Ausgabe Nummer 51 (2005)

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Roberto spinnt!

Roberto spinnt!

Vor einigen Jahren stand im «Tages Anzeiger» die folgende Geschichte von Bruno Schlatter. Weil sie so hübsch ist, erscheint sie hier mit meditativen Zusatzgedanken. Vielleicht will sie jemand vorlesen? Zwei Stimmen wären ideal!

In einer kleinen Schulgemeinde durften die Kinder die Weihnachtsgeschichte aufführen. Der Wirt des Gasthauses «Leuen» stellte grosszügig seinen Saal zur Verfügung. Die rund 30 Schüler hatten – von der ersten bis zur vierten Klasse alle zusammen – denselben Lehrer und teilten dasselbe Zimmer. Das gibt es eben auch heute noch. Der Lehrer, Gottlieb Eggimann, wäre eigentlich schon lange pensioniert, aber mangels eines Bewerbers liess man ihn weiter im Amt. Ja, man liebte das Traditionelle in dieser kleinen Gemeinde. Und zur Tradition gehörte auch die alljährliche Weihnachtsaufführung der Schüler.

Warum sind Weihnachtsspiele so beliebt? Warum spielen Gruppen so selten die anderen biblischen Geschichten? Es ist Tradition! Alle Menschen lieben Althergebrachtes, Bleibendes. So vieles ändert und wechselt in dieser stressigen Zeit. Da bringen weltliche und kirchliche Feste wenigstens ein bisschen Beständigkeit und Immerwiederkehrendes. Darum leuchten die Augen vieler Menschen, wenn sie sich an Geburtstagsfeiern, Schulreisen, Dorffeste und Weihnachtsspiele erinnern. Bräuche kitten und beglücken. Meistens. Nicht immer. Junge Paare zum Beispiel müssen sich etwa gegen leer gewordene, einengende, «sinnlose» Familientraditionen wehren und neue, eigene erfinden. Speziell in der Weihnachts- und Neujahrszeit.

Die tragenden Szenen sind seit vielen Jahren dieselben: Maria und Josef auf der Suche nach einer Unterkunft. Bei der Rollenverteilung rissen sich die grossen Buben um die Hauptrolle, jeder wollte den Josef spielen. Aber auch die Mädchen drängten sich vor für die Rolle der Maria. Diplomatisch, so gut es eben ging, verteilte «Eggi», wie der Lehrer im ganzen Dorf genannt wurde, die Rollen. Er führte selbstverständlich auch Regie. Nur bei einer Besetzung gab es Probleme: Niemand wollte den bösen Gastwirt spielen, der dem jungen Paar so schroff den Eintritt in sein Gasthaus verwehrte und sie so unbarmherzig wegjagte. So musste schliesslich Roberto, der Sohn eines Italienerpaares, welches im Restaurant «Leuen» seit Jahren in der Küche arbeitete, die Rolle übernehmen. Er musste. Erstens, weil er nicht so gut deutsch sprach, und zweitens schien er mit seinem dunklen, gekrausten Haar und den dunklen Augen am ehesten einem Bösewicht zu gleichen. Das war auf alle Fälle die Meinung der halben Klasse.

Niemand will Bösewicht spielen. Dabei gehört er in jedes Theaterstück, in jeden Krimi. In jedes Leben. Ein Theater oder Film ohne Gauner, ohne Spitzfindige, ohne Schlitzohren, ohne Intrigen ist fad, langweilig, spannungslos. Ein Leben ohne Schwierigkeiten, ohne Widerstände, ohne Gegenkräfte ist genauso fad, unrealistisch, unwirklich. Warum? Weil das Böse in uns allen steckt, Wir alle lieben es, ein Spässchen zu machen, zu scherzen, zu witzeln, zu verwirren, andere für dumm zu verkaufen. Spott, Ironie, Neckereien würzen die Lebenssuppe. «D Liebi mues zangget ha!» Doch mit Mass. In Grenzen. Versalzene Suppen sind ungeniessbar.

Der kleine Robert lernte seine Rolle schnell und gut. Lautstark schmetterte er in den Proben sein «Nein, von mir bekommt ihr kein Zimmer! Gesindel! Verschwindet» von der Bühne. Wie hasste der Kleine doch seine Rolle. Im Innersten würde er den beiden armen Geschöpfen Maria und Josef doch liebend gerne ein Zimmer geben, und – wenn es sein müsste – sogar sein eigenes. Doch was hatte ihm der Lehrer eingefleischt: Böse und mit grimmiger Mine sind die beiden wegzujagen. Ja, so ein kleiner Schauspieler hat es wirklich nicht leicht. Robertos Vater tröstete und versprach, an der Weihnachtsaufführung dabei zu sein. Und das bedeutete viel, denn er zeigte sich sonst kaum im Dorf.

Der arme Roberto! Er wird in eine Rolle gezwungen, die er hasst. Uns geht es zuweilen auch so. Gewisse Aufgaben und Pflichten mögen wir sehr. Sie machen Spass, bringen Zustimmung, Anerkennung, Lob, Ehre. Aber andere Rollen sind aufgezwungen, stören uns, verletzen und lähmen unser gesundes Ich. Etwa der Tyrann «man»: Das macht man. Jenes macht man nicht. In diesem Alter tut man nicht so. Jene Arbeiten macht man in dieser Reihenfolge. Immer zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Eine Frau lebt so, nicht so. Ein Bub tut jenes nie. Ein Katholik ist so, ein Reformierter so, ein Jude so, ein Moslem so. Typisch Zürcher, typisch Appenzeller, typisch Amerikaner. Alles Rollenzwänge!

Endlich war es so weit. Der grosse Tag stand vor der Tür. Der kleine «Leuen»-Saal war zum Bersten voll. Viele mussten sogar stehen, einige zusätzliche Stühle holte man eiligst vom «Bären» vis-à-vis. Mit leuchtenden Augen standen die Kinder in ihren hausgemachten Kostümen da. Vor allem Maria strahlte, mit ihren Zapfenlocken war sie wunderschön anzusehen, denn die Mutter hatte sie am Nachmittag noch zum Coiffeur geschickt. Und wie sie spielten! Der Lehrer Eggimann wurde immer grösser und stolzer, denn was seine Kinder auf der Bühne boten, war schlicht erstaunlich. Seit bald 20 Jahren hatte er nie mehr eine so hinreissende Aufführung miterlebt. Der Lehrer – und ein paar Dorfbewohner – bekamen feuchte Augen.

Wie tut doch Anerkennung gut! Wie lechzen doch alle Leute danach! Der Lehrer darf die Früchte seiner mühsamen Arbeit sehen. Der Einsatz hat sich gelohnt. Die wochenlange Zusatzanstrengung war nicht vergeblich. Wie viel beschwingter wird doch jede Arbeit getan, wenn mal von irgendwoher ein Echo kommt. Ein Lob beflügelt. Ein bisschen Erfolg brauchen wir alle. Ich bin wer. Ich kann etwas. Ich werde geachtet. Das echte Kompliment gibt Kraft zum Weiterleben.

Nun folgte der zweite Akt beim Gastwirt, bei Roberto. Und wie die Maria mit ihren Zapfenlocken um ein Zimmer bat – es war zum Steinerweichen! Aber jeder wusste, was nun kommen musste, man hatte es bei den Proben dutzende Male gehört: «Nein, von mir bekommt ihr kein Zimmer! Gesindel! Verschwindet!» Roberto stand da mit grimmigem Blick und hörte das Klagen der Maria: «Ach, Wirt, habe Erbarmen, ich friere! Lass mich in dein Haus!» Roberto schaute immer grimmiger drein und setzte an, um seinen geübten Satz in den Saal zu schmettern. Oh, wie er seine Rolle hasste. Vor dem ganzen Dorf musste er Maria und Josef in die dunkle Nacht zurückschicken. Ausgerechnet er.

Robertos Lage spitzt sich zu. Dramatisch. Der Leidensdruck wird zur Qual. Der äussere Rollenzwang entspricht nicht seinem Innersten. Spürt das denn niemand? Hilft keiner dem Leidenden? Muss aller Tramp endlos weitergehen, bis zum bitteren
Ende? Die ganze Umgebung weiss, wie Roberto sich verhalten muss. Gezwungenermassen. Seit Generationen. Jedes Weihnachtsspiel verläuft so und nicht anders.

Doch plötzlich verschwand der dunkle Schatten von Robertos Gesicht, ja, es begann förmlich zu leuchten. Und Roberto sagte mit fester Stimme: «Kommt nur herein, ich gebe euch mein bestes Zimmer!» Und bevor der Lehrer vor Schreck vom Stuhl fiel, fuhr der kleine Roberto fort: «Und zu essen bekommt ihr auch, so viel ihr wollt!» Und er ergriff Maria sanft bei der Schulter und wollte sie durch die Kulissentüre in sein Gasthaus führen. «Spinnst du», flüsterte die Maria deutlich hörbar dem Buben zu, während Josef ein noch etwas unanständigeres Wort brauchte. Peinliche Sekunden vergingen, ehe der Lehrer endlich «Vorhang, Vorhang!» schrie. Der Vorhang wurde gezogen – die Weihnachtsaufführung war vorzeitig beendet.

Roberto tanzt aus der Reihe. Er blamiert alle. Die Sensation ist perfekt. Wie schnell ändert doch manchmal eine Stimmung. Noch war die Welt in Ordnung. Noch waren die Leute im Saal ein Herz und eine Seele. Ein unübliches, falsches Wort genügt – und eine Katastrophe bricht herein. Ein fremdes, nicht traditionelles Handeln geschieht, und eine Theaterbeziehung oder eine geheuchelte Familienidylle bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Traditionsausbrüche, Rollenbrüche bringen Veränderungen. Viele Veränderungen sind «not-wendend» und wichtig. Nicht alle.

«Der kleine Roberto hat es tatsächlich fertig gebracht, meine Aufführung platzen zu lassen», wetterte der Lehrer später in der Gaststube. Der Bub sass inzwischen mit verweinten Augen zu Hause und versuchte das Malheur seinen Eltern zu erklären. «Papa – ich konnte doch die beiden nicht einfach wegschicken, sie haben doch so gebettelt und waren so verzweifelt, und schliesslich ist doch Weihnachten!» «Roberto, du magst ein schlechter Schauspieler sein, aber du bist ein wunderbarer Sohn!», sagte der Vater leise und strich ihm sanft über das dunkle, gekrauste Haar ...

Roberto hörte auf sein Herz. Das ist auf einer Theaterbühne nicht immer möglich. Auf der Lebensbühne dagegen wäre es dringend und sehr wünschenswert. In der Wirklichkeit des Lebens spinnt Roberto nicht!

Walter Ritter