Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Paul Rutishauser erinnert sich an die Maikäferbekämpfung im Thurgau

Ausgabe Nummer 16 (2017)

Alt Nationalrat Paul Rutishauser lebt zusammen mit seiner Ehefrau Margrit in Sulgen und interessiert sich noch immer für die kantonale, nationale und internationale Landwirtschaftspolitik. Er wirft einen Blick in die Geschichte der Landwirtschaft der längst vergangenen Jahren.

Unter anderem interessiert sich der heute 84-jährige Paul Rutishauser für Protokolle, Schriften, Fachliteratur und Erzählungen zum Thema Maikäferbekämpfung im Thurgau. Nach seinen Recherchen befassten sich einige Kantone schon 1875 mit einem Konkordat welches die Maikäferbekämpfungen in den Flurgesetzen regeln sollte. Wie Rutishauser erzählt, stand schon 1910 im Thurgauer Flurgesetz, dass jeder Landbesitzer 4 kg oder 12 Liter Maikäfer pro Hektare einsammeln und abliefern soll. Was darüber hinaus abgeliefert oder freiwillig von Schulklassen gesammelt wurde, vergütete man mit 30 Rappen pro Kilogramm. Die Käfer wurden mit kochendem Wasser gebrüht und in der Erde vergraben oder in den Güllengruben versenkt.

Maikäfer mussten in Schlachthöfe geliefert werden
Rutishauser erinnert sich, dass während der Kriegsjahre die Gemeinden die gesammelten Maikäfer an die Schlachthöfe nach Zürich oder Basel abliefern mussten, wo sie zu Tiermehl für Futterzwecke verarbeitet wurden. In einem Rundschreiben an die Gemeinden forderte der damalige Thurgauer Regierungsrat Anton Schmid, dass für den Bahntransport der Maikäfer besseres Sackmaterial verwendet werden müsse, weil beim Bahntransport zu viele Maikäfer durch Löcher in den Säcken ausgeflogen seien. Auch in der Grastrocknungsanlage der Mosterei Oberaach wurden Maikäfer mit elektrischer Energie getrocknet und zu Futter für Schweine verarbeitet. Nachdem ein Brand die Anlagen zerstörte, wurde diese Verarbeitung aufgegeben. Die Sammelpflicht wurde nach den Kriegsjahren beibehalten, um Engerlingsschäden zu vermeiden.

Grosse Engerlingsschäden im Thurgau
In den Trockenjahren 1947 und 1949 entstanden vor allem im Thurtal grosse Engerlingsschäden. 1949 wurde die erste chemische Maikäferbekämpfung im Seebachtal durchgeführt. Zum Einsatz kamen ein Nebelblaser und eine amerikanische Hochdruckspritze. Ab 1955 wurden in der Gegend um Sulgen eine grössere chemische Bekämpfungsaktion unter der Leitung der kantonalen Ackerbaustelle durchgeführt. Die Firma Maag in Dielsdorf stellte einen französischen Nebelblaser zur Verfügung. Daneben wurden auch Bauern mit Motorspritzen angestellt. Rutishauser erinnert sich: «Der Erfolg war sensationell, sodass der Thurgauer Milchproduzentenverband einige Nebelblaser anschaffte. Für unwegsames Gelände und Flächenbehandlungen wurde zudem ein Flugzeug gemietet.»

Opposition gegen geplante chemische Maikäferbekämpfung
1958 schrieb der Regierungsrat an die Flurbehörden: «Der althergebrachte Maikäferfang hat sich als praktisch wirkungslos erwiesen. Es lässt sich daher nicht mehr rechtfertigen, die Sammelpflicht anzuordnen. Wo es der Käferbefall erfordert, ist die gemeinschaftliche chemische Maikäferbekämpfung durchzuführen. » 1973 entstand grosse Opposition gegen eine geplante chemische Maikäferbekämpfung im Raum Sulgen und Altnau. Aus Umweltschutzkreisen wurde mit einem Boykott der Thurgauer Landesprodukte gedroht. Weil man einen grossen Imageschaden für die Landwirtschaft befürchtete, wurde nach hitzigen Diskussionen auf die Durchführung einer chemischen Bekämpfungsaktion verzichtet. Man suchte nach Möglichkeiten, den Bauern die Ertragsausfälle durch Engerlingsschäden zu vergüten. Mit den Änderungen des Flurgesetzes konnte der Engerlingsfonds geschaffen werden.

Denkwürdige Diskussion im Jahre 1975
Nach emotionalen Diskussionen im Jahr 1975, wurde an einer denkwürdigen Volksabstimmung mit einer Stimmenmehrheit von knapp 200 Stimmen das Flurgesetz abgeändert. Dies ermöglichte die Schaffung eines Engerlingsfonds, mit welchem Engerlingsschäden an Kulturen vergütet werden konnten. Der Fonds wird zu je einem Drittel vom Kanton, den Gemeinden und den Landbesitzern finanziert. Ein Jahr später startete in Istighofen der erste biologische Maikäferbekämpfungsversuch mit Pilzen. Paul Rutishauser erinnert sich, dass das Fondsvermögen im Jahr 1991 rund 7 Millionen Franken betrug, sodass die Zahlungen für einige Jahre eingestellt werden konnten. In den Jahren 1975 bis 1984 wurden rund 2,5 Mio. Franken für Engerlingsschäden vergütet.

1994 Anschaffung von engmaschigen Netzen
Ab 1985 finanzierte man nebst Schadenvergütungen auch biologische Bekämpfungsmassnahmen. Mit einem Helikopter wurden circa 100 Hektaren Wald mit Pilzsporen zur Schadensverhütung besprüht und mit Pilzen geimpfte Gerstenkörner in den Boden ausgebracht. Wie Rutishauser feststellt, zeigten diese Versuche langfristige Erfolge. 1994 kamen engmaschige Netze zum Einsatz, welche es ermöglichten, dass rund 150 Hektaren Intensivkulturen abgedeckt werden konnten und damit das Ablegen der Maikäfereier mit Erfolg verhindert wurde. Als grossen Vorteil sieht Rutishauser, dass mit dieser Methode ohne jeglichen Gifteinsatz grosse Schäden ausgeschlossen werden konnten.

Der Thurgau als Beispiel in der Schädlingsbekämpfung
Im Laufe der Jahre wurde der sogenannte Engerlingsfonds in Pflanzenschutzfonds umbenannt, sodass auch andere Schäden und Bekämpfungsmassnahmen (zum Beispiel verursacht durch Feuerbrand oder Kirschessigfliegen) vergütet werden können. «Dank dieser Entwicklung und weitsichtigen Fachleuten steht der Thurgau in der Schädlingsbekämpfung einmalig da. Dies wird von Behörden und Bauern in Schadensgebieten im In- und Ausland mit Interesse verfolgt», freut sich Paul Rusihauser.

Mario Tosato



















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