungen. Trotz der wenig rosigen Aussichten hielt Jacques Chavaz fest, dass das Fleisch der Mutterkuhhaltung voll im Trend liegt. «Es handelt sich um eine extensive, umwelt- und tierfreundliche sowie nachhaltige Produktion, die Erwerbskombinationen oder Diversifizierung zulässt», meinte er. Zudem ist bei der Mutterkuhhaltung eine klare Positionierung im Markt sowie ein sinnvoller Organisationsgrad vorhanden. Chavaz sieht die künftigen Herausforderungen der Mutterkuhhaltung darin, dem Preisdruck durch den abnehmenden Grenzschutz und durch zusätzliche Umsteiger von der Milch- auf Fleischproduktion entgegenzuhalten, das Angebot der Nachfrage anzupassen und sich im Export zu positionieren.

Aussichten nicht dramatisieren
«Ob Sie im Jahr 2011 mit Ihrer Mutter-kuhhaltung noch erfolgreich sind, hängt in erster Linie von Ihnen ab», sagte Hans Burger, Vater der Mutterkuhhaltung, zu Beginn seines Referates. Er ist ebenfalls der Ansicht, dass der Verteilkampf um Direktzahlungen und Marktanteile beim Fleisch grösser wird und die Preise sinken werden. Wie sich ein wachsender Mutterkuhbestand auswirkt, zeigte Burger eindrücklich auf: Wenn im Jahr 2013 neben 520000 Milchkühen der Mutterkuhbestand auf 120000 Tiere ansteigt, was zu erwarten ist, müssen für 30000 Kälber neue Absatzkanäle gefunden werden. Die Angebotsseite könnte durch die Schlachtung von neugeborenen Kälbern als Wurstkälber und durch das Absenken der Schlachtgewichte auf einfache Weise beeinflusst werden. Der zusätzliche Absatz muss durch den Ausbau des Swiss Prim Beef Labels, durch den Ausbau von Rassenprogrammen, durch den Aufbau eines neuen SVAMH-Programms und durch die Belieferung neuer Absatzkanäle erreicht werden.
Welche Bedeutung haben die Informationen der Tagung für den Praktiker? Lesen Sie den folgenden Artikel.

LBBZ Arenenberg, Fachstelle Betriebsberatung und Landtechnik, Fabienne Stahel
 

Mehr von der Marge für die Bauern! – bisher ein schwaches Echo
Beim Fleischkauf bleiben von einem Franken des Konsumenten nur gerade 20 Rappen beim Bauern, der Rest wird auf die nachgelagerten Stufen verteilt. Angesichts dieser Tatsache ist es erstaunlich, dass sich anscheinend nach wie vor niemand dieser Thematik annehmen will. Die von der Agrarplattform lancierte Margendiskussion ist im Sand verlaufen. Auch werden nützliche Einrichtungen wie die öffentlichen Märkte und die Schlachtvieherzeugergemeinschaften von den Landwirten selbst nur mässig genützt und von den landwirtschaftlichen Organisationen zum Margengewinn für die Bauern nicht gefördert.
(Anmerkung fs)

 
 
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