Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Schweizer Erfahrungen in Afrika anwenden

Ausgabe Nummer 46 (2015)

Donatien Mukono stammt aus der Demokratischen Republik Kongo und beendet in ein paar Monaten seine Ausbildung als Landwirt. Mit seinen neu erworbenen Kenntnissen will er seinen Landsleuten helfen, mehr aus ihrem fruchtbaren Agrarland zu machen.

Der Morgen ist neblig und feucht, bald schon liegt Schnee. Kein ideales Wetter für einen Afrikaner, der als angehender Landwirt vor allem draussen arbeitet? Donatien Mukono lacht, die Frage hat er schon oft gehört. «Das ist kein Problem für mich», sagt der 49-Jährige in perfektem Deutsch, der auch mit Schweizerdeutsch gut zurecht kommt und gewohnt ist, über seine Situation, seinen zukünftigen Beruf, über Politik und speziell über die Missachtung der Menschenrechte in seinem Herkunftsland und verschiedenen anderen afrikanischen Ländern zu sprechen.
Doch bevor er über sein früheres Leben in Afrika, seine Ankunft in der Schweiz, seinen zukünftigen Beruf und seine Wünsche und Hoffnungen erzählen kann, macht er die vormittäglichen Arbeiten auf dem Biohof von Josef und Regina Appert im thurgauischen Wiezikon fertig.
Die zwanzig braunen Kühe tragen Hörner und kauen gemächlich, während Mukono mit dem Reisigbesen die liegengebliebenen Heuhalme zusammenwischt. Auch das gute Dutzend Kälber und die paar Ziegen lassen sich gerne von ihm kraulen und die noch jungen Kälblein freuen sich sichtlich am frischen Stroh, das ihnen Mukono in die Boxen streut.

Setzt sich für die Menschenrechte ein
Nun sitzt er zusammen mit seinem Lehrmeister Josef Appert in der warmen Stube und schildert, weshalb ihn die schweizerische Landwirtschaft derart fesselt, dass er vor zweieinhalb Jahren beschloss, diesen Beruf zu erlernen. «Dazu ist es aber wichtig, meinen Hintergrund zu kennen», erklärt er und beginnt zu erzählen. Donatien Mukono wuchs in der Provinz Süd Kivu in einer christlich geprägten Familie auf. Sein Grossvater wie auch sein Vater waren Dorfvorsteher, die Kinder konnten gute Schulen besuchen. Mukono schloss seine Studien an der Universität in den Fächern Französisch, Linguistik und Literatur ab. Fortan arbeitete er als Französischlehrer und widmete einen Grossteil seiner Zeit der Durchsetzung der Menschenrechte in seinem Land. Die Demokratische Republik Kongo, einst belgischer Kolonialstaat, wurde nur fünf Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit in den 60-Jahren von Mobutu als Präsident übernommen. Unter seiner diktatorischen Herrschaft sei das an wertvollen Bodenschätzen sehr reiche Land zu einem der ärmsten Länder geworden, schildert Mukono. Die Bodenschätze – vor allem Gold, Kupfer, Diamanten und das für die Elektronikindustrie unentbehrliche Coltan – werden auch heute noch meist illegal abgebaut und landen schliesslich in den Industrieländern. Fast jeder, der einen Computer oder ein Mobiltelefon besitzt, hat wahrscheinlich Coltan aus dem Kongo in seinem Gerät. 1994 geschah der Völkermord in Ruanda, einem Nachbarland im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Damals flohen 2,5 Millionen Menschen über die Grenze in den Kongo. In Zusammenarbeit mit Amnesty International und dem Roten Kreuz engagierte sich Mukono in der Betreuung der Flüchtlinge. Dabei wurde er verfolgt, geschlagen und gefoltert. Als er im Jahr 2000 vom «Verein für Frieden und Verständigung in Afrika» zu einem Treffen in die Schweiz eingeladen wurde, reiste er mit einem Visum legal ein. Später stellte er ein Asylgesuch und erlangte die Anerkennung als Flüchtling, arbeitete im luzernischen Udligenswil im Bereich Marktforschung und engagierte sich in der katholischen Kirche. Die Integration gelang ihm durch seine Engagements gut, er wurde Mitglied im Pfarreirat und war Lektor in der katholischen Kirche.

Verkürzte Zweitausbildung
Donatien Mukono und seine Frau, eine Schweizerin, die in St. Gallen arbeitete, zügelten nach Wil. Er arbeitete im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen und besuchte in dieser Zeit zusammen mit den Kindern öfters Bauernhöfe. «Ich wollte den Kindern immer zeigen, woher die Milch kommt», sagt Mukono. In dieser Zeit sei seine Anerkennung für die schweizerische Landwirtschaft stets gewachsen und er habe sich überlegt, den Beruf des Landwirts zu erlernen und das Wissen später nach Afrika zu bringen. «Wenn es möglich ist, auf den kleinflächigen Hügeln des Appenzellerlandes Felder zu bewirtschaften und Viehzucht zu betrieben, dann läge in seinem Heimatland mit den fruchtbaren Böden ohne Vegetationsruhe sehr viel mehr drin,» sagte er zu sich und begann, nach Möglichkeiten zu suchen, seinen Traum zu verwirklichen. Als Quereinsteiger begann er den verkürzten Weg als Zweitausbildner auf dem Hof des Massnahmenzentrums Kalchrains. Im zweiten Jahr wechselte er an den Arenenberg und äussert sich über die beiden Lehrbetriebe nur positiv. «Es war fantastisch, was ich alles lernen durfte», schwärmt er. Anfeindungen gegenüber seiner Hautfarbe, seinem Alter und seiner Herkunft habe er nie erlebt. Dass die praktische Prüfung nicht auf Anhieb klappte, stört ihn wenig. «Hier bei Josef Appert lerne ich noch die praktischen Kompetenzen, speziell bei den mechanischen Fahrzeugen und Geräten und dann wird es im April schon klappen», gibt er sich zuversichtlich. Auch Josef Appert, der erfahrene Landwirt und Lehrmeister ist überzeugt, dass es im April klappen wird. «Donatien ist ein aufgestellter und interessierter Lehrling, der auch am Mittagstisch immer gerne mit uns politisiert und dabei fast mehr weiss als wir», erzählt der 56-Jährige.

«Es gibt noch viel zu tun»
Seine Familie besitzt in der Demokratischen Republik Kongo über 30 Hektaren Land und darauf würde er gerne einen landwirtschaftlichen Betrieb nach dem Vorbild eines schweizerischen Hofes realisieren, sobald die Sicherheitslage im Kongo besser ist. Die Fruchtfolge mit den Anbaupausen habe ihn in der Ausbildung sehr fasziniert und rein durch diese Anwendung verspreche er sich sehr viel. Gerne würde er seine Landsleute instruieren, ihnen helfen, mehr aus ihrer Landwirtschaft zu machen. Da ihnen schon immer das Geld für Dünger und Spritzmittel gefehlt habe, sei nie anders als biologisch produziert worden. Seine Zukunft kann er sich auf einem Hof in der Schweiz ebenso vorstellen wie auch in der internationalen Entwicklungshilfe. Die Deza und das Rote Kreuz seien Institutionen, für die er gerne arbeiten würde. Die bewaffneten Konflikte weltweit machen ihm zu schaffen, denn wo die menschliche Sicherheit gefährdet sei, könnten die Menschen nicht in Ruhe arbeiten. «Wir dürfen nicht ruhen, es gibt noch sehr viel zu tun,» sagt er, zieht seine Stiefel an und geht aufs nahe Feld Blacken stechen.


Ruth Bossert







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