Ausgabe Nummer 32 (2006)
Schweinemarkt heute
Was bringt die Zukunft?
Seit rund zwei Jahren sind auf dem schweizerischen Schweinemarkt Angebot und Nachfrage nicht mehr im Einklang. Wie kam es dazu?
Seit 2004 wurde die Schlachtschweinemenge gemäss Proviande-Statistik um ca. 8% ausgedehnt. Dies entspricht etwa 200"000 Schlachtschweinen pro Jahr oder rund 4"000 Schweinen pro Woche! Dazu ein Vergleich: Umgerechnet auf Schlachtschweine entspricht die ?GATT-Import-Sollmenge? von 8"300 Tonnen rund 100"000 Schlachtschweinen. Diese Sollmenge wurde in den letzten beiden Jahren mit je rund 80"000 Schweinen zum Glück nicht voll ausgeschöpft. Mit andern Worten: Nicht der Import war ?schuld? an der Preismisere sondern die Ausdehnung der Inlandmenge um mehr als die zweifache Importmenge. Warum kam es zu dieser massiven Produktionsausdehnung? Es gibt mehrere Gründe. Zwei Ursachen sind aber entscheidend:
- Nach abgeschlossener SGD-Flächensanierung sind alle Betriebe wieder voll in Produktion und die guten Schweinepreise im Jahr 2004 mit Fr 7.74 für 20 kg Jager und Fr. 4.55 pro kg Schlachtgewicht bei den QM-Schweinen animierten viele Schweinehalter die vorhandenen Stallkapazitäten maximal auszulasten.
- Nicht wenige Zuchtbetriebe haben beim Umbau der Abferkelställe auf die Tierschutznorm vom 1.7.07 gleichzeitig den Bestand aufgestockt. Nicht selten wurde vorgängig das Milchkontingent verkauft und der Erlös wurde ?steuerfrei? in grössere oder gar neue Schweinestallungen investiert.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist eine Aufstockung für einzelne Zuchtbetriebe absolut sinnvoll oder gar zwingend notwendig. In der Käsereimast im Kanton Thurgau werden heute Jagerposten von 80 bis 120 Stück verlangt. Grosse Mastbetriebe mit 500 oder mehr Mastplätzen die Rein-Raus einstallen, wollen so wenig Herkunftsbetriebe wie möglich: Hier sind auch Jagerposten mit deutlich über 100 Jager pro Posten willkommen. Zuchtbetriebe mit grösseren Einheiten produzieren zudem kostengünstiger und marktgerechter. Für aufstockungswillige Züchter gilt aber klar: In einem ?freien? Markt kann man nicht ?ungestraft? die Menge ausweiten, wenn nicht gleichzeitig andere Betriebe ihre Produktion aufgeben oder reduzieren.
Parallelen zu 1995:
Aus meiner Sicht gibt es Parallelen zum Jahr 1995: Damals waren im Herbst die Jager und Schlachtschweine auch auf einem ?historischen Tief?. Und die Aussichten waren nicht rosig, standen doch die ersten GATT/WTO-Importe vor der Tür. Viele Schweinehalter reduzierten die Produktion oder gaben die Schweinehaltung ganz auf. Die starke Reduktion der Produktion hatte positive Wirkung auf die folgenden zwei Jahre: Trotz Importmengen über den Sollwerten war der Markt längere Zeit unterversorgt. Die Höchstpreise stiegen 1996/1997 für Jager auf CHF. 10.30 und für Schlachtschweine auf CHF. 6.70 pro kg Schlachtgewicht! So weit wird es in den nächsten Jahren nicht mehr kommen. Das Beispiel soll aber aufzeigen und Mut machen, dass nach schlechten Zeiten regelmässig auch bessere Perioden folgen. Ein Blick ins Ausland zeigt ein ähnliches Bild: In Deutschland variierten die Schlachtschweinepreise in den letzten 10 Jahren zwischen 0.80 und 2.20 EURO oder zwischen CHF 1.20 und CHF 3.30.
Schweinemarkt in nächster Zeit:
Wie sieht der Schweinemarkt in den nächsten ein bis zwei Jahren aus? Die grossen Jagerumsätze der letzten Monate lassen auf ein grosses Schlachtschweineangebot im Herbst 2006 schliessen. Zur Zeit werden aber klar mehr Mooren geschlachtet. Die ersten Betriebe welche auf Mitte 2007 nicht umbauen, steigen sukzessive aus dem Markt aus. Wenn heute aber eine Moore nicht mehr belegt und dafür geschlachtet wird, fehlen diese Jager erst in ca. 6 Monaten auf dem Markt. Somit kann ab Januar/Februar 2007 zuerst mit einem Rückgang des Jagerangebots und vier Monate später mit einer kleineren Schlachtschweinemenge gerechnet werden. Und weil diese Bestandesreduktionen zufällig mit dem üblichen Sommerloch zusammen fallen, sind die Aussichten für eine mindestens vorübergehende Marktgesundung in der ersten Hälfte 2007 nicht so schlecht. Schwer abschätzbar ist der Einfluss der zusätzlich den Markt belastenden Mengen aus ?neuer Produktion?.
Was bringt die Zukunft?
So lange wir in der Schweiz die Ausbalancierung des Schweinemarktes dem Markt überlassen ? ich kenne keine bessere Lösung ? werden sich auch in Zukunft regelmässig ?Hochs? und ?Tiefs? ablösen. Was heisst das für die Zukunft der Schweizer Schweinehaltung? Es werden auch künftig Betriebe durch natürliche Fluktuation oder aus andern Gründen die Produktion aufgeben. Wenn wir dabei den hohen Inlandanteil beim Schweinefleisch halten wollen, hat es somit auch in den nächsten Jahren Platz für Investitionen in Betriebs-Aufstockungen oder gar für ?Neueinsteiger?. Per Saldo müssen aber Angebot und Nachfrage im Einklang sein! Ein interessanter Ansatz zur Mengeregulierung ist der Jager-Export. Dieses Ventil fehlt uns heute. Beispiel: Zur Zeit zahlen Mäster in Oesterreich etwa gleich viel wie Schweizer Mäster, nämlich für 31 kg Qualitätsferkel 70 bis 75 EURO oder rund CHF 114.00/Stück!
Wichtig für die Schweizer und damit auch für die Thurgauer Schweinehalter ist es, sich für den künftigen Markt so gut wie möglich zu rüsten: Neben technisch überdurchschnittlichen Resultaten in Zucht und Mast, hervorragender Schweinefleischqualität und einem guten Kostennutzenverhältnis braucht es vermehrt das ?notwendige finanzielle Rückgrat? um grössere Preisschwankungen unbeschadet überstehen zu können. Die Erfahrungen aus früheren Jahren und ein Blick über die Grenze zeigen uns: Betriebsleiter welchen es gelingt sich auf dieses ?spezielle Marktumfeld? auszurichten, haben auch in der Schweiz gute Zukunftschancen.
Jakob Spring, Bereichsleiter Schweine,
Linus Silvestri AG

