Ausgabe Nummer 37 (2003)

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Professioneller Obstbau hat Chancen

Die Güttinger Tagung – ein Branchentreffen mit zukunftsgerichteten Impulsen
 

Professioneller Obstbau hat Chancen

 
An der Güttinger Tagung 2003 am letzten Sonntag auf dem Versuchsbetrieb der Forschungsanstalt Wädenswil (FAW) in Güttingen wurde unter anderem festgestellt, dass die guten Preise für Steinobst zum Umstieg auf den Kirschen- und Zwetschgenanbau verlocken, welcher in den letzten Jahren einen gewaltigen Modernisierungsschub erlebte.
 

Die Güttinger Tagung stand ganz unter dem Aspekt, auf wirtschaftliche Art Früchte zu produzieren: Fachleute der FAW informierten über neueste Techniken, wie zum Beispiel den Versuch, die innere Fruchtqualität nachzuweisen. (is)

 
Die Güttinger Tagung 2003 bot den Obstproduzenten an diversen Info-Posten die Möglichkeit, nützliche Impulse und Informationen für eine Früchteproduktion von höchster Professionalität zu erhalten. Auch der Gemütlichkeit wurde an diesem Branchentreffen ausreichend Rechnung getragen, indem nach dem Rundgang die Möglichkeit bestand, die Festwirtschaft zu besuchen. Urs Hilber, Direktor der FAW, freute sich, zum Auftakt der Tagung am Vormittag die zahlreich erschienenen Obstproduzenten zu begrüssen. In seiner Ansprache thematisierte er, wie im Rahmen des Entlastungsprogrammes des Bundes die landwirtschaftlichen Forschungsanstalten ihre Budgets reduzieren müssen. Dabei sollen die Forschungsleistungen nicht oder möglichst wenig abgebaut werden.

Für ausgewiesene Spezialisten
Zum Auftakt hielt Hansjörg Walter, Präsident des SBV, ein Referat mit Visionen zum Obstbau, wie er im Jahr 2015 aussehen könnte. Er stellte fest, dass die Anbautechnik heute bereits auf einem hohen Level und zukunftsorientiert sei. Um eine hohe Anbausicherheit zu erlangen, werde nicht nur der Witterungsschutz bei Steinobst, sondern auch beim Kernobst unabdingbar. Um einen sich wirtschaftlich lohnenden Obstbau in der Schweiz langfristig zu sichern, für den es durchaus Chancen gebe, erachtet es Hansjörg Walter unter anderem als wichtig, dass in Zukunft keine Überschüsse beim Mostobst mehr anfallen: «In fünf bis sechs Jahren muss ein durchschnittliches Gleichgewicht geschaffen werden. Mengenschwankungen durch die Alternanz werden zu teuer in der Verwertung. Berücksichtigt man die auf uns zukommenden starken Handelsliberalisierungen, so gehört der Obstbau in Zukunft nur noch ausgewiesenen, professionellen Spezialistenbetrieben.»

Forschung nicht schwächen
Im Hinblick auf die Aufgabenstellung, in seinem Referat bis aufs Jahr 2015 zu blicken, betonte Hansjörg Walter, dass er keine Rezepte liefern könne. Jeder Betrieb müsse für sich selbst entscheiden, was für ihn richtig ist, unternehmerische Fähigkeiten entwickeln und auf die eigenen Stärken und Kernkompetenzen setzen. In seinem Referat plädierte er dafür, dass der Forschung, trotz der angestrebten Konzentrationsprozesse bei den Forschungsanstalten, weiterhin ein angemessener Platz eingeräumt wird.
Richard Hollenstein, Leiter der Kantonalen Zentralstelle für Obstbau, Flawil, thematisierte die Preisbildung im Obstbau und die Notwendigkeit eines neuen Preisbildungssystems, das vor allem in Gross-erntejahren standhält. Gefordert sei ein System, welches unter anderem eine getrennte Geschäftspolitik zwischen Produktion und Handel anstrebt, für den Abgangspreis sei der Handel zuständig (siehe auch Thurgauer Bauer vom 5. September).
Im Anschluss an die Referate erhielten die Tagungsteilnehmer die Gelegenheit, individuell Info-Posten mit anschaulichen Präsentationen von FAW-Mitarbeitern zu besuchen. Ernst Höhn, Experte für Qualität und Lagerung, informierte darüber, dass die FAW seit einigen Monaten an der Forschungsanstalt Wädenswil eines von weltweit drei Geräten testet, welches der Qualität von grossen Apfelmengen – Apfel für Apfel – mit Hightech auf den Grund geht. Die Maschine kann nicht nur das Gewicht, die Grösse und den Deckfarbenanteil eines Apfels erfassen, um da-raus auf die innere Qualität zu schliessen: Sie misst auch, ob das Fruchtfleisch genügend knackig für den Konsumenten ist. Und dies, ohne den Apfel zu verletzen.

