Ausgabe Nummer 43 (2007)

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Neue Berufslehre aus Sicht der Lehrmeister

Die landwirtschaftliche Berufsbildung hat traditionell einen hohen Stellenwert. Die flexible Ausbildung bietet den Lernenden mehrere Zukunftsperspektiven, welche weit über die Landwirtschaft hinaus gehen.

Die Thurgauer Lehrbetriebe haben schon mehrmals neue Schritte in der Ausbildung wie Prüfung auf dem Lehrbetrieb, Jahresschule und die neue dreijährige Lehre mitgetragen.Viele Lehrmeister haben die Entwicklung in den letzten Jahren persönlich miterlebt und sollen an dieser Stelle über ihre Erfahrungen berichten.

Interview mit Beat Schwager, Wängi, und Herbert Hablützel, Stehrenberg:

Seit wann bildest du Lehrlinge aus, und was ist deine persönliche Motivation dazu?

Beat Schwager: Seit 1986 haben wir regelmässig einen Lehrling. Einem jungen Menschen gebe ich sehr gerne die eigene Überzeugung weiter, dass der Beruf Landwirt heute noch einen Lebensinhalt bietet, der den Alltag nicht zum «Muss», sondern zum «Ich darf» werden lässt.
Herbert Hablützel: Im Jahre 1990/91 bildeten wir den ersten Lehrling aus. Damals waren wir als Betriebsleiterfamilie auf einem Gutsbetrieb im Kanton Schaffhausen angestellt. Nachfolgend waren wir sieben Jahre Pächter auf einem Betrieb im Zürcher Weinland mit Schwergewicht Ackerbau. Während dieser Zeit half uns jeweils ein Praktikant über die Sommer- und Herbstmonate die Arbeitsspitzen zu brechen. Seit zehn Jahren sind wir nun in Stehrenberg, und diesen Sommer begann bei uns auch der zehnte Lehrling seine Ausbildung. Hier liegen die Hauptbetriebszweige in der Milchviehhaltung und in der Pouletmast. Diese Strukturen ermöglichen die Integration eines Lehrlings in den vielseitigen Beruf.
Mit jedem Neubeginn eines Lehrlings beginnt jeweils auch immer wieder eine neue Herausforderung. Ist dieser willig und interessiert (was bei fast allen Lernenden der Fall ist), so sind sehr rasch Lernfortschritte sichtbar. Beim Nichtbauernsohn kann dies das erste selbstständige Melken sein oder beim «erfahrenen» Lehrling das Eingrasen mit Traktor, Ladewagen und Frontmäher. Solche Schritte können für beide Parteien motivierend sein; einerseits sieht der Lehrmeister, wie durch seine Instruktion ein junger, angehender Landwirt die an ihn gestellten neuen Forderungen erfüllen kann, und andererseits spürt aber auch der Lehrling, wie er schon bald einmal fähig ist, gewisse Arbeiten selbstständig und zur Zufriedenheit des Lehrmeisters zu verrichten.

Was für Erfahrungen hast du mit Lehrlingen im neuen Ausbildungsmodell gemacht?

Beat Schwager: Die Lehrlinge sind grundsätzlich motiviert. Sie wollen Wissen und Erfahrung sammeln. Herbert Hablützel: Ich werde den Eindruck nicht los, dass es seit der Einführung des neuen Ausbildungsmodells länger dauert, bis sich ein Lehrling mit dem Lehrbetrieb identifiziert. Durch die vermehrte Abwesenheit vom Lehrbetrieb, sei es infolge Schulbesuch oder Freizeit, aber wahrscheinlich auch wegen der veränderten Mentalität der heranwachsenden Generation, haben die Lehrlinge mehr Distanz zum Betrieb. Obwohl das Betriebsheft im vorangehenden Ausbildungsmodell zum Teil verpönt war, hatte es die gute Seite, dass sich der Lernende mit dem Lehrbetrieb tiefergehend auseinandersetzen musste.

Wie beurteilst du die Ausbildung im Thurgau mit den gleichmässig verteilten Lektionen in der Berufsschule?

