Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Rehkitzrettung mit Drohnen

Ausgabe Nummer 23 (2017)

Bereits seit einigen Jahren werden Drohnen zusammen mit Wärmebildkameras zur Rettung von Rehkitzen vor dem Mähtod eingesetzt. Heute hat die Technik einen Stand erreicht, der mit hoher Wahrscheinlichkeit garantiert, dass die Tiere gefunden werden. Jetzt müssen die Einsatzteams noch zahlreicher werden.

Jedes Jahr werden in der Schweiz durchschnittlich 1500 Rehkitze vermäht. Dazu kommen noch zahlreiche Füchse und Feldhasen, die Dunkelziffer ist hoch. Problematisch ist nicht nur der Tod dieser Wildtiere, sondern auch der Umstand, dass Tierkadaver ins Futter von Schafen und Kühen geraten. Deshalb versuchen seit Jahrzehnten Landwirte und Jäger, Wildtiere gemeinsam vor dem Mähtod zu retten.

Konventionelle Hilfsmittel haben sich bewährt, aber …
Die immer noch am häufigsten eingesetzte Methode zur Rehkitzrettung ist das sogenannte Verblenden der Wiesen am Vorabend der Mahd. Dazu werden die unterschiedlichsten Hilfsmittel eingesetzt, von Tüchern oder Düngersäcken an Stecken über Blinklampen bis hin zu chemischen Duftstoffen. Sie sollen die Muttertiere veranlassen, ihre Jungen aus der Gefahrenzone in sichere Gebiete zu führen, sei dies der nahe Wald oder eine andere Wiese, welche noch nicht gemäht wird. Diese Methode ist einfach anzuwenden und billig, der Erfolg aber nicht immer gewährleistet. Junge und unerfahrene Rehgeissen fürchten sich vor dem Verblendmaterial, oder erst wenige Stunden alte Kitze verlassen die Wiese nicht. Deshalb wurde nach neuen Verfahren gesucht, welche diese Nachteile ausschalten. An der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Bern begann man vor ein paar Jahren, mit dem Einsatz von Drohnen und Wärmebildkameras zu experimentieren. Seit 2014 ist an diesem Projekt auch das Thurgauer Jagdrevier Wängi-Heidelberg beteiligt.

Eine gute Vorbereitung ist alles
Heute darf man behaupten, dass die Technik einen sehr guten Stand erreicht hat. Es wäre aber falsch anzunehmen, dass man bei einem Grossverteiler für ein paar hundert Franken eine Drohne samt Kamera erstehen könne, um dann auf Rehkitzsuche zu gehen. Die Anforderungen an Geräte, Software und die ganze Organisation rundherum sind wesentlich grösser. Für eine brauchbare Ausrüstung ist mit Aufwendungen von sechs- bis achttausend Franken zu rechnen.
Zuerst sind einige Vorarbeiten zu leisten: Die Einsatzorte sind zu planen und ein motiviertes Team ist zusammenzustellen. Dazu gehören auf der einen Seite ein erfahrener Drohnenpilot samt High-Tech-Ausrüstung, auf der anderen zwei, drei Jäger, welche über gute Kenntnisse ihres Jagdreviers verfügen. Denn es macht keinen Sinn, Wiesen abzusuchen, auf denen noch nie Rehkitze gesehen wurden. Im Weiteren sollten alle Beteiligten kurzfristig verfügbar sein, weil kein Bauer ein, zwei Wochen im Voraus angeben kann, wann und wo er mähen wird. Klar ist nur, dass die Mähtermine wetterabhängig sind und die Biodiversitätsförderflächen (Ökowiesen) erst ab Mitte Juni gemäht werden dürfen. Damit das Team bereits vor der Suchsaison Erfahrung sammeln kann, sind Testflüge mit einer Kitzattrappe notwendig. Dazu kann eine mit warmem Wasser gefüllte und mit einem Kaninchenfell umwickelte Plastikflasche in einer Wiese ausgelegt werden.

Wo werden Rehkitze abgelegt?
Rehgeissen legen ihre Jungen instinktiv dort ab, wo diese vor Fressfeinden – bei uns vor allem dem Fuchs – möglichst sicher sind, Sonneneinstrahlung (Wärme) besteht und Schutz vor Regen vorhanden ist. Die ersteren beiden Bedingungen erfüllen vor allem Wiesen und offene Flächen nach Sturmschäden im Wald, die dritte der Wald, der Waldrand mit überhängenden Ästen oder Hochstammobstbäume. Gemäss der Forschungsstelle Wildtier Schweiz werden 60 % der Rehkitze 10 Meter innerhalb und ausserhalb des Waldrandes gefunden, 80 % in einem Bereich von 50 Metern. In einem Jagdrevier mit vorwiegend Milchwirtschaft macht es deshalb wenig Sinn, dreihundert Meter vom nächsten Waldrand weg nach Rehkitzen zu suchen. Obschon – keine Regel ohne Ausnahme – auch dort, vor allem wenn noch eine Hecke in der Nähe ist, ab und zu Kitze abgelegt werden. In einem durchschnittlichen Thurgauer Jagdrevier – diese haben den Waldrändern entlang meist einen hohen Anteil an Wiesen – kann es durchaus 60 bis 70 solcher «Kitz-Wiesen» geben. Aus Erfahrung wissen die Jagdpächter, bei welchen es sich um kritische Wiesen handelt und melden diese dem Drohnenpiloten. Im Kanton Thurgau liefert das geografische Informationssystem ThurGIS, das über Internet aufgerufen werden kann, die notwendigen Grundlagendaten. Der Pilot programmiert nun mit Hilfe einer entsprechenden Software und GPS unterstützt die Flugrouten seiner Drohne. Zuerst definiert er die Wegpunkte (P1 bis P26, siehe Beispiel) dann die Breite der Flugbahnen (ca. 15 Meter) und die Flughöhe (40 bis 50 Meter). Der Rest wird von der Software erledigt.

Und dann geht es los!
Natürlich nur, wenn auch die Landwirte mitmachen. Denn sie sind der dritte wichtige Partner unseres Teams und melden am Vortag eines Mähtermins diesen dem Koordinator der Suchmannschaft. In den vergangenen Jahren konnte man feststellen, dass häufig bereits um den 20. April herum Silo-Gras gemäht wurde und es im Mai/Juni nur wenige Zeitfenster gab, bei denen drei oder mehr Tage zur Heuernte zur Verfügung standen. Frühe Mähtermine sind für die Rehkitze gut, da die ersten Kitze in der Regel erst gegen Ende April und die meisten zwischen Mitte Mai und Anfang Juni zur Welt kommen. Wenn dann potenzielle Wiesen bereits gemäht sind, müssen die Rehgeissen alternative Orte aufsuchen. Oftmals ist das dann der Wald. Wenige Mähtermine im Mai/Juni führen dazu, dass an diesen intensiv gemäht wird, sodass an einem Morgen eine grössere Anzahl an Wiesen abgesucht werden muss. Da die Kitzsuche nur in den frühen Morgenstunden sicher und erfolgreich ist – warme Nächte und Sonneneinstrahlung führen dazu, dass der Temperaturunterschied zwischen der Körperoberfläche des Kitzes von ca. 34 Grad und der Umgebungstemperatur relativ klein und deshalb für das Erkennen durch die Ökowiese und entsprechende Flugroute. (me) TIERSCHUTZ Wärmebildkamera schwierig wird – sollte bereits bei Tagesanbruch mit der Suche begonnen werden. Zuerst sind jene Wiesen abzusuchen, die schon früh von der Sonne bestrahlt werden, zum Schluss jene, die noch möglichst lange im Schatten liegen. Mit einer guten Organisation der Flüge können so zwischen 5.00 und 9.00 Uhr durchaus um die 15 Felder abgesucht werden. Denn die eigentliche Flugdauer für ein Feld ist mit rund 5 Minuten pro Hektare recht kurz. Die meiste Zeit wird für den Auf- und Abbau der Suchgeräte und die allfällige Rettung eines oder mehrerer Kitze aus der Wiese benötigt.

Suchen und Retten
Im Detail läuft eine Suche folgendermassen ab: Die Drohne mit der Wärmebildkamera wird gestartet und fliegt den Ausgangspunkt P1 an. Anschliessend wird die Flugroute automatisch abgeflogen. Zeigt sich auf dem Monitor ein Wärmepunkt (Rehkitz, Altreh, Fuchs oder Hase) wird die Stelle elektronisch markiert und auch noch der Rest des Feldes abgesucht. Denn meist befindet sich ein zweites Kitz in unmittelbarer Nähe. Anschliessend kommt die Drohne an den Ausgangspunkt zurück – eventuell muss die Batterie gewechselt werden – und fliegt dann zum ersten markierten Punkt, wo sie sich direkt darüber positioniert. Nun macht sich die Suchperson, ausgerüstet mit einem Suchschirm, auf dem ebenfalls die Wärmequelle angezeigt wird, auf den Weg. Wird das Rehkitz gefunden, bringt man es aus der Gefahrenzone, am besten in den nahen Wald, oder deckt es mit einer Harasse zu und markiert die Stelle mit einer Fahne für den Landwirt. Anschliessend geht es direkt zu allfällig weiteren Wärmepunkten oder zur nächsten Wiese.
Das ist der ideale Ablauf einer Suche. Es gibt aber auch Einschränkungen. Hingewiesen wurde schon auf hohe Umgebungstemperaturen, welche das Auffinden erschweren. Liegt ein Kitz direkt unter einem Hochstammbaum, dessen dichtes Blätterdach keine Wärmestrahlen durchlässt, findet man dieses nicht. Schwierig oder gar unmöglich wird es, wenn ein heftiger, böiger Wind bläst und es stark regnet. Dann kann nicht geflogen werden.

Drohnen können Kühe und Schafe retten
Das Auffinden und Retten von Wildtieren vor dem Mähen einer Wiese kann für die Bauern einen sehr positiven Nebeneffekt haben: Die Wahrscheinlichkeit, dass Kadaverteile in die Nahrungskette ihrer Wiederkäuer gelangen, und diese damit vergiftet werden, wird wesentlich geringer. Gerade vergangenes Jahr gab es im Thurgau diesbezüglich zwei dramatische Fälle. In Iselisberg verendeten rund 200 Schafe an Botulismus und in Gachnang über 60 Kühe. Für die betroffenen Landwirte ein äusserst dramatisches Ereignis. Gemäss einer kürzlich erschienenen Medienmitteilung des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID gibt es aber noch eine ganze Reihe von weiteren Einsatzmöglichkeiten für Drohnen in der Landwirtschaft, so beispielsweise ein gezielter Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Das Potenzial scheint sehr gross zu sein.
Aber nicht überall werden Drohnen positiv wahrgenommen. Bereits hat es damit Probleme in den Bergen und im Siedlungsbereich gegeben. Denn fliegt man damit über der Waldgrenze, kann die Störung von Wildtieren wie Gämsen oder Murmeltieren erheblich sein. Diese interpretieren Drohnen als Adler, flüchten und verlieren dabei viel Energie. Aber auch bei uns im Mittelland wird die Nachbarin keine Freude empfinden, wenn sie beim Sonnenbaden von einer Drohne überflogen und gefilmt wird. Zurückhaltung ist somit angesagt.
Trotzdem, gelingt es in den kommenden Jahren, weitere sinnvolle Einsatzgebiete für Drohnen und Wärmebildkameras zu finden, werden auch die Kosten für diese Systeme deutlich sinken. Und das ist neben der Miliztauglichkeit solcher Geräte ein wesentlicher Punkt, damit sie für die Rehkitzrettung eine grosse Verbreitung finden können.


Martin Ebner



















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