Ausgabe Nummer 21 (2006)
Schule im Wandel der Zeit
Schule im Wandel der Zeit
Das Landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum (LBBZ) Arenenberg hat sich seit der Schenkung im Jahre 1906 von einer «Bauernschule» zum vielseitigen und innovativen Dienstleistungszentrum für Landwirtschaft und ländliche Hauswirtschaft entwickelt. Das Tempo und der Umfang der Veränderungen wurden von den jeweiligen Rahmenbedingungen bestimmt.

Der Regierungsrat hat im Mai 2006
beschlossen, die dreijährige
Berufslehre Landwirtin/Landwirt
definitiv im Kanton Thurgau
einzuführen. (LBBZ)
Berufsbildungen im heutigen Sinn mit praktischer Berufsausbildung, begleitet von Unterricht an Berufsfachschulen, nahmen ihren Anfang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Auch in der Landwirtschaft erachtete man damals verschiedene Formen von beruflicher Bildung für notwendig. Zu Beginn und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden dann auch diverse Berufsbildungseinrichtungen.
Der Arenenberg wird zum Bildungszentrum
Bereits 1839 wurde in Kreuzlingen die erste staatliche Landwirtschaftsschule der Schweiz eröffnet. Zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Bildung wurden zwischen 1870 und 1880 so genannte Ackerbauschulen mit Ganzjahresbetrieb gegründet. Mangels Interesse mussten fast alle diese Schulen, auch diejenige im Thurgau, ihren Betrieb nach wenigen Jahren wieder einstellen.
Erst mit den landwirtschaftlichen Winterschulen, die Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, kam der Aufschwung. Die thurgauische landwirtschaftliche Winterschule nahm ihren Betrieb 1904 in der Kaserne in Frauenfeld auf und kam 1906 an den Arenenberg.
Es gab zwar mit der Zeit an den landwirtschaftlichen Winterschulen gewisse praktische Übungen, ihr Hauptziel war aber die theoretische Bildung angehender Landwirte. Anfang des 20. Jahrhunderts ging man davon aus, dass einem angehenden Bauern theoretische Grundlagen fehlten, während er die praktischen Berufskenntnisse automatisch aus dem bäuerlichen Elternhaus mitbrachte.
Als weitere Einrichtung zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Berufsbildung wurde nach 1930 die bäuerliche Berufslehre geschaffen; das erste entsprechende Reglement stammt aus dem Jahr 1931.

Der Arenenberg wagte einen weiteren Schritt in die Ganzheitlichkeit der Ausbildung. (LBBZ)
Innovationen für die gesamte Bildung
Die zweijährige bäuerliche Berufslehre konnte anfänglich nur schwer Fuss fassen und erlaubte deshalb den Burschen, ein Heimlehrjahr auf dem elterlichen Hof zu absolvieren. Während mehr als 30 Jahren wurde dabei dieses Heimlehrjahr einfach angerechnet, wenn es einigermassen glaubhaft nachgewiesen werden konnte.
Erst ab 1968 wurden im Thurgau die Heimlehrlinge erfasst. Sie mussten am Arenenberg einen Einführungskurstag besuchen und wie die Fremdlehrlinge auch das Betriebsheft führen. Ab 1976 gab es deshalb einen obligatorischen Heimlehrmeisterabend, welcher 1995 verschwand.
Visionen werden umgesetzt
In einem ausführlichen Artikel in der Thurgauer Zeitung vom 31. Juli 1954 stellte Albert Schönenberger zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Berufsbildung Forderungen auf, die auch 50 Jahre später in der Schweiz noch bei weitem nicht alle als erfüllt gelten können. Er schilderte die Zustände in der landwirtschaftlichen Berufsbildung als «verworren»; weil die Fortbildungsschule und Lehre nicht verknüpft seien; weil für den Besuch der Landwirtschaftsschule weder Lehre noch Fortbildungsschule als obligatorische Vorbildung verlangt würde und weil die verschiedenen Fachprüfungen, Lehrlingsprüfung, Berufsprüfung und Meisterprüfung sich ausserdem in den Fächern überschneiden würden.
Es sei ausserdem absolut unhaltbar, dass die praktischen Fertigkeiten erst an der Berufsprüfung und frühestens nach vollendetem 22. Altersjahr überprüft würden.
Er forderte darum eine dreijährige Berufslehre mit Besuch der Fortbildungsschule, die sich nicht nur auf das Winterhalbjahr beschränken dürfe. Daran anschliessend wäre die Lehrlingsprüfung zu absolvieren, und wer diese bestanden habe, besitze die Voraussetzungen für die Aufnahme in die Landwirtschaftsschule.