Beat Schwager: Da hinterfrage ich zeitweise die «Aufnahmefähigkeit» der Lehrlinge im ersten Lehrjahr. Das heisst, der fachliche Stoff überfordert teilweise vor allem die schulisch schwächeren Lehrlinge. Vom Grundsatz her stehe ich heute hinter dieser Aufteilung, doch müsste nochmals die fachliche Aufteilung über die drei Lehrjahre überdacht werden.
Herbert Hablützel: Für den Lernenden ist es gut so, die Schullast ist so gleichmässig verteilt.
Auch dass der Schulunterricht in allen drei Lehrjahren gleich ist, ist nur von Vorteil. Würde die Lektionenzahl mit zunehmendem Lehrjahr zunehmen, dann wären die Lernenden im dritten Jahr noch mehr vom Betrieb weg, und sie hätten Mühe, eine Lehrstelle fürs dritte Lehrjahr zu finden.

Ist die vermehrte Abwesenheit der Lehrlinge, einen Schultag pro Woche und vier Wochen Blockunterricht im Winter, auf deinem Betrieb ein Problem?

Beat Schwager: Es ist eine Sache der Einstellung des Lehrmeisters. Der Betrieb muss sich dieser Tatsache bewusst sein. Die Lehrlinge sind nicht nur Angestellte, die jederzeit zur Verfügung stehen müssen.
Herbert Hablützel: Auf unserm Betrieb ist dies kein Problem. Bei uns, wie auch auf manch anderem Betrieb muss aber dadurch vor allem während der Stallarbeit die Bäuerin vermehrt einspringen. Auch die Abwesenheit während des Blockunterrichts ist bei uns lösbar. Einerseits sind diese Kurse hauptsächlich während des Winterhalbjahrs, und andererseits wird bei der Kurseinteilung nach Möglichkeit auf die betrieblichen Gegebenheiten Rücksicht genommen.

Sind Zusammenhänge von Theorie und Praxis für die Lernenden in der neuen dreijährigen Ausbildung besser verständlich?

Beat Schwager: Grundsätzlich ja. Wenn ich ehrlich bin, habe ich aber auch hier zwei Herzen in der Brust. Das dritte Lehrjahr nach der alten Ausbildungsart mit einer Vertiefung der theoretischen Zusammenhänge hat auch seine positiven Seiten. Grundsätzlich aber hängt es vom Lernenden ab, ob und wann er den Fachstoff aufarbeiten kann. Das heisst: Ob jemand später beruflich erfolgreich ist, hängt nicht allein vom Ausbildungsmodell ab.
Herbert Hablützel: Ja, dies ist grossmehrheitlich der Fall, es hängt aber sehr stark vom Lernenden ab.

Wie beurteilst du die Handlungskompetenz der Lehrlinge im dritten Lehrjahr?

Beat Schwager: Die fachlich interessierten Lehrlinge sind mehrheitlich sehr selbstständig. Sie wollen ihre Fähigkeit im Beruf leben. Sie sind für mich interessante Gesprächs- und Berufspartner.
Herbert Hablützel: Die Lernenden sind aber auch ein Jahr älter und haben somit ein Jahr mehr landwirtschaftliche Erfahrung. Auch hier hängt es stark vom Lehrling ab und nicht zuletzt auch von den Lehrmeistern der ersten beiden Lehrjahre. Ich finde es wichtig, dass auch Lehrlinge in den ersten beiden Jahren schon bei der Einteilung und Planung der Arbeitsabläufe miteinbezogen werden und so auch diese Handlungskompetenz gefördert wird.

Was fehlt dir aus heutiger Sicht am neuen Ausbildungsmodell?

Beat Schwager: Dass kein Austausch der Lehrlinge über die Sprachregionen möglich ist. Dieser wertvolle Nebeneffekt sollte den Interessierten ermöglicht werden. Es wäre im Interesse der Jugend, wenn die übrige Schweiz ein Stück weit dem Thurgauer Modell entgegenkäme.

Ich danke euch herzlich für die Beantwortung der Fragen.

Bruno Meili, Ressort Bildung Beratung TBV