Ein Knackigkeitsmesser
Die FAW, so Ernst Höhn, prüft diese neue Technik, mit welcher die innere Fruchtqualität nachweisbar ist, derzeit nach allen möglichen Kriterien. Höhn erläuterte: «Mit NIR-Methoden (Nah-Infrarot-Licht, unsichtbar für den Menschen) können wir den Zucker- und Säuregehalt von Äpfeln zerstörungsfrei messen. Demnächst werden erste solche Messeinheiten auf Sortiermaschinen eingebaut, sodass die Äpfel nach Zuckergehalt sortiert werden. Für die Obstproduzenten hat das sogenannte &Mac220;Festigkeitsmodul&Mac221; den Vorteil, dass es bei einem kritischen Posten die festfleischigen Äpfel heraussortieren kann und nicht gleich ein ganzer Posten in die Brennerei gebracht werden muss.»
Matthias Zürcher und Albert Widmer thematisierten die Wirtschaftlichkeit und verglichen dabei unter sieben Apfelanbausystemen. Die Pflanzdichte hat in den letzten Jahren laufend zugenommen. Heute werden neue Apfelanlagen mehrheitlich mit 2500 bis 3000 Spindelbäumen pro ha gepflanzt. Die optimale Pflanzdichte ist eine aktuelle Frage für die Produzenten. Neben der weiteren Erhöhung auf über 3000 Bäume pro ha werden auch weitere Erziehungsformen mit tieferen Baumzahlen wie das Drilling- und das Mikado-Sys-tem geprüft. Albert Widmer und Matthias Zürcher informierten unter anderem darüber, dass sich das System Drilling (2000 Bäume pro ha) aufgrund von vorliegenden Berechnungen bei den Sorten Gala und Golden Delicious als das rentabelste System erwiesen hat. Dieses System zeichne sich durch bessere Qualitätsanteile und tiefere Investitionskosten aus.

Apfelwickler-Bekämpfung
Heiri Höhn, Experte für Pflanzenschutz, informierte über den Einsatz der Pheromon-Verwirrungstechnik gegen den Apfelwickler: Für eine hinreichende Wirkung sollte die Parzelle mindestens eine bis zwei Hektaren gross sein und eine gute Isolation aufweisen (100 Meter Abstand zu unbehandelten Bäumen). Die Anlage und der Baumbestand sollten möglichst uniform sein und die Ausgangspopulation möglichst tief (ein bis zwei Prozent im Vorjahr). Im Weiteren sei, genauso wie bei der herkömmlichen Bekämpfung, auf Nebenschädlinge, wie zum Beispiel den Kleinen Fruchtwickler, den Schalenwickler und auf Schildläuse zu achten. Erfolgskontrollen, so Heiri Höhn, im Juli/August und bei der Ernte sind immer sinnvoll, so auch beim Einsatz der Verwirrungstechnik. Christian Krebs und Andreas Bücheler informierten über die neuen Abdecksysteme und hielten fest, dass alle grösseren Tafelkirschenanlagen in jüngster Zeit in der Praxis mit Folienabdeckungen gegen Regenschäden geschützt werden. Schutzabdeckungen kommen unter anderem dem Ziel nach besser kalkulierbaren Produk-tionskosten und Wirtschaftlichkeitsprognosen entgegen. Walter Stadler, Obstbauexperte, informierte über die neuen Ausdünnungsmittel, die, alleine appliziert, keine Verbesserung gegenüber den herkömmlichen in der IP bewilligten Mittel bringen. Von den neuen, in Prüfung stehenden Ausdünnungsmitteln, dürften aber keine Wunder erwartet werden: Sie geben dem Obstbauer aber mehr Kombinationsmöglichkeiten, um eine der Sorte, dem Wachstum und der Witterung angepasste Ausdünnungsstrategie zu wählen, was sich positiv auf eine nachhaltige Obstproduktion auswirken kann, so Walter Stadler.

Von der FAW entwickelte Biomethode
Eduard Holliger, einer der Mitarbeiter vom Feuerbrandteam, informierte darüber, dass an der FAW in aufwändigen Laborversuchen Substanzen und Antagonis-ten (Gegenspieler) auf ihre Wirkung gegen den Erreger des Feuerbrandes getes-tet werden. Durch einen vertieften internationalen Informations- und Erfahrungsaustausch kann die FAW bei der Suche nach einem wirkungsvollen Präparat aktiv mitarbeiten. Judith Ladner von der Obstsortenprüfung der FAW präsentierte die Sortenprüfungen zu neuen Aprikosensorten: Die FAW hat bereits 1999 einen Versuch mit 16 Sorten auf ihrem Versuchsbetrieb in Güttingen gestartet. Im Jahr 2002 konnten die ersten Früchte geerntet werden. Neben den Wuchs- und Fruchteigenschaften und der Frosttoleranz werde vor allem die Krankheitsanfälligkeit entscheiden, ob die Aprikose in der Ostschweiz eine Zukunft hat. Bei den jungen Bäumen in der Versuchsanlage der FAW ist der Moniliadruck noch klein. Das heisse, trockene Wetter in diesem Jahr war der Monilia nicht förderlich, 2004 könnte dies aber bereits wieder anders aussehen. Den Risiken zum Trotz könnte die Aprikose, die als Ostschweizer Exklusivität gehandelt werden könnte, für die Produzenten ökonomisch interessant sein. Reto Neuweiler, Experte für den Beerenbau, stellte aktuelle Lösungen im Strauchbeerenanbau vor. Er erläuterte unter anderem die von der FAW entwickelte Bio-methode gegen das Himbeerwurzelsterben: Der über Jahre erprobte Einsatz von verrottetem Grünkompost und die Technik der Foliendammkultur haben zur Entschärfung des Himbeerwurzelsterbens in der breiten Praxis geführt.

Isabelle Schwander
 
 
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