Prüfungen auf dem Lehrbetrieb
Die Gespräche mit den Lehrlingen anlässlich der regelmässigen alljährlichen Besuche auf den Lehrbetrieben bewiesen, was nicht geprüft wird, wird auch nicht intensiv ausgebildet.
Die praktische Berufsbildung musste nun näher an die landwirtschaftliche Praxis herangebracht werden. 1980 wurde im Schulkreis Märstetten ein Versuch mit der Prüfung auf dem Betrieb in den fünf Fächern Melken, Rindviehhaltung, Zugkraft, Futterbau und Ackerbau durchgeführt. Die Qualität und die Breite der praktischen Ausbildung wurde durch diesen Schritt wesentlich positiv beeinflusst.
Beim Schweiz. Landwirtschaftlichen Verein (SLV) zweifelte man aber nach wie vor daran, dass bei dieser Prüfungsform objektive Noten entstehen könnten. Man befürchtete vor allem Vetternwirtschaft. Um die Zweifel zu entkräften, wurden zwei Experten gemeinsam zur Prüfung aufgeboten, für jede Prüfung die Expertenpaare neu zusammengestellt und immer wieder andere Experten auf einen bestimmten Lehrbetrieb geschickt. Ausserdem wurden ausserkantonale Instanzen (SLV-Bildungskommission, Kommissionen anderer Kantone) zu Besuchen eingeladen.
Lehrmeistertagungen waren schon vor 1970 Tradition. Auf Drängen einiger fortschrittlicher Lehrmeister und eben auch, weil die Prüfungen auf dem Betrieb deren Notwendigkeit aufzeigte, wurden ab 1978 regelmässig in ausgewählten Ausbildungsbereichen Lehrmeisterfortbildungskurse veranstaltet. Die dort entstandenen Anleitungen bildeten dann gesamtschweizerisch den Grundstock für das wichtige Ausbildungshilfsmittel «Praktische Ausbildung des Lehrlings eine Anleitung für den Lehrmeister», das 1987 herausgegeben wurde.
Mit der Einführung der Berufsschulen 1970 konnte mit der Zeit auch ein gewisser Sommerunterricht für Übungen am Objekt eingeführt werden, der vor allem im Pflanzenkundejahr besonders wichtig war. Diskutiert wurden damals die ständige Einrichtung von Filialklassen oder gar der Bau einer Zweigschule. Dank der fortschrittlichen Haltung der Thurgauer Bauern und der entsprechenden Einstellung der Landwirtschaftslehrer kam es zur kostengünstigen, rasch umsetzbaren Lösung der Ganzjahresschule im Jahre 1984.
Im Jahr 1982 wurden zusätzlich zum theoretischen Berufsschulunterricht zwei Werkstattkurse im Metall- und Maschinenbereich am Arenenberg durchgeführt. 1985 kam ein Kurs in der Holzwerkstatt dazu, und ab 1995 gab es jährlich vier solche Werkstattkurstage und Kursgruppen am Arenenberg.
Schulbetriebe für Unterrichtszwecke
Dank den landwirtschaftlichen Betrieben, welche dem Arenenberg angegliedert sind, spielten sich auch theoretische Unterrichtsstunden oft am Objekt ab. Kopf, Herz und Hand sind so an einem ganzheitlichen Lernen beteiligt und führen zu einem grösseren Lernerfolg.
Die Berufsbildung etabliert sich
1987 konnte endlich das neue Berufsbildungsgesetz im Kanton in Kraft treten. Es blieb bei noch acht Berufsschulorten und nebenamtlichen Lehrkräften. Die Lehrortschulgemeinden blieben an der Kostentragung beteiligt. Das änderte sich erst mit der vollständigen Kantonalisierung aller Berufsschulen in den letzten Jahren.
Der letzte Schritt, das vollständige Zusammenführen von Praxis und Theorie, ergab sich mit der Einführung des Pilotprojektes «Dreijährige Lehre» im Jahre 2002. Der Arenenberg wagte einen weiteren Schritt in die Ganzheitlichkeit der Ausbildung und liess sich während der Pilotphase extern evaluieren. Es wurde festgestellt, dass das neue Ausbildungsmodell die Vorgaben des Bundesgesetzes erfüllt und eine handlungsorientierte Grundbildung darstellt. Der Regierungsrat hat deshalb im Mai 2006 beschlossen, die dreijährige Berufslehre Landwirtin/Landwirt definitiv im Kanton Thurgau einzuführen.
