Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Rebbauern zwischen Bangen und hoffen

Ausgabe Nummer 20 (2017)

Offizielle Rebbegehung der Rebbaufachstelle Kantone Schaffhausen/Thurgau auf Arenenberg

Grossaufmarsch an der Rebbegehung des Branchenverbandes Thurgau Wein und der Weinbaufachstelle Schaffhausen/Thurgau. Rund 90 Weinbäuerinnen und Weinbauern besuchten den Weiterbildungsabend auf dem Weingut Arenenenberg. Aktuelle Themen wie das weitere Austriebsverhalten des Weinstockes nach den drei Frostnächten, sowie Aktualitäten zum Pflanzenschutz auch hinsichtlich biologischer Anbau, standen auf der Einladung. Zudem wurden Verfahren in der Arbeitstechnik, im Bereich sorgsame Reinigung des Pflanzschutzgerätes auf dem Feld oder die mechanische Unkrautvernichtung unter dem Weinstock vorgestellt. Im Anschluss an diese Fachthemen folgte die Information des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft (VTL) zu möglichen finanziellen und personellen Hilfeleistungen bei Härtefällen nach den massiven Frostschäden.

Schon bei der Begrüssung durch Markus Leumann, Leiter Fachstelle Weinbau SH / TG, und Michael Polich, Kellermeister beim Weingut Arenenberg, war die aktuelle Gefühlslage der Weinbauern spürbar bedrückt, stellten beide doch fest, dass vor allem bevorzugte Südlagen ohne Seeanstoss hart getroffen wurden. In Seenähe strahlt das Wasser immer etwas mehr Wärme ab aber auch Nebel kommt vermehrt schützend auf. Diese Ausgangslage dokumentierte Markus Leumann ausführlich in seiner Einführung zur Frostsituation anhand von Aufzeichnungen der Tempertaturkurven. Seit 1957 sei kein so starker Frost mehr in den frisch im Austrieb stehenden Reben festgestellt worden. Umso verständlicher sei es, dass sich kaum drei Prozent der Weinbauern in diese Richtung versichert haben. Im Detail erklärte Leumann, dass vor allem die dritte klare Frostnacht vom 29. April, nach einem regnerischen Tag bis in die frühen Morgenstunden 90 % Luftfeuchtigkeit aufwies, und dies bei Minus zwei Grad. Die durch die vorangehenden Frostnächte geschwächten Rebstöcke waren sehr empfindlich. Zudem sind die «späten Augen», also die im sogenannten geschützten Wollestadium «kleinen Augen», auch erfroren.

Information zu Härtefällen aus erster Hand
An dieser Stelle informierte Jörg Streckeisen, Vorstandsmitglied des Thurgauer Verbandes für Landwirtschaft VTL und Ressortleiter der Spezialkulturen: Der VTL hatte sich mit dem Landwirtschaftsamt und der Genossenschaft für landwirtschaftliche Investitionskredite und Betriebshilfe (GLIB) getroffen. Es gab auch bereits Kontakte zur Thurgauer Kantonalbank TKB und dem Amt für Wirtschaft und Arbeit. Dabei sind Möglichkeiten der Härteüberbrückung in Aussicht gestellt worden, wie zum Beispiel Stundung der Amortisation der Kredite und Prüfung von Betriebshilfedarlehen. Dazu gehört auch, dass in Anbetracht dieses Ausmasses der Naturereignisse, eine Sonderregelung in der Beitragsleistung an den Branchenverband Thurgau Wein geprüft werden muss.

Biologischer Pflanzenschutz und Arbeitstechnik
Unter der Leitung von Hans Walter Gysel, Rebbauberater TG/SH, wurde zum Thema Arbeitstechnik zuerst der Umgang mit den erfrorenen Rebtragruten erläutert. Dabei empfahl Gysel, die eventuell noch bestehenden Reserve- beziehungsweise Frostruten jetzt an das Drahtgerüst anzubinden. Er stellte in Aussicht, dass sich noch einige «schlafende Augen» öffnen können. Die heiklen Jungschosse müssen sorgsam gepflegt werden, sodass genügend Holz für nächstes Jahr und vielleicht doch noch etwas Ertrag anfallen könnte.
Den Bereich biologischer Pflanzenschutz erklärten die Fachleute von Andermatt Biocontrol, Silke Süsse und Reto Flückiger anhand von Informationstafeln und Beispielen. Dabei konnten sie auf die Versuchsflächen des Weingutes Arenenberg zurückgreifen. Bei diesen Flächen wurden, im letzten schwierigen Pflanzenschutzjahr, die Pilzkrankheiten erfolgreich in Schach gehalten. Es muss jedoch in die Waagschale geworfen werden, dass beim biologischen Rebbau einige Mehrfahrten entstehen mit Traktor, Pflanzenschutzgerät und Unterstockräumer.
Der Bodenbelastung muss deshalb grosse Beachtung geschenkt werden, es sollte möglichst mit leichten Gerätschaften gefahren werden. Zum biologischen Rebbau gehört das mechanische Entfernen des Unkrautes unter den Stöcken mittels Bürstengerät oder Scheibenscharen usw. Mit deutlich weniger Durchfahrten kann das Rebbauverfahren des integrierten Pflanzenschutzes IP rechnen. «Nur soviel wie nötig», unter diesem Motto informierte Paul Wirth, Berater bei der Pflanzenschutzmittelfirma Stähler, die Pflanzschutzstrategie.

Sorgsamer Umgang im Pflanzenschutz
An einem der vier fachspezifischen Informationsposten erläuterte Reto Leumann, Fachberater Spezialkulturen beim BBZ Arenenberg, den sorgfältigen Umgang mit den Pflanzenschutzmitteln. Er führte klar vor Augen, dass es vor allem zum Eintrag in Gewässer durch Pflanzenschutzmittel PSM beim Überspritzen von Strassen oder Reinigen der Geräte in Kanalisationsnähe komme. Hauptsächlich durch diese Unachtsamkeiten entstehen Gewässerverschmutzungen, welche schlussendlich in Kleingewässern nachgewiesen werden können. Reto Leumann empfahl, dass die Pflanzenschutzgeräte möglichst auf dem Feld und erst in zweiter Priorität auf der Jauchegrube (aber nur bei Tierhaltungsbetrieben) gereinigt werden sollen.
Zur Feldreinigung gehört seit kurzem das System der «kontinuierlichen Innenreinigung» der Pflanzenschutzgeräte. Lukas Keller, von Keller Landtechnik, demonstrierte an einem Modell dieses Reinigungssystem, das auch nachträglich eingebaut werden kann. So kann mit einem Kleinanteil an separat mitgeführtem Frischwasser eine beinahe vollständige Innenreinigung auf dem Feld durchgeführt werden.

Imbiss mit Informationen
Nach den vielen Eindrücken der Vorführungen und Erklärungen war eine Bratwurst und ein Getränk wohlverdient. Dabei konnte Aktuelles aus der Landwirtschaftspolitik und weiteres mehr ausgetauscht werden. Die Rebleute durften an diesem Abend erstmals die neu eingerichtete Ausstellung «Erlebnis Nahrung» in einer Arenenbergscheune bewundern. Diese Ausstellung stand letztes Jahr an der MUBA und OLMA und wird in diesem Herbst nach Zug weiter ziehen. Die Ausstellung zeigt, wie sich das Essverhalten und das Kostenverhältnis von den gesamten Ausgaben in Bezug auf die Nahrungskosten stark verändert hat. Früher wurden rund 40 Prozent für das Essen ausgeben. Heute sind es gerademal noch rund 6 Prozent.
Inzwischen stieg der Verpackungsaufwand und die Wegwerfmentalität um einiges an, wobei die Nahrungsmittel immer günstiger produziert werden müssen. Ein eindrücklicher Schlusspunkt also für den eindrücklichen «Rebleute-Informationsabend».


Weingut Arenenberg
Bernhard Müller



















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