Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Sensibilisierung für den Rohstoff Holz und die Leistungen des Waldes

Ausgabe Nummer 38 (2017)

Rolf Auer, Geschäftsführer Lignum Thurgau, moderierte das Programm des Rahmenanlasses der Aktion «Tage des Schweizer Holzes» für Hinterthurgau / Wil vom Freitag, 15. September, auf dem gastgebenden Betrieb, der Firma S. Müller Holzbau AG, Wil. Er betonte, dass es ein Anliegen der Rahmenanlässe sei, den Fokus auf die Leistung des Waldes und die Leistungsfähigkeit des Holzes zu legen. Erklärtes Ziel sei es, in der Bevölkerung auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie jeder Einzelne einen Beitrag für die Förderung der Wertschöpfung des einheimischen Holzes beitragen könne.

Notwendigkeit nachhaltiger Waldpflege
Zum Einstieg in sein Referat gab Daniel Böhi, Kantonsforstingenieur Forstamt Thurgau, dem Publikum Denkanstösse, indem er die Frage stellte: «Wann haben Sie das letzte Mal einheimisches Holz gekauft oder einen Waldspaziergang unternommen?» In einer Reihe von Zahlen und Fakten zum Thurgauer Wald wies er unter anderem darauf hin, dass es in unserem Kanton 8500 private Waldbesitzer gibt. Den typischen Waldbesitzer gebe es jedoch nicht. Er zeigte die Notwendigkeit einer nachhaltigen Waldpflege auf, die unter anderem dazu dient, Schutzfunktionen des Waldes zu gewährleisten. Die Förderung der Biodiversität hat an Bedeutung gewonnen und damit auch spezielle Waldbeschaffenheiten wie zum Beispiel lichter Wald, vernässter und unbewirtschafteter Wald sowie Ausscheidungen von Flächen für Reservate. Dass Biodiversitätsförderung, für deren Leistungen die Waldeigentümer entschädigt werden, Interessenskonflikte bergen, veranschaulichte er anhand eines Fotos mit einem alten Baum und der Frage: «Würden Sie diesen Baum stehenlassen oder eher zur Produktion von Holzschnitzeln fällen?». Freizeitaktivitäten und Erholungsnutzung des Waldes haben derart zugenommen, dass Waldbenutzern immer wieder vor Augen geführt werden muss: Die Leistungen des Waldes sind zwar kostenlos, aber der Wald ist fremdes Eigentum.

Starker Wertewandel
Daniel Böhi zeigte auf, wie die Erträge aus dem Holzverkauf seit Mitte der 1990er-Jahre sanken und seit Langem nicht mehr ausreichen, den Aufwand zu decken. Es hat ein starker Wertewandel stattgefunden: Biodiversität und Erholung sind wichtiger geworden. Der Klimawandel stellt die Waldbesitzer vor zusätzliche Herausforderungen. Das Fazit aus Sicht des Forstamtes lautet: Man will auch künftