Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


Nebenerwerb - mein Lohn gehört mir! Ist das wirklich so?

Ausgabe Nummer 30 (2014)

Der Einstieg in einen Nebenerwerb muss gut überlegt sein. Damit er sicher gelingt, sollten wichtige Fragen zum Voraus geklärt werden.

Nebenerwerb – warum?
Die neue Arbeitszeiterhebung von Ruth Rossier, Agroscope, hat ergeben, dass sowohl die Bäuerin als auch der Landwirt im Durchschnitt einen Tag pro Woche einem Nebenerwerb nachgehen.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Weil ein zusätzliches Einkommen erwirtschaftet werden muss oder der soziale Kontakt mit anderen Menschen, anderen Berufsgruppen im Mittelpunkt steht, der Anschluss an den erlernten Beruf nicht verpasst werden will oder die Freude an einer anderen Tätigkeit im Vordergrund steht.
Mit dem Schuleintritt des zweiten Kindes vor drei Jahren stellten sich Linda und Rolf Egghauser die Frage, wie weiter. Sie haben entschieden, dass Linda 40 Prozent auswärts arbeiten wird, da sie den Aussenkontakt und ihre ehemalige Tätigkeit liebte. In den letzten drei Jahren hat sich die Arbeitsteilung eingespielt. Linda arbeitet für die Familie und den Betrieb und an zwei Tagen pro Woche fest als Chauffeuse. Rolf ist Betriebsleiter und engagiert sich an den auswärtigen Arbeitstagen seiner Frau für Familie und Haushalt.
Aus dem Betrieb erwirtschaften die beiden ein landwirtschaftliches Einkommen von 60 800 Franke. Linda erhält für ihre auswärtige Tätigkeit einen Lohn von 20 800 Franken.

Nebenerwerb gut vorbereitet
Bevor ein Nebenerwerb aufgenommen wird, egal ob von der Bäuerin oder dem Landwirt, soll die Familien-, Haushalt- und Betriebssituation gründlich vorbesprochen werden. Die ganze Umstellung soll nicht in Überforderung und Unzufriedenheit und damit verbunden in Frustration und ständigem Streit ausarten.
Bei der Aufnahme eines Nebenerwerbs geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um strategische Entscheidungen für Familie, Haushalt und Betrieb. Das sagt das ZGB Art. 167
Bei der Wahl und Ausübung eines Berufes oder Gewerbes nimmt jeder Ehegatte auf den anderen und das Wohl der ehelichen Gemeinschaft Rücksicht.
und Ziergarten aufhebt und extensiviert, Blumen am Haus werden auf den Hauseingang beschränkt. Die Selbstversorgung, das Verwerten von Hofprodukten sowie das Backen von eigenem Brot fallen weg.
Rolf befasst sich neu mit Hausarbeit und ist vermehrt in die Erziehungsarbeit involviert. Klar ist auch, dass er an den Arbeitstagen von Linda weniger flexibel sein wird. Mit Selbstbewusstsein gilt es, Kollegen mit ihren spöttischen Bemerkungen zum «Hausmann» zu begegnen.
Gemeinsam entscheiden sie, den zwar kleineren, aber intensiven Betriebszweig der Beerenkulturen aufzuheben.
Den Kindern werden feste Ämtli zugeteilt.

Chancen des Nebenerwerbs
Mit der Aufnahme des Nebenerwerbs durch Linda erhöht sich nicht nur das Familieneinkommen, auch die Altersabsicherung verbessert sich mit den für sie einbezahlten AHV-Beiträgen. Mit ihrem Jahreseinkommen von 20 800 Franken liegt der Verdienst von Linda knapp unter der BVG-Eintrittsschwelle, allenfalls ermöglicht das höhere Einkommen eine Einzahlung in die private Vorsorge 3a. Sollte Linda nochmals schwanger werden, profitiert sie von der Mutterschaftsentschädigung.

Wofür wird der Nebenverdienst verwendet?
Um Spannungen in der Beziehung und Familie zu vermeiden, lohnt es sich, bereits im Vorfeld über die Verwendung des künftigen Lohnes zu diskutieren. In der Regel wird der Lohn auf ein persönliches Lohnkonto einbezahlt, denn auch in der Ehe kann ein Partner seinen Lohn selbst verwalten und nutzen.
Das sagt das ZGB Art 201
¹ Innerhalb der gesetzlichen Schranken verwaltet und nutzt jeder Ehegatte seine Errungenschaft und sein Eigengut und verfügt darüber.
Das heisst aber nicht, dass das gesamte Geld für das eigene Vergnügen ausgegeben werden soll, sondern dass die Partner gemeinsam entscheiden, wie und wofür Geld eingesetzt wird.
Das sagt das ZGB Art. 163 
¹ Die Ehegatten sorgen gemeinsam, ein jeder nach seinen Kräften, für den gebührenden Unterhalt der Familie. 
² Sie verständigen sich über den Beitrag, den jeder von ihnen leistet, namentlich durch Geldzahlungen, Besorgen des Haushaltes, Betreuen der Kinder oder durch Mithilfe im Beruf und Gewerbe des anderen. 
³Dabei berücksichtigen sie die Bedürfnisse der ehelichen Gemeinschaft und ihre persönlichen Umstände.
Das Erstellen eines gemeinsamen Budgets kann unterstützend sein, bei der Geldplanung. Möglichkeiten, das Geld auszugeben, gibt es viele. Das zusätzliche Einkommen:
– wird für den täglichen Lebensbedarf verbraucht
– wird für zusätzlichen Luxus verwendet, zum Beispiel Ferien
– wird vollumfänglich gespart
– wird zur Verbesserung der Altersvorsorge, Säule 3a, verwendet
– wird für Investitionen auf dem Betrieb eingesetzt.
Beim ordentlichen Güterstand Errungenschaftsbeteiligung der Ehepartner gehört der Nebenverdienst in die Errungenschaft desjenigen, der den Nebenerwerb ausübt.
Im Todesfall oder bei Scheidung erfolgt die güterrechtliche Auseinandersetzung, die Errungenschaft wird hälftig geteilt.
Zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, wie und wofür die Errungenschaft verwendet wurde und ob Belege und Beweise vorliegen. Wurde das Geld für den täglichen Lebensbedarf verbraucht, so ist nichts mehr da zum Teilen. Wurde der Nebenverdienst in den Betrieb investiert und ist dies beweisbar, so besteht allenfalls eine Ersatzforderung.
Wofür verwenden Linda und Rolf den Nebenverdienst? Sie entscheiden, das Geld vorläufig zu sparen und dann für den Um- und Ausbau einer neuen Küche zu verwenden. Da der Bauernhof ins Eigengut von Rolf gehört, die Investitionen jedoch aus der Errungenschaft von Linda getätigt werden, sollen die Belege unbedingt sichergestellt werden. Wer weiss schon, was das Leben bringt?

Die Namen sind rein zufällig gewählt, ein Beispiel aus der Beratung.


BBZ Arenenberg,
Vreni Peter




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