Ausgabe Nummer 6 (2005)

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Produkte nicht unter Gestehungskosten verkaufen

Bauern aus der ganzen Schweiz reisten nach Märstetten
 
Produkte nicht unter Gestehungskosten verkaufen
 
An der traditionellen Winterveranstaltung der Neuen Bauernkoordination Schweiz löste die Agrarpolitik und ein allfälliger Milchboykott starke Emotionen aus.
 
Franz Mäder (links) und Hans Stalder konnten einmal mehr bei einer Winterveranstaltung ein volles Haus begrüssen. (tos)
 
«Trotz bedenklichen Zahlen aus den landwirtschaftlichen Buchhaltungen, die im Schnitt unter den Leistungen eines Sozialhilfeempfängers liegen, getrauen sich Manfred Bötsch, Direktor Bundesamt für Landwirtschaft, Nationalrat Hansjörg Walter, Präsident Schweizerischer Bauernverband, und andere mehr, ungeniert die Unverschämtheit zu verbreiten, die Bauern verkraften die neue Agrarpolitik gut und verdienen sogar noch 3 Prozent mehr», empörte sich Hans Stalder, Präsident Neue Bauernkoordination Schweiz (NBKS), an der Winterveranstaltung im voll besetzten Saal des Restaurants Kreuzstrasse, Märstetten. Der Monatslohn bei den Bauern beträgt zurzeit rund 2600 Franken. Nach seinen Ausführungen haben in den letzten 15 Jahren rund 30 000 Bauern ihre Betriebe aufgeben müssen. Enttäuscht ist Stalder auch über die Politiker, Bauernvertreter und Produzentenorganisation, die unter der Devise «Menge vor Preis» grössere Betriebe forcieren. Tatsache ist aber, dass Grossbetriebe in Ostdeutschland mit über 1000 Kühen ebenfalls ums Überleben kämpfen müssen. Sie fordern 40 Cent pro kg. Unmissverständlich forderte er die Bauern auf, sich zu wehren, mit einem europäischen Milchboykott.

«Wir haben die Macht»
Eckhard Harder, Geschäftsführer der Norddeutschen Milchpool AG, sprach von erschreckenden Zahlen; so von einem Weltmarktpreis von 15 bis 19 Cent pro Kilogramm Milch und einem Überangebot in Europa von rund 20 Prozent. Nach seiner Meinung wird in Deutschland die Milchquote dazu missbraucht, um die Inflationsrate tief zu halten. Mit permanenter Schwarzmalerei werde versucht, die Milchproduzenten zu verunsichern. Da die Politik versage, müssen die Produzenten selber aktiv werden, um gerechte Preise für ihr hoch stehendes Produkt zu erhalten. Harder weiss aus Erfahrung, dass in Deutschland die Molkereien und Verkaufsorganisationen wie Aldi und Lidl die grossen Verdiener seien. Er glaubt, dass man in Deutschland nicht mehr weit weg ist von Milchboykott. «Wir haben die Macht», gab sich Harder kämpferisch. Er forderte vehement, die Kräfte zu bündeln. Langfristig müsse die Anlieferungsmenge um 1 Prozent reduziert werden, denn für die Bauern sei es besser, 95 Prozent zu 40 Cent pro Kilogramm Milch zu liefern, als für 110 Prozent Liefermenge 26 Cent zu lösen.

Streik ein legales Mittel
Im Gegensatz zu den Gewerkschaften fordern die Bauern keine konkreten Zahlen, stellt Peter Schmidt, Gewerkschaftssekretär Nahrung, Genuss und Gastronomie, Kempten (D), fest. Dazu seien die Kräfte zu wenig gebündelt. «Um Forderungen durchzusetzen, muss man in einer Sprache sprechen.» Zudem sei für die Durchsetzung der eigenen Ziele Streik ein legales Mittel. Nach seiner Meinung muss ein allfälliger Milchboykott sehr gut vorbereitet werden. Dazu seien auch finanzielle Mittel notwendig, um den schwächeren Milchproduzenten den Verdienstausfall zu entschädigen. Schmidt ermunterte die Bauern zu einem Lieferboykott und meinte: «Es gibt viel zu tun, packen Sie es an.»

Fragen neu stellen
In seinem Referat erinnerte der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser daran, dass auch in der Wirtschaft, namentlich in der Telekommunikation, starke Restrukturierungsmassnahmen im Gang seien. Obwohl die Landwirtschaft der bestorganisierte Wirtschaftszweig in der Schweiz sei, seien die Einkommen stark rückläufig. Noser forderte die Bauern auf, sich die Fragen neu zu stellen. Er regte an, die Landwirtschaft zu teilen: in einen produzierenden Teil und in eine Landwirtschaft, welche sich neben der Landschaftspflege weiteren Beschäftigungsfeldern zuwende. Als wichtig erachtet er, dass die Landwirtschaft ihre Produkte nicht unter ihren Produktionskosten verkauft. Für die Zukunft glaubt er, dass es besser sei, wenn die Landwirte ihr Schicksal als Unternehmer meistern.

Mario Tosato
 

Wörtlich
«Die Taktik der ‹Bauernhoftöter› scheint Erfolg zu haben, noch nie gab es solche Spannungen in Bauerndörfern wie jetzt. Wir lassen uns nicht weiter belügen.»
Hans Stalder, Präsident NBKS

«Die Politik und die Verbände nehmen unsere Interessen nicht wahr. Sie säen Angst und Verunsicherungen. Doch die Milch produzieren wir. Diese Macht gilt es zu nutzen.»
Eckhard Harder, Geschäftsführer der Norddeutschen Milchpool AG

«Die Bauern sind viel zu zurückhaltend. Sie müssen ihre Forderungen in Zahlen ausdrücken und wenn nötig mit Milchboykott durchsetzen.»
Peter Schmidt, Gewerkschaftssekretär Nahrung, Genuss und Gastronomie, Kempten (D)

«Ich stelle Fragen, die provozieren und zum Nachdenken anregen sollen: Sind Direktzahlungen und unser Bodenrecht noch zeitgemäss?»
Ruedi Noser, FDP-Nationalrat, Hombrechtikon

(tos)

 
 
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