Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Ressourceffiziente Obstproduktion im Fokus

Ausgabe Nummer 34 (2016)

Güttinger-Tagung 2016

Zentrale Themen der Obstbaufachtagung 2016 waren die ressourceneffiziente Obstproduktion, die herbizidfreie Unkrautregulierung des Baumstreifens und Erkenntnisse aus Pflanzenschutzmittelversuchen von Agroscope gegen Feuerbrand.

Lukas Bertschinger, Forschungsverantwortlicher und stellvertretender Leiter des Instituts für Pflanzenbauwissenschaften, Agroscope, thematisierte in seiner Begrüssungsrede die Veränderungen bei Agroscope. Er sagte, dass trotz aller Veränderungen sehr viel Fachwissen bewahrt bleibe. Für die Fachleute aus der Obstbaupraxis werde sich nicht viel ändern. Der Versuchsbetrieb Güttingen nehme nach wie vor eine Vorreiterrolle ein. Daniel Staubli, Leiter der Gruppe Obst, Gemüse und Beeren TG/SH am BBZ Arenenberg warf in seinem Impulsreferat die Frage auf, was unter dem vielzitierten Begriff «ressourceneffiziente Obstproduktion» zu verstehen sei. Dabei gehe es in erster Linie um den schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Mehr Sachlichkeit gefordert
2012 wurden im Rahmen des Programms «Nationale Beobachtung Oberflächengewässerqualität (NAWA)» in diversen Oberflächengewässern Belastungen festgestellt. «Man fand Rückstände von mehr als hundert Wirkstoffen, von denen die meisten einen Bruchteil der tolerierten Menge aufwiesen. Diese lagen sehr weit unterhalb der Schadschwellengrenze, trotzdem schreckten diese Zahlen Fachleute, Umweltverbände und Bevölkerung auf», sagte Daniel Staubli. Im Nationalrat wurde 2012 ein Postulat eingereicht bezüglich eines «Aktionsplans Pflanzenschutz ». Daraufhin rückte der Obstbau in den Fokus der breiten Öffentlichkeit, und es folgte eine wenig sachliche Diskussion. Dabei bemühen sich die Obstbranche sowie das BLW darum, den Einsatz von Pflanzenschutz zu minimieren. Auf dem Versuchsbetrieb Güttingen werden neue Erkenntnisse in Bezug auf den reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erarbeitet. «Mit Massnahmen wie beispielsweise Verwirrtechnik, mechanische Baumstreifenbehandlung und driftreduzierenden Düsen trägt der Obstbau dazu bei, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) zu reduzieren. Und es wird verhindert, dass PSM in die Oberflächengewässer gelangen», betonte Daniel Staubli. Aus diesem Blickwinkel betrachtet müssten sich Konsumenten, Handel, Umweltverbände und Politik die Frage stellen: «Was ist uns ressourceneffizient produziertes Obst wert?» Es sei nicht angebracht, – symbolisch gesehen – «auf andere zu zeigen» und deren Versäumnisse anzuprangern. «Nehmen wir das Zepter selbst in die Hand und zeigen, dass wir ressourceneffizient produzieren», so Daniel Staubli.

Thurgau hat Ressourcenprojekt eingereicht
Auch der Handel sei gefordert, das Sortiment so auszugestalten, dass robuste Sorten guten Absatz finden. Wünschenswert wäre, dass die Ressourceneffizienz der Importprodukte transparent aufgezeigt wird. «Die Politik muss bereit sein, den Produzenten die höheren Anstrengungen, Mehrkosten und Ertragsausfälle finanziell abzugelten.» Daniel Staubli informierte, dass das Landwirtschaftsamt des Kantons Thurgau, der Thurgauer Obstverband und das BBZ Arenenberg Ende Juli 2016 ein Ressourcenprojekt beim BLW einreichten. Dabei gehe es darum, die Produzenten für den Umgang mit alternativen Methoden zu befähigen. «Unter dem Begriff ‹alternativ› verstehen wir neue Erkenntnisse beim Pflanzenschutz und technische Innovationen. So dient dieses Ressourcenprojekt dazu, diese alternativen Methoden grossflächig zu testen, vor allem auf die Praxistauglichkeit. Und diese Methoden haben nur Erfolg, wenn die Produzenten überzeugt und gewillt sind, diese auch umzusetzen.» Am Themenparcours im Feld informierten Thomas Kuster und Esther Bravin von Agroscope über die Zukunft des Herbizideinsatzes im Obstbau. Dabei ist die Pflege der Baumstreifen im Obstbau aus agronomischer Sicht notwendig. Konkurrenz um Wasser und Nährstoffe sowie Mäuseschäden werden minimiert und dementsprechend können qualitativ hochstehende Erträge erzielt werden.

Strategien für die Baumstreifenpflege
Thomas Kuster ergänzte das Thema «Einsatz von Herbiziden im Obstbau» mit der Erwähnung der Bewilligungsänderungen sowie Ausverkaufs- und Aufbrauchfristen verschiedener Mittel. Als Alternative zu Herbiziden können Obstproduzenten zur Baumstreifenpflege auf die mechanische Unkrautbekämpfung zurückgreifen. Dafür wurden in den letzten Jahren für den Biolandbau neue Maschinen entwickelt. Als Ersatz oder Ergänzung zu Herbiziden dürfte die mechanische Unkrautbekämpfung in Zukunft auch in IP-Betrieben häufiger eingesetzt werden. Esther Bravin zeigte vier Strategien auf, die durch Agroscope miteinander verglichen werden: Blatt- und Bodenherbizide (Status Quo), nur Blattherbizide, offener Boden durch Hacken (mechanisch I) und dauerbegrünter Baumstreifen durch Mulchen (mechanisch II). Um diese Strategien miteinander zu vergleichen, wurden sowohl technische wie auch ökonomische Komponenten bewertet. Die Strategien «Blatt- und Bodenherbizide» und «nur Blattherbizide» sind die kostengünstigsten Varianten, da weniger Fahrten erforderlich sind und ein Herbizidbalken billiger ist als ein Hack- oder Mulchgerät. Im Vergleich dazu sind die beiden mechanischen Strategien aufgrund hoher Maschinenkosten und zusätzlichen Fahrten teurer.

Mechanische Unkrautbekämpfung
Weitere Nachteile mechanischer Unkrautbekämpfung sind höhere Wetterabhängigkeit, erhöhtes Mäuseschädenrisiko, mögliche Schädigung der Bäume sowie Einschränkungen bei der Bewässerung und beim Komposteinsatz. Positiv an beiden mechanischen Strategien ist aber vor allem der Verzicht auf Herbizide und je nach Variante die vorteilhaften Auswirkungen auf Wasserhaushalt und Bodenstruktur. Esther Bravin und Thomas Kuster zogen das Fazit, dass jede der vier Strategien Vor- und Nachteile hat. Allen gemeinsam ist, dass sie auch Unsicherheiten mit sich bringen. Für Produzenten ist es einerseits schwierig abzuschätzen, welche Herbizide künftig noch eingesetzt werden können. Andererseits ist die konsequente Umstellung auf eine rein mechanische Strategie mit Lern- und Gewöhnungszeit verbunden. Dabei müsse beachtet werden, dass die ganze Anlage und Infrastruktur (Baumabstand, Bewässerung etc.) an die mechanische Unkrautbekämpfung angepasst werden sollte. Daher eignen sich mechanische Varianten vor allem nach der Remontierung einer Obstanlage.
Anita Schöneberg und Eduard Holliger von Agroscope informierten zum Feuerbrand und Erkenntnissen aus den Pflanzenschutzmittelversuchen 2016. Im Dachprojekt «Gemeinsam gegen Feuerbrand» werden alle Aktivitäten der wichtigsten Akteure in der Schweiz zusammengefasst. Die Feldforschung umfasst Versuche auf der schweizweit einmaligen total eingenetzten Feuerbrand-Versuchsparzelle von Agroscope am Steinobstzentrum Breitenhof in Wintersingen (BL) und auf Praxisbetrieben.

Abklärung der Wirksamkeit von LMA
Im Dachprojekt «Gemeinsam gegen Feuerbrand» und im Projekt HERAKLES Plus wurden zwei Freilandversuche mit künstlicher Feuerbrandinokulation an zweijährigen Gala-Topfbäumen durchgeführt. Für den zweiten Versuch wurden die Bäume bis Anfang Juni im Kühler gelagert. Aufgrund optimaler Witterungsbedingungen für den Erreger in beiden Versuchen wurden nur einzelne Bäume direkt inokuliert und der Erreger via Hummeln auf die Versuchsbäume verbreitet. Im Vordergrund stand die Abklärung der Wirksamkeit von LMA in engeren Behandlungsintervallen im Vergleich zu Streptomycin, welches in einem Verfahren als Referenz mitgeführt wurde. Zusätzlich wurde eine biotaugliche Strategie mit Blossom Protect und Myco-Sin geprüft sowie das in der Schweiz nicht als Pflanzenschutzmittel zugelassene Desinfektionsmittel Antinfek®30P, welches in Deutschland vor einigen Jahren als sehr wirksam gegen Feuerbrand getestet wurde, so Eduard Holliger. Die Versuche 2016 haben gezeigt, dass unter den gewählten Einsatzbedingungen die Verfahren mit Streptomycin und Antinfek®30P einen Wirkungsgrad zwischen 60 und 80 % erzielt haben.

Versuchsergebnisse
Antinfek®30P ist in der Schweiz zum ersten Mal im Freiland geprüft worden, daher ist der Wirkungsgrad als vorläufig zu betrachten. Bei LMA habe sich dieses Jahr gezeigt, dass engere Behandlungsintervalle zu einer höheren Wirkung führten. Bei den Alternativen zu Streptomycin stellt die Verbesserung der Wirkungssicherheit jedoch nach wie vor eine grosse Herausforderung dar, zeigen doch das LMA-Verfahren und die biotaugliche Strategie in den Versuchen Wirkungsgrade von 30 bis 50 %. In diesem Jahr wurde erneut die Vermehrung des Erregers auf den Blüten unter Freilandbedingungen in Abhängigkeit der applizierten Wirkstoffe analysiert, um ein vertieftes Verständnis der Erregerdynamik zu erlangen. Sowohl das LMA-Verfahren als auch das Verfahren mit Streptomycin und LMA haben 2016 gegenüber der unbehandelten Kontrolle die Erregervermehrung auf den Blüten reduziert, jedoch in Abhängigkeit der Versuchsbedingungen mit unterschiedlicher Dynamik. In Zusammenarbeit mit den Fachstellen für Obstbau der Kantone AG, LU, SG und ZH und den ausgewählten Obstbaubetrieben wurden Versuche in grossen einheitlichen Sortenblöcken durchgeführt. Der Fokus lag auf dem Vergleich der Wirkung von einem Verfahren mit LMA zu einem Verfahren Blossom Protect und LMA. In diesen Parzellen trat 2016 kein nennenswerter Blütenbefall auf.


Isabelle Schwander



















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