Ausgabe Nummer 44 (2008)
Schweizer Landwirtschaft steht vor grossen Herausforderungen
Ostschweizer Bauernseminar
Die latente Bedrohung durch die Globalisierung, die angekündigten Verhandlungen über ein Agrarfreihandelsabkommen mit der EU und die Vorschläge des Bundes für ein neues Direktzahlungssystem stellen die Schweizer Bäuerinnen und Bauern vor grosse Herausforderungen.Auf Einladung des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV) trafen sich am Dienstag, 21. Oktober, über 100 Bäuerinnen und Bauern in Teufen (AR) zum Regionalseminar Ostschweiz. Im Zentrum der Informationen der SBV-Spitze standen die Themen WTO, Agrarfreihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der EU sowie die Pläne des Bundes zur Neugestaltung des Direktzahlungssystems. Und im Saal des Hotels zur Linde wurde rasch klar, dass sowohl hinsichtlich internationaler Entwicklungen als auch punkto Schweizer Agrarpolitik die Herausforderungen für die Schweizer Landwirtschaft nach wie vor unvermindert gross sind. Dabei konnte weder Nationalrat Hansjörg Walter, Präsident, noch Nationalrat Jacques Bourgeois, Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes, eine verbindliche Prognose abgeben, wie sich die Lage für die Landwirtschaftsbetriebe mittelfristig effektiv entwickeln wird. Christophe Eggenschwiler, Leiter des Departementes Wirtschaft und Politik beim SBV, zeigte aufgrund von Kalkulationen auf, wie sich das Einkommen der Bäuerinnen und Bauern im Falle eines WTO-Abschlusses einerseits und eines Agrarfreihandelsabkommens andererseits gegenüber heute verändern würde. Allein die Folgen der neuen Agrarpolitik für die Jahre 2008 bis 2011 werden einen Rückgang des gesamtschweizerischen Landwirtschaftseinkommens um 25 Prozent zur Folge haben. Ein WTO-Abschluss liesse das Einkommen um zwei Drittel erodieren. Und ein Agrarfreihandel mit der EU würde zu einer Halbierung der bäuerlichen Einkommen führen, erklärte Eggenschwiler. Während die Bedrohung durch die WTO nach dem Scheitern der Verhandlungen im vergangenen Sommer etwas in die Ferne gerückt ist, sind die Gespräche über ein Agrarfreihandelsabkommen mit der EU beschlossene Sache. Der Bauernverband arbeitet deshalb jetzt mit Hochdruck an einer griffigen Position punkto allfälliger Begleitmassnahmen, die der Bund zur Abfederung der dramatischen Einkommensausfälle treffen müsste. In Teufen wurde deutlich, dass es dabei um Milliardenbeträge geht. Neu wurde zudem bekannt, dass jetzt auch die Agrarprodukte verarbeitenden Branchen inklusive die Grossverteiler Migros und Coop für den Fall eines Agrarfreihandels mit der EU an den Bund grosse Subventionsforderungen stellen. Dieses Faktum liess am Ostschweizer Bauernseminar da und dort die Hoffnung aufkommen, dass die Angelegenheit für die Bundeskasse zu teuer zu stehen kommen könnte und deshalb womöglich die Freihandelsübung mit der EU schliesslich abgeblasen wird. Am besten abgeblasen werden sollten nach Meinung der SBV-Spitze auch die Vorschläge des Bundes zur Neugestaltung des Direktzahlungssystems. Die Umsetzung der Ideen aus dem Bundesamt für Landwirtschaft würden die produzierende Schweizer Landwirtschaft in höchstem Masse gefährden. Deshalb habe der Vorstand des Bauernverbandes beschlossen, die untauglichen Vorschläge unvermittelt an den Absender zurückzuschicken, wurde den Ostschweizer Bäuerinnen und Bauern mitgeteilt.
Ernst Landolt

Nationalrat Jacques Bourgeois, Direktor (links), und Nationalrat Hansjörg Walter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes: Weiterhin stark gefordert. (Bild: Ernst Landolt)
