Ausgabe Nummer 43 (2004)
Nachwuchssorgen und -freuden
| Gedanken zum Erntedankfest |
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Nachwuchssorgen und -freuden
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| Am Eröffnungstag der Olma St. Gallen sprach Bundesrat Christoph Blocher zum Thema «Der regulierte Bauer» und kritisierte dabei die Bürokratie, die vielen Vorschriften und Gesetze sowie die unzähligen Kontrollen. |
| Erntedank das heisst jedes Jahr wieder staunen darüber, dass von dem, was gesät wurde, vieles gewachsen ist «dreissig-, sechzig-, hundertfach», wie es im Gleichnis vom Sämann heisst. Das hat eine wirtschaftliche Dimension: die Existenz der Bauern hängt davon ab, ja die Existenz der Menschen überhaupt. Es hat aber auch eine geistliche Dimension: wir danken Gott für die Ernte und damit für unser Leben überhaupt. Wenn ich im Titel von «Nachwuchs» rede, werden die Gedanken wohl weniger auf Säen und Ernten gelenkt, sondern eher auf den menschlichen Nachwuchs. Dass dieser nicht dreissig-, sechzig- und hundertfach geschieht, darüber muss man in einer jetzt schon dicht mit Menschen bevölkerten Welt eher froh sein. Dass in den Ländern Westeuropas aber die durchschnittliche Kinderzahl unter eineinhalb pro Frau gesunken ist, was eine Reduktion der Bevölkerung um mindestens ein Viertel pro Generation bedeutet, das stimmt schon nachdenklich. Was hat unsere Zeit eigentlich gegen Kinder? Ich reisse hier keine neue Diskussion vom Zaun. Sie ist bereits im Gang und sie ist auch nötig. Was mich an dieser Diskussion zunehmend stört, ist die einseitig materielle/finanzielle Ausrichtung: Wie viele Kinder braucht es, damit die Renten gesichert sind? Welche Kinderzahl bedeutet ein Armutsrisiko? Welche ausserfamiliären Kinderbetreuungen sind nötig, damit Ehepaare wieder vermehrt Kinder haben, und wie viel dürfen diese maximal kosten? Gewiss, solche Überlegungen müssen angestellt werden. Kinder in unserer Zeit grosszuziehen, kostet Geld. Das ist nicht direkt vergleichbar mit der Situation vor fünfzig Jahren. Ich bin ganz und gar nicht gegen finanzielle Entlastungen von weniger begüterten, aber kinderreichen Familien. Aber wir spüren es alle: Mit finanziellen «Anreizen» ist es nicht getan. Darum ist die Politik diesbezüglich so hilflos. Es ist eben wie beim Säen und Ernten auf dem Acker: Das Ganze hat neben der wirtschaftlichen auch eine geistliche Dimension. Der «Gegenwert» für das Kinderhaben sind die Kinder selbst. Natürlich kosten sie. Natürlich nerven sie gelegentlich auch. Natürlich schränken sie die Eltern in ihren Freiheiten eine gewisse Zeit lang ein, jedenfalls wenn diese ihre Verantwortung ernst nehmen. Aber das alles ist nicht aufzurechnen gegen den «Gewinn», den wir als Eltern und als Gesellschaft durch sie haben können: Sie geben uns Anteil an der Zukunft. Sie bringen ihre Welt in unsere Stuben, ungefragt, unausweichlich, manchmal auch unbequem, aber bereichernd, horizonterweiternd, herausfordernd im besten Sinn des Wortes. Es gibt nicht nur Menschen, die Kinder haben könnten, aber nicht möchten. Es gibt auch Ehepaare, die noch so gern Kinder hätten, denen dieser Wunsch aber versagt bleibt und die sehr darunter leiden. Trotz aller medizinischen Möglichkeiten ist «Kinder-machen» eben immer noch nicht in der Hand des Menschen. Jedes Kind ist ein Gruss Gottes, ein Zeichen dafür, dass er das Menschengeschlecht noch nicht aufgegeben hat. Sind am Ende wir dran, uns und unsere Zukunft aufzugeben? In einem Lehrmittel für die Oberstufe (Thema-Heft «Erdgeschichte») heisst es: «Die Entwicklung (der Erde und der Lebewesen) wird nicht stehen bleiben. Nach unserm Erdzeitalter werden neue Formen die alten ablösen Gehört der Mensch auch dazu? Vielleicht! Aber vielleicht ist er ein &Mac220;Blindgänger der Natur&Mac221;, wie es auch die Saurier einst waren. Zumindest würde sein Verschwinden für die Natur einen Gewinn bedeuten!» Wen wundert es, dass vor dem Hintergrund einer solchen Weltsicht junge Menschen kaum mehr Kinder zur Welt bringen wollen. Vielleicht müssen wir da ansetzen, bei der Frage: Welches Weltbild vermitteln wir den jungen Menschen? Welches Menschenbild? Welches Gottesbild? Welches Bild von der Schöpfung? Welches Verhältnis des Menschen zur übrigen Schöpfung und zum Schöpfer? Bundesrat Couchepin hat im Zusammenhang mit der Parlamentsdebatte über Familienpolitik von der philosophischen Frage in diesem Zusammenhang gesprochen. Ich nenne es die geistliche Dimension. Wilfried Bührer, Pfarrer, Präsident des Kirchenrates der Evangelischen Landeskirche Thurgau |
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