Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. September 2018


Rehkitzrettung mit Hightech

Ausgabe Nummer 17 (2015)

Seit Jahrzehnten stellen im Mai Jäger und Bauern in den Heuwiesen kurz vor dem Mähen Scheuchen auf. Damit sollen die Rehgeissen veranlasst werden, ihre in den Wiesen abgelegten Kitze aus der Gefahrenzone zu locken und in Sicherheit zu bringen. Diese altbewährte Methode bekommt nun Konkurrenz aus der Luft.

Die schweizerische Jagdstatistik vermeldet jedes Jahr um die 1500 vermähte Rehkitze. Die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher sein, denn nicht immer werden die toten Tiere entdeckt und gemeldet. Deshalb versuchen Jäger und Bauern schon seit Jahrzehnten gemeinsam, diesem unnötigen Sterben in den Heuwiesen Einhalt zu gebieten. Die Methoden zur Rehkitzrettung sind sehr unterschiedlich. Da wären einmal die altbewährten konventionellen und einfachen Methoden – verblenden in der Jägersprache – die indirekt zum Erfolg führen sollen, indem die Rehgeissen an ihren Ablegeplätzen durch am Vortag des Mähens angebrachtes Verblendmaterial (Tücher, Alu Folien, CDs, Raubtierwitterung oder Blinklampen) dazu gebracht werden, ihre Jungtiere aus der Gefahrenzone zu bringen. In den letzten Jahren kamen aber auch Infrarot-Sensorgeräte zum Einsatz, mit denen in den Wiesen aktiv nach Rehkitzen gesucht werden kann.

Früher Mähtermin, geringere Gefahr für Kitze
Die konventionellen Methoden haben sich grundsätzlich gut bewährt, doch kann damit keine hundertprozentige Sicherheit gegen das Vermähen von Rehkitzen erreicht werden. Denn ältere, erfahrene Rehgeissen gewöhnen sich rasch an die Scheuchen, junge dagegen werden damit eher abgeschreckt und lassen ihre Jungen in den Heuwiesen liegen. Wichtig ist vor allem, dass erst am Vorabend vor dem Mähen verblendet wird. Denn am Mähtag selber bringt das Verblenden nichts mehr, und kann gerade bei unsicherem Wetterverlauf zu Problemen führen. Da können nur noch das aktive Absuchen der besonders gefährdeten Wiesen durch Jäger und Landwirte oder neuerdings der Einsatz von Hightech-Suchgeräten helfen. Die Situation leicht entschärft haben in den letzten Jahren in einzelnen Regionen frühe Mähtermine Ende April, Anfang Mai – die meisten Rehgeissen gebären ihre Jungen zwischen Mitte Mai und Mitte Juni – sowie die Nutzung des Grases als Silage, was zu häufigeren Schnitten bei geringerer Grashöhe führt. Doch nebenbei bemerkt: Für den Feldhasen und Bodenbrüter ist das schlecht, da die Zeit zwischen zwei Schnitten in der Regel nicht ausreicht, damit die Jungen selbstständig werden können und vor dem Mähwerk flüchten. Problematisch bleiben auch Ökowiesen.

Die Gefahr lauert am Waldrand
Ökowiesen werden häufig an Waldrändern angelegt. Das ist ökologisch gesehen sehr sinnvoll, weil damit die Verbindung zwischen Wald und Kulturlandschaft stark aufgewertet wird. Für das Jungwild kann das aber gefährlich werden. Der gute Schutz und die reichliche sowie vielfältige Nahrung in diesen Flächen ziehen das Wild wie ein Magnet an. Rehgeissen legen dort ihre Kitze gerne ab, da sie diese vom Deckung bietenden Waldrand aus gut beobachten und nahendes Raubwild wie den Fuchs sehen und vertreiben können. Ist das Kitz, dank seinem gefleckten Fell und weil es noch keinen Eigengeruch hat, in den ersten zwei, drei Lebenswochen sehr gut gegen Fressfeinde geschützt, nützt dieses natürliche Verhalten gegen eine herannahende Mähmaschine nichts. Das Jungtier wird meist verstümmelt und ist oft sofort tot. Es kann aber auch vorkommen, dass «nur» zwei, drei Läufe abgeschnitten werden und das Tier noch getötet werden muss. Kommt hinzu, dass bei Silage Tierkörperteile im Futter fatale Folgen haben: Beim Verwesen bilden sich giftige Stoffe, die für Nutztiere wie Kühe tödlich sein können.

Mit Drohne und Wärmebildkamera auf Rehkitzsuche
Die technische Weiterentwicklung von Wärmesensoren und Drohnen, auch (Multi-)Kopter genannt, haben die Chance für eine erfolgreiche Suche nach Rehkitzen verbessert. Deshalb hat die Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Bern vor ein paar Jahren ein Projekt zum Suchen und Retten von Rehkitzen in Grasbeständen gestartet. Dieses Projekt war vergangenes Jahr so weit gediehen, dass in einzelnen Gegenden der deutschen Schweiz, so auch im Kanton Thurgau, Feldversuche durchgeführt werden konnten. Im Hinterthurgau fanden die Versuchsflüge im Revier der Jagdgesellschaft Wängi-Heidelberg statt. Bei den insgesamt 35 Suchflügen waren jeweils drei bis vier Personen im Einsatz: Der Pilot der Drohne, zwei Mann als Suchtrupp, die ausrückten, wenn ein Tier auf dem Suchmonitor angezeigt worden war, und einer als Überwacher des Monitors. Sämtliche Flüge mussten vorbereitet und programmiert werden. Das fing bereits beim Bestimmen der potentiellen «Kitzwiesen » an (total 70 Wiesen, davon 23 Ökoflächen). Anschliessend mussten die Flugrouten programmiert werden – eine Wiese wird in zirka 50 m Höhe und zirka 10 m breiten Bahnen automatisch von der Drohne abgeflogen – und zur Sicherheit, und um eine gewisse Routine zu erlangen, wurden einige der Wiesen bereits vor dem Mähtermin ein-, zweimal abgeflogen.
Da vergangenes Jahr die Vegetation Ende April bereits weit fortgeschritten war, wurden die ersten 14 Wiesen (Silage) bereits bis am 8. Mai 2014 gemäht, zwischen dem 16. und 21. Mai folgten 33 weitere. Die 23 Ökowiesen wurden alle zwischen dem 15. und 19. Juni geschnitten. An insgesamt 7 Suchflugterminen wurden total 35 Wiesen abgeflogen, das sind durchschnittlich 5 pro Termin. Vorsichtshalber wurden alle von den Landwirten gemeldeten Wiesen am Vorabend vor dem Mähen konventionell verblendet.

Erfolgreiche Suchen, aber ...
Bei den Testsuchflügen wurden vier Kitze gefunden. Das ist einerseits erfreulich, andererseits bei einer angenommen Anzahl von fünfzig bis sechzig gesetzten Kitzen sehr wenig. Von den Bauern wurden in dieser Zeitspanne keine vermähten Kitze gemeldet. Der Einsatz der Drohne hat klar gezeigt, dass die technischen Voraussetzungen (funktionstüchtiges Fluggerät, genügend empfindliche Wärmebildkamera) für das erfolgreiche Auffinden von Kitzen im Heugras heute gegeben sind. Auch der Einsatz der Drohne ist nach einiger Übung sehr effizient. So kann eine Fläche von einem Hektar in etwa fünf Minuten abgeflogen werden. Andererseits hat sich aber auch gezeigt, dass die moderne Technik der Natur «schonungslos» ausgeliefert ist. Starker Wind, Regen und bereits hohe Temperaturen am frühen Morgen verunmöglichen Suchflüge, beziehungsweise können die mögliche Suchzeit deutlich reduzieren. So musste einmal die Suche wegen hoher Temperatur bereits um 7.30 Uhr abgebrochen werden, da Mäusehaufen und Steine schon zu stark aufgewärmt waren und deshalb als «Kitze» identifiziert wurden. Und nicht zuletzt ist auch der finanzielle Aspekt nicht ausser Acht zu lassen, liegen doch die Kosten für den Kopter und eine gute Wärmebildkamera im hohen vierstelligen Bereich.
Alles in allem haben die Testflüge gezeigt, dass im Moment auf das konventionelle Verblenden der Heuwiesen mit Scheuchen am Vorabend vor dem Mähen nicht verzichtet werden kann. Unabdingbar ist auch weiterhin eine gute Zusammenarbeit zwischen Bauern und Jägern, da letztere über den geplanten Mähtermin so oder so informiert werden müssen. Trotz aller Vorbehalte: Auch dieses Jahr werden die Testflüge weitergeführt, um eine noch bessere Effizienz zu erlangen. Deshalb wird man auch in diesem Mai und Juni Fluggeräte am Himmel sehen, welche zielstrebig und auf vorprogrammierten Routen Heuwiesen abfliegen. Und am Wegrand stehende Piloten mit ihren Gehilfen, die angestrengt die Flugroute verfolgen, beziehungsweise auf den Suchmonitor schauen, um ja kein Rehkitz zu verpassen.


Martin Ebner,
Jagd Thurgau













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