Ausgabe Nummer 37 (2005)
Personenfreizügigkeit Beispiel aus der Praxis
Abstimmung vom 25. September
Personenfreizügigkeit Beispiel aus der Praxis
Zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit orientierte der Thurgauer Bauernverband anschaulich auf dem Landwirtschaftsbetrieb der Familie Angehrn in Ruggisberg.

Adrian von Grünigen referiert über
die Arbeitsmarktsituation. (ar)
Als Verantwortlicher des Ressorts Arbeitskräfte beim Thurgauer Bauernverband gab Adrian von Grünigen den
Gästen zunächst einen geschichtlichen Abriss über die Arbeitskräftesituation in der Landwirtschaft. Die Rekrutierung von landwirtschaftlichen Arbeitskräften sei in den letzten Jahren, trotz Einführung des freien Personenverkehrs mit den alten 15 EU-Staaten, immer schwieriger geworden.
Situation im Jahr 2005
Im Jahr 2005 wurde vom Bund ein Sonderkontingent von 2500 Kurzaufenthaltern bewilligt, um die Arbeitkräftesituation in der Landwirtschaft und anderen betroffen Branchen zu entschärfen. Bereits Anfang August war das Kontingent ausgeschöpft.
Nach den Einschätzungen von Adrian von Grünigen besteht momentan ein Bedarf von 800 bis 1000 Arbeitkräften, die nicht in der Schweiz und den alten 15 EU-Staaten rekrutiert werden können.
Mit der Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf die neuen EU-Länder würde der Landwirtschaft in Zukunft eine genügend grosse Zahl von arbeitswilligen und ausgebildeten Arbeitskräften zur Verfügung stehen. Zudem könne ein Betrieb dieselbe Arbeitskraft über mehrere Jahre beschäftigen. Die Arbeitskräfte könnten überbetrieblich eingesetzt werden. Dank den neuen Arbeitskräften wäre eine wirkungsvolle Entlastung für die Bauernfamilien zu tragbaren Bedingungen möglich.

Rege politische Diskussion auf
dem Hofplatz in Ruggisberg. (ar)
Persönliche Erfahrungen
Der Obstbau und die Schweinezucht sind die zwei Standbeine des 18-ha-Betriebes der Familie Angehrn. Ihre Produkte vermarkten sie über die üblichen Kanäle, den Bauernmarkt in St. Gallen und im Direktverkauf. Der Arbeitsaufwand sei enorm hoch, und auf Saisonaushilfen könne er nicht verzichten, erklärte der Betriebsleiter Arthur Angehrn. Schon viele seiner ausländischen Mitarbeiter hätten in der Schweiz lernen müssen, dass auch hier für den Reichtum hart gearbeitet werden müsse. Die Saisonarbeitskräfte geniessen Anschluss an das Familienleben. «Das hat bis anhin immer sehr gut funktioniert, und wir haben fast ausschliesslich gute Erfahrungen gemacht», meinten Gabi und Arthur Angehrn einstimmig.
Im Rahmen des Sonderkontingentes konnte Peter Supica aus der Slowakei eingestellt werden. Bei der offenen Fragerunde erzählte dieser von seinen Erfahrungen auf einer Grossfarm in der Heimat. Ihm gefalle die Arbeit und das familiäre Umfeld auf dem Hof, und er wolle gerne im nächsten Jahr wieder in die Schweiz kommen. Er denke, dass für junge Leute aus der Slowakei ein Anreiz bestehe, hierher arbeiten zu kommen, weil ein Arbeitseinsatz in der Schweiz ihre berufliche Qualifikation erhöhe und sie damit bessere Chancen für eine gute Stelle in ihrer Heimat haben.
Ein Ja in die Urne
Der Kanton Thurgau zeichnet sich durch seine hohe Produktivität in der Landwirtschaft aus. Zudem ist er ein ausgesprochener Exportkanton in Sachen Nahrungsmittel. Als Folge des Strukturwandels wachsen die Betriebe, und mit diesem Wachstum erhöht sich der Arbeitskräftebedarf je Betrieb, der in vielen Fällen nicht mehr von der Familie abgedeckt werden kann. Viele Aufgaben in der Landwirtschaft bleiben bei beschränkten Rationalisierungsmöglichkeiten in den meisten Fällen reine Handarbeit. Die Landwirtschaft braucht deshalb zwingend Menschen, die bereit sind, diese Arbeiten zu erledigen. Man könne aber nicht hingehen, die Personenfreizügigkeit ablehnen und danach wieder Sonderkontingente verlangen, argumentierte Andreas Binswanger, Präsident Thurgauer Bauernverband.
Er betonte, dass wir die Personenfreizügigkeit heute schon im Griff haben, es gäbe keinen Grund, wieso uns dies in Zukunft nicht gelingen sollte. Die Gegner der Vorlage nennen oft Zahlen, wie viele Ausländer in einer gewissen Zeit eingewandert sind, nie erwähnen sie, wie viele in derselben Zeit auswandern. Lohndruck sei gesamtwirtschaftlich betrachtet schon ein Thema, entstehe aber vor allem durch die Öffnung der internationalen Märkte im Zusammenhang mit WTO und Globalisierung.
Mit der Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf die neuen EU-Länder beschliessen wir nochmals zusätzliche flankierende Massnahmen gegen eine übermässige Einwanderung. Die aktuellen Massnahmen haben schon ihre Wirkung bewiesen, die zusätzlichen werden dies auch tun.
Der Thurgauer Bauernverband dankt der Familie Angehrn herzlich für das Gastrecht, ihren persönlichen Einsatz und den gluschtigen Imbiss.
