Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
19. Oktober 2018


Nachhaltigkeit und Tierschutz

Ausgabe Nummer 2 (2016)

Albert Baumann, Unternehmensleiter der Micarna, sagte am ersten Abend des Agrarzyklus in Weinfelden, dass er eine Vollverwertung des Tieres anstrebt, indem künftig die Chinesen die Hühnerbeine essen, statt dass sie in der Schweiz verbrannt werden.

Der zweiteilige Agrarzyklus der Volkshochschule Mittelthurgau startete am Montagabend mit dem Ethiker Thomas Gröbly und Albert Baumann, Unternehmensleiter der Micarna Gruppe und Gewinner des Swiss Awards SRF in der Kategorie Wirtschaft des vergangenen Jahres. Rund 50 Interessierte lauschten den Referaten des Ethikers und des Fleischproduzenten, in denen sich beide mit der Thematik des Vertrauens und der Sicherheit beim Fleischkonsum auseinandersetzten. «Aus ethischer Sicht», gibt Gröbly zu bedenken, «haben Tiere in etwa die gleichen Wünsche ans Leben wie die Menschen». Nach seiner Ansicht gebe es keinen triftigen Grund, Tiere anders zu behandeln als den Menschen. Er ging sogar so weit, dass er eine Höherwertung des Menschen gegenüber einem Tier als rassistisch bezeichnete. Er findet es verwerflich, wenn die Herkunft der Tiere und ihre Tötung verschleiert und sie lediglich als Ware deklariert werden. Er rief die Fleischverarbeiter zur Vorsicht auf und verlangte eine absolute Rückverfolgbarkeit der geschlachteten Tiere. Als mögliche Lösung riet er den Anwesenden, weniger oder gar kein Fleisch zu essen und wenn, dann nur aus bester Tierhaltung. «Wer die Würde des Tieres respektiert, respektiert dadurch auch seine eigene.»

Hühnerbeine nach China
Auch wenn Albert Baumann heute in seinem Unternehmen mehr als 2500 Arbeitnehmern vorsteht und mit ihnen zusammen einen Umsatz von 1,4 Millionen Franken erwirtschaftet, hat der gelernte Metzger erst kürzlich mit eigenen Händen an einer Hausmetzgete ein Schwein geschlachtet. Micarna habe in der Vergangenheit Millionen investiert, um die Tiere vor dem Tötungsschmerz zu schützen, sagte er und verwies auch in seinem Imagefilm über Micarna, dass seine Firmen alles machen, um die Rückverfolgbarkeit der Fleischstücke zu gewährleisten. Der ganzheitliche Ansatz, beispielsweise vom Brutei bis zur Mahlzeit im Teller, müsse der Konsument nachvollziehen können. Micarna setze sich dafür ein, Kreisläufe zu schliessen und die Nutzprodukte, die früher Schlachtabfälle hiessen, sollen in Zukunft gänzlich wiederverwertet werden. Deshalb sei es für ihn nicht verwerflich, wenn zukünftig Hühnerbeine in China als Delikatesse verkauft werden, auch wenn er sich zu einer engen Regionalität bekenne. China sei auf Importe angewiesen und deshalb beeinträchtige man damit auch nicht den chinesischen Markt, so Baumann.

Konsumenten wollen Poulet
Beim Vertrauen zwischen Konsumenten, Verarbeitern und Produzenten setzt Baumann auf die vom Fleischverband erarbeitete Charta und die Ombudsstelle, an die sich Mitarbeitende wenden können, wenn etwas falsch läuft. Auch Micarna sei nicht fehlerfrei, sagte Baumann auf die Frage, was Micarna denn besser mache als die anderen. Hingegen pflege man eine offene Fehlerkultur und setze viel in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden. Die Frage aus dem Publikum, weshalb man den Fokus nicht vermehrt auf raufutterfressende Tiere setze, sagte Baumann: «Der Konsument will Poulet.» Mit den Kampagnen für das Alpenlamm und dem Schülerprojekt Wanderherde will man Lammfleisch aus der Schweiz salonfähig machen. Leider sei es so, dass Schweizer zunehmend nur noch hochwertige Fleischstücke und Pouletfleisch essen. Mit einer App mit Rezepten von Fleischgerichten, die man früher oft kochte und heute fast vergessen sind, sollen Konsumenten dazu motiviert werden, alte Gerichte neu auf den Tisch zu bringen. Trotzdem glaube Micarna an eine ressourceneffiziente Geflügelproduktion und habe mit der Marke Optigal neue Massstäbe gesetzt.

Ethiker spricht von Augenwischerei
Für Gröbly sind die Aussagen Baumanns zum Teil Augenwischerei. Auch Micarna habe dieselben Konflike wie andere Grosskonzerne und müsse ständig den Umsatz steigern. «Wir wissen alle, dass sich mit schweizerischem Raufutter nur ungefähr 25 Kilogramm Fleisch pro Person produzieren lasse. Hingegen werde in der Schweiz mehr als die doppelte Menge Fleisch benötigt. Baumann kontert, dass die schweizerische Gesetzgebung es momentan noch verhindere, hochwertiges Protein aus tierischen Nebenprodukten wieder in den Kreislauf zu bringen. Zudem werde Optigal-Geflügel nur mit Donausoja und nicht mit brasilianischer Soja gefüttert.
Michale Dubach hatte zu Beginn der Veranstaltung drei vakuumierte Fleischstücke in die Runde gegeben. Er wollte wissen, welches Stück Fleisch zum Rind, Lamm oder Pferd gehört. Als Schlusspunkt war Baumann gefordert, die Fleischstücke, die allesamt ziemlich gleich aussahen, den entsprechenden Tieren zuzuordnen. Der ehemalige Metzger gab sich keine Blösse und schaffte die Aufgabe mit Bravour.


Ruth Bossert










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