Ausgabe Nummer 23 (2006)

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Schwieriger Schwiegervater

Schwieriger Schwiegervater

Eine leidende Frau schrieb mir die folgenden Zeilen:

«Mein Schwiegervater hat immer Recht. Auch wenn er nicht Recht hat. Wie eine Giraffe überragt sein Kopf kontrollierend seinen Clan. Schon in meiner jungen Ehe bedrängte er mich: «Bist du noch nicht schwanger? Es wäre Zeit!» Einmal bekannte ich ehrlich: «Es liegt an deinem Sohn. Er kann keine Kinder bekommen!» Da knallte er mir eine Ohrfeige ins Gesicht. Für einen Familienpatriarchen ist es undenkbar, dass sein eigener Sohn zeugungsunfähig ist. Das war vor 15 Jahren. Entschuldigt hat er sich nie. Jetzt ist mein Schwiegervater alt und hilfebedürftig. Letzthin übergab er mir, diskret im VW, zwei Tausendernoten: «Für deinen grossen Einsatz! Du hast mir immer geholfen!» Ich entgegnete zögernd: «Das ist nicht nötig!» Flugs schnappte er mir das Geld wieder aus meiner Hand: «Wenn du nicht willst, dann lass es sein!» Mir tun solche Verletzungen weh!»

Liebe Frau XY. Ich hoffe sehr, Ihr Mann stand vor 15 Jahren zu Ihnen. Seine Aufgabe ist es, den eigenen, aggressiven Vater mit Bestimmtheit zurechtzuweisen. Etwa: «Stopp, Papa! Jetzt wird es ernst. Hör gut zu. Meine Frau informierte dich richtig. Wir haben uns medizinisch untersuchen lassen. Ich werde nie Vater, du nie Grossvater!» Sogar eine Mahnung hätte dazugehört: «Dein Dreinschlagen war eine Gemeinheit! Du hast nie das Recht, erwachsene Menschen zu schlagen. Schon gar nicht meine Frau. Sieh zu, wie du diesen groben Fehler wieder in Ordnung bringst!» Wahrscheinlich ist das so oder ähnlich nicht geschehen? Viele erwachsene Söhne fürchten Konfrontationen mit ihrem Vater. Sie bleiben ängstliches, abhängiges Kind.

Quälendes Aussprechen

Alle drei schwiegen, alle drei litten: Sie, Ihr Schwiegervater, Ihr Mann. Fehler zugeben und korrigieren ist immer schwer. Für alle Menschen. Besonders für jene, die solches nie geübt haben. Zum Beispiel: kontrollierende Familiengiraffen und diktatorische Hofpatriarchen. Dann erwachsene Kinder, die zu ihrer Ehefrau stehen sollten, sogar gegen den eigenen Vater. Schliesslich Sie selbst, die Zugezogene und Neue im Hofclan, die zu scheu ist, um gleich mit klaren Worten loszuballern.
Ich meine, Sie sollten nachhelfen. Die damalige Verletzung schmerzt ja immer noch. Darum haben Sie doch mir geschrieben. Unverdauts göörbslet ufe! Wenigstens ein Mal dürfen Sie Ihrem schwierigen Schwiegervater ganz ruhig die Beleidigung in Erinnerung rufen. Das wäre für Sie aktive Vergangenheitsbewältigung. Sehr wahrscheinlich nimmt er die leidige Sache gerne auf. Irgendwie drückt ihn der hässliche Fleck auf seiner scheinbar weissen Clanchefweste. Eine kurze oder längere Aussprache wird beiden gute Gefühle bringen.

Sag nicht Nein, wenn du Ja sagen willst

Die Geldübergabe im Auto wäre so eine Aussprachegelegenheit gewesen. Sie hätten die damalige Kränkung anprechen können. Warum taten Sie es nicht? Fehlten Ihnen die Worte? Me mues halt rede mitenand! Etwa: «Danke für das Anerkennungszeichen! Aber weisst du, eine uralte Beleidigung quält mich noch immer: Deine Ohrfeige. Du hast mich damals unbeherrscht, sogar grundlos ins Gesicht geschlagen. Sicher, es ist lange her. Aber so eine Boshaftigkeit vergisst kein Mensch. Warum hast du das getan? Warum hast du nie mit mir darüber gesprochen?»
Ich denke, die zwei Tausender haben sie überrascht. Sie waren verwirrt, sprachlos. Darum verpassten Sie (wieder einmal) die immer noch nötige Flurbereinigung. Mehr noch: Sie lehnten ab: «Es ist nicht nötig!» Das war ungeschickt. Sie meinten mit Ihren Worten, das Geld ist nicht nötig. Stimmt. Die klärende Aussprache aber ist sehr nötig. Schon seit 15 Jahren. Ich weiss: Viele Menschen lehnen Geschenke oder Versöhnungszeichen übereilt ab. Weil sie dazu erzogen wurden. Prompt und absolut konsequent hat Ihnen Ihr Sorgenschwiegervater seine Gabe zurückgeschnappt. Es war seine Art, seine Unbeholfenheit in kritischen Situationen, seine wahrschein-lich gut gemeinte, aber doch etwas plumpe Hilflosigkeit. Völlig betroffen standen Sie (wieder einmal) da. Dabei hätte Sie das gänzlich unerwartete Dankeszeichen des ehemaligen Grobians durchaus freuen können: «Hei, schön! Vielen Dank, Schwiegerpapa! Es freut mich, wenn du mein Tun schätzest!» Für uns alle gilt: Sag nicht Nein, wenn du Ja sagen willst! Auch umgekehrt: Sag nicht Ja, wenn du Nein sagen willst! Jedes Familienklima wird durch ehrliche, stimmende, klare Aussagen besser, angenehmer.

Es reut mich noch heute

Ich bleibe bei meiner Idee: Sie müssen sich aussprechen, sicher zu zweit, eventuell zu dritt mit Ihrem Mann. Statt auf eine günstige Gelegenheit zu lauern, können Sie diese geschickt und unkompliziert konstruieren. Das erste Traktandum heisst «Ohrfeige», das zweite «Tausendernoten»! Nur Mut, die Worte werden sicher kommen!
In einer Kirchgemeinde referierte ich einmal zu obigem Thema. Temperamentvoll erzählte ein Anwesender der ganzen Runde:
In meiner Kindheit führten meine Eltern eine Papeterie. Eines Abends befahl mein Vater: «Bring noch diesen Stoss Schulhefte deinem Lehrer ins Schulhaus! Er wartet drauf.» Der war tatsächlich erfreut und zückte spontan sein Portemonnaie: «Komm, dafür erhältst du ein Füfzgerli!» Ich Esel lehnte ab und plapperte: «Nein danke, das ist nicht nötig!» Was geschah? Mit grösster Ruhe und Selbstverständlichkeit steckte mein Lehrer seinen Geldbeutel zurück und brummte: «Hä nu, wännt nöd wotsch, häsch gha!» Zu uns Anwesenden meinte der Gewitzigte schmunzelnd: «Sicher sind seit diesem Geschehen 30 Jahre vergangen. Ihr werdet es kaum glauben, aber noch heute reut mich das verpasste Füfzgerli!»

Walter Ritter, Eheberater