Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
15. Juni 2018


Nützliche Impulse für den Erwerbsobstbau

Ausgabe Nummer 35 (2015)

Güttinger Tagung 2015

Am Themenparcours dieser Tagung standen die Herausforderungen mit Insektenschutznetzen im Kernobst, neueste Erkenntnisse zur Behangsregulierung mit Brevis und das Feuerbrandmanagement im Fokus.

Die Güttinger Tagung 2015 wurde vom BBZ Arenenberg, Schul- und Versuchsbetrieb Obstbau, Güttingen, in Zusammenarbeit mit dem Thurgauer Obstverband und der Forschungsanstalt Agroscope durchgeführt. Auch in diesem Jahr übte die Tagung unverminderte Anziehungskraft aus, es fand sich eine grosse Besucherschar zum Rundgang mit Themenparcours und Fachreferaten ein. Lukas Bertschinger, stellvertretender Leiter des Instituts für Pflanzenbauwissenschaften IPB, Agroscope, begrüsste die Tagungsteilnehmer. Ueli Bleiker, Chef des Landwirtschaftsamtes Thurgau, befasste sich in seinem Eröffnungsreferat mit der Bedeutung von forschender Beratung und beratender Forschung. Im Zentrum stehen Forschung und Entwicklung zugunsten der Land- und Ernährungswirtschaft und Wissensaustausch und Technologietransfer mit der Praxis, der Beratung, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Lehre und der Öffentlichkeit.

Totaleinnetzung: Was muss beachtet werden?
Stefan Kuske und Marc Grünig von Agroscope thematisierten die Totaleinnetzung von Kernobstanlagen. Sie stellten fest, dass Hagelnetze im Kernobstanbau vielerorts unverzichtbar und schon seit längerem Standard sind. Moderne Anlagen werden heute vermehrt auch voll eingenetzt oder mit zusätzlichen Seitenschutznetzen ausgerüstet, zum besseren Schutz vor Wind, Wildverbiss, Vögeln und Schadinsekten, oder auch als Bestandteil einer integrierten Feuerbrandbekämpfung. Die Referenten bezeichneten Netze als wirkungsvolle Barrieren, die Einfluss nehmen auf das Zusammenspiel von Schädlingen und Nützlingen im Agrarökosystem. Die Maschenweite der Schutznetze entscheide dabei mit, wer ausgesperrt wird und wer die Schranke passieren kann. Je feinmaschiger die Netze, desto mehr Ausschlusswirkung wird erzielt. Allerdings wirkt sich das nicht immer nur positiv aus. Während grössere Schadinsekten erfolgreich ausgesperrt werden, können kleinere wie Blattläuse oder Blattsauger die Schranken ungehindert passieren und sind unter Umständen sogar besser geschützt vor dem Zugriff ihrer natürlichen Feinde. Denn auch diese werden teilweise ausgesperrt und an der Einwanderung gehindert, wodurch die natürliche Regulierung gestört wird. Feinmaschige Netze verändern zudem das Mikroklima in den Anlagen und wirken sich optisch auf das Landschaftsbild aus.

Sichtbar, aber umweltschonend
Insektenschutznetze sind wertvolle und effektive Bestandteile einer nachhaltigen und umweltschonenden Pflanzenschutzstrategie. Sie können einen wichtigen Beitrag zur Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes und Rückstandsminimierung im Obstbau liefern. Neben diesen unmittelbaren Vorteilen sind die Produzenten aber auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert: «Welches Schutzsystem ist das Richtige für mich? Welches Netz, welche Maschenweite und Farbe wähle ich? Wann schliesse ich die Anlage? Wie wirkt sich das Netz auf meine Pflanzenschutzstrategie aus?» Agroscope untersucht seit vielen Jahren die Auswirkung von Netzabdeckungen auf das Zusammenspiel von Schädlingen und Nützlingen. Ergebnisse aus Praxisversuchen zeigen verschiedene Vorteile und auch einige unerwartete Herausforderungen dieser zukunftsträchtigen Strategie auf, so Stefan Kuske und Marc Grünig.
An der zweiten Station des Themenparcours informierte Thomas Kuster von Agroscope über neueste Erkenntnisse zur Behangsregulierung mit Brevis. Das seit diesem Jahr zugelassene Produkt mit dem Wirkstoff Metamitron für die Behangsregulierung ist bei Äpfeln und Birnen zugelassen. Bei Birnen ist Brevis zurzeit das einzige zugelassene Produkt zur chemischen Ausdünnung.

Weitere Erfahrungswerte nötig
Das Produkt Brevis mit dem Wirkstoff Metamitron hemmt die Photosynthese der Obstbäume. Ähnlich wie bei einer Beschattung reagieren behandelte Obstbäume mit einem erhöhten Fruchtfall auf die geringere Versorgung der Triebe und Früchte mit Assimilaten. Damit unterscheide sich die Wirkungsweise von Brevis von anderen Ausdünnmitteln, welche den Hormonhaushalt der Pflanzen beeinflussen oder die Blüte verätzen. Brevis wird ein- bis zweimal im Abstand von fünf bis zehn Tagen bei einer Fruchtgrösse von 8 bis 14 mm angewendet. Erfahrungen bei der Dosierung für einzelne Sorten müssen erst noch gesammelt werden, betonte Thomas Kuster. Besonders beachtenswert ist, dass eine Überdosierung zu starken Nekrosen mit anschliessendem Blattfall führen kann. In Versuchen von Agroscope seit 2008 zeigt Brevis eine vielversprechende Ausdünnwirkung bei Apfelbäumen, ohne dabei Schäden an Blättern und Früchten zu hinterlassen. Die Witterung während den Tagen vor und nach der Applikation von Brevis beeinflusst das Ausdünnergebnis stark. Zurzeit wird in Versuchen im In- und Ausland untersucht, wie die Dosierung aufgrund der Sonnensteinstrahlung und der Temperatur angepasst werden kann. Ein spezieller Fokus liegt auf der Einschätzung der Ausdünneffektivität mittels Photosynthese- Messung.

Ziel: Antibiotikafreies Feuerbrandmanagement
An der dritten Station des Themenparcours informierten Eduard Holliger und Vanessa Reininger von Agroscope über das Feuerbrandmanagement und gaben aktuelle Hinweise aus Feldversuchen 2015. Bei der Erarbeitung von Lösungen zum nachhaltigen Feuerbrandmanagement wurden im Feld Alternativen zu Streptomycin geprüft und Pflanzenschutzmittelstrategien optimiert. Zur Abklärung der Vermehrung des Feuerbrand-Erregers in der Blüte in Abhängigkeit mit angewendeten Wirkstoffen sind vertiefte Untersuchungen durchgeführt worden. Im Dachprojekt «Gemeinsam gegen Feuerbrand» werden alle praxisorientierten und grundlegenden Forschungsaktivitäten der wichtigsten Akteure in der Schweiz zusammengefasst. Gemeinsam werden Massnahmen weiterentwickelt, damit in Zukunft eine erfolgreiche und antibiotikafreie Managementstrategie in der Schweiz angewendet werden kann. Feuerbrand- Feldforschung ist komplex und klimaabhängig. Die Feldforschung umfasst Versuche auf der schweizweit einmaligen totaleingenetzten Feuerbrand- Versuchsparzelle von Agroscope am Steinobstzentrum Breitenhof in Wintersingen (BL) und Praxisversuche. Alle beteiligten Akteure haben die feste Absicht, die gemeinsamen Aktivitäten in den nächsten Jahren weiterzuführen, damit für die Praxis weitere Lösungsansätze für das Feuerbrandmanagement zur Verfügung stehen.

Alternativen zu Streptomycin getestet
Vanessa Reininger schilderte, wie im Agroscope-Labor Exaktversuche mit Milchsäure eine gute Wirksamkeit gegen den Feuerbranderreger zeigten, daher wurde dieser Wirkstoff erstmals auch in der Versuchsparzelle eingesetzt. Neben diesen Verfahren ist auch eine biotaugliche Strategie mit einer Abfolge unterschiedlicher Präparate angewandt worden. Die Versuche 2015 haben gezeigt, dass unter den gewählten Einsatzbedingungen alle Verfahren ohne Streptomycin weniger gut gewirkt haben, als das Verfahren mit Streptomycin. Bei den Alternativen zu Streptomycin stellt die Verbesserung der Wirkungssicherheit weiterhin eine grosse Herausforderung dar. In Zusammenarbeit mit den Fachstellen für Obstbau der Kantone Aargau, Luzern, St. Gallen, Thurgau und Zürich und den ausgewählten Obstbaubetrieben wurden Versuche in grossen einheitlichen Sortenblöcken geplant. Der Fokus lag auf dem direkten Vergleich der Wirkung von LMA zu Streptomycin. In vielen dieser Parzellen trat 2015 kaum Blütenbefall auf. Daher können in diesen Versuchen keine Aussagen zur Wirkung gemacht werden. Es wurde jedoch die Chance genutzt, allfällige Nebenwirkungen von LMA abzuklären. In diesem Jahr wurden jedoch keine negativen Nebenwirkungen beobachtet.


Isabelle Schwander
















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