Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Dezember 2019


Reingewachsen

Ausgabe Nummer 31 (2019)

Ihr Lächeln war auf Plakaten in der ganzen Schweiz zu sehen. Sie hat sich für die Landwirtschaft in die Öffentlichkeit gestellt, obwohl sie am liebsten in ihrem Stall zu den Schweinen schaut. Für die Betriebsleiterin Susanne Betscher ist klar: Manchmal muss man sich überwinden, um etwas zu erreichen.

Susanne Betscher ist eine Macherin. Die 48-Jährige leitet den Wiggerhof im luzernischen Altishofen. Auf die Frage, ob sie sich als Betriebsleiterin mehr behaupten müsse als ihre männlichen Kollegen, antwortet sie: «Ich merke es eigentlich nur, wenn ich an Versammlungen als Frau extra begrüsst werde. » Sie sei so aufgewachsen, für sie sei es normal. «Bereits als Kind durften wir zu Hause helfen. Mir kam es gar nie in den Sinn, dass man als Mädchen anders behandelt wird», so Susanne Betscher. Heute sorgt sie sich gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter um 100 Muttersauen und rund 2000 Mastschweine, die jährlich den Hof verlassen. Von der Besamung bis zur Ablieferung ins Schlachthaus – der ganze Zyklus verläuft auf dem Wiggerhof. Das sei eher ungewöhnlich, erzählt die grossgewachsene Frau. «Im Normalfall spezialisiert sich ein Betrieb entweder auf die Zucht von Ferkeln oder auf das Ausmästen. Wir machen beides, das hat den Vorteil, dass der Krankheitsdruck tief gehalten werden kann.»

Zuerst «baute» sie Häuser
Betscher erzählt mit Leidenschaft von ihren Schweinen. Dabei hatte sie sich für den Start ins Berufsleben eine andere Branche ausgesucht. Sie liess sich zur Hochbauzeichnerin ausbilden. Zu Hause half sie, das abgebrannte Elternhaus wieder aufzubauen und fertigte einen Grossteil der Pläne an. Über sechs Jahre unterstützte sie den elterlichen Betrieb, parallel dazu absolvierte sie die verkürzte zweijährige Berufslehre zur Landwirtin. Im Rahmen der Ausbildung war sie ein Jahr auf dem elterlichen Betrieb und eines in Sempach auf einem Demeter-Gemüsebetrieb tätig. Als ihr Bruder von seinen Wanderjahren zurückkehrte und Interesse am Hof ankündigte, überliess sie ihm diesen. «Der Bruder wollte schon immer Landwirt werden. Ich wollte ihm den Hof zu Hause nie streitig machen.» Auf dem Gemüsebetrieb, wo sie zuvor ein Lehrjahr absolviert hatte, fand sie Arbeit.

Getrenntes Arbeitsleben
Vor knapp elf Jahren wurde sie dann angefragt, den Wiggerhof in Altishofen zu führen. Nebst den Muttersauen und Mastschweinen und zehn Hektaren Kartoffeln ist die Biogasanlage ein wichtiger Betriebszweig: 15 000 Tonnen Mist und Gülle werden jährlich in die Anlage eingespiesen und produzieren 650 kWel Strom. Susanne Betscher sagte zu – wohlwissend, dass ihr Ehemann Rudi noch immer extern als Metzger arbeiten gehen würde. «Es ist besser, wenn jeder seiner Arbeit nachgeht», schmunzelt sie. Rudi Betscher verkauft Wurstwaren ab Hof. Die eigene kleine Direktvermarktung hat er selber aufgebaut und zusammen mit Susanne bieten die beiden die Wurstwaren auch an Märkten oder an Führungen auf dem Hof an.

Keine Angst vor körperlicher Arbeit
Der Arbeitstag von Susanne Betscher beginnt um halb sieben. «Nicht so früh», wie sie es selber beschreibt. Bei der Sommerhitze steht sie allerdings schon um fünf Uhr im Stall. Obwohl die Fütterung automatisch abläuft, kontrolliert Betscher bei einem Stallrundgang, ob es den Tieren gut geht und ob alle gefressen haben. Die Mastschweine werden viermal am Tag gefüttert, das Futtermehl wird mit Schotte aus der Mozzarella-Produktion von Emmi im Nachbarsdorf vermischt. Susanne Betscher mag die Arbeit im Stall, betont aber, dass die Kontrollgänge Eigendisziplin verlangen. «Bei der Schweinehaltung läuft alles im Drei-Wochen-Rhythmus: Besamen, Abferkeln, Absetzen», erklärt Susanne Betscher. Sie legt überall selber Hand an, sogar beim Besamen. «Wir haben einen jungen und alten Eber, die können nicht alle Sauen decken.» Sie helfen ihr, zu erkennen, wann die Schweine fruchtbar sind. Beim Abferkeln unterstützt Susanne Betscher die Sauen, indem sie sie überwacht und allenfalls eingreift. In die körperliche Arbeit sei sie hineingewachsen.
«Schon als Kind habe ich körperliche Arbeit verrichtet. Jetzt bin ich zwar nicht mehr so zierlich, wie ich gerne sein würde, aber ich bin meinem Körper dankbar dafür, was er leistet.» Regelmässig nimmt sie sich eine Auszeit und geht schwimmen, nach zwei Wochenenden Arbeit hat sie jeweils eines frei. «Und die 22 Tage Ferien lasse ich mir nicht nehmen », betont sie.

Eine Frage der Organisation
Auf dem Betrieb koordiniert Betscher ausserdem die Abgabe von Gülle und Mist für die Biogasanlage und organisiert das Bestellen der Kartoffelfelder. Am liebsten aber ist sie bei den Tieren im Stall. Die aufgestellte Frau ist froh, dass die Büroarbeit nicht an ihr hängen bleibt. «Das ist Sache des Eigentümers Meinrad Pfister», lächelt sie. Sie mag den Austausch mit Pfister, der aufgrund seines Amtes als Präsident der Schweineproduzenten oft unterwegs ist. «Er bringt oft neue Ideen, die wir dann gemeinsam umsetzen können. Auf dem Betrieb bin ich ein bisschen isoliert, darum freue ich mich über die Inputs.»

Prophylaxe gegen Betriebsblindheit
Um der Betriebsblindheit vorzubeugen, ist sie zusätzlich Mitglied in einem Arbeitskreis. Viermal im Jahr besucht die Gruppe Betriebskollegen auf ihrem Hof, gibt sich gegenseitig Feedbacks und erhält Fachinputs zu einem bestimmten Thema. «Als einzige Frau hatte ich anfangs schon etwas Hemmungen, meine Meinung kundzutun und Fragen zu stellen. Aber man kommt nur weiter, wenn man miteinander redet.» Sie kann sich nicht erklären, warum noch immer wenige Frauen Betriebsleiterinnen sind: «Ich glaube, wir Frauen sollten weniger an uns zweifeln. Auch ein Mann kann die Arbeit nicht perfekt machen.»


Text und Bilder: Melina Gerhard, lid.ch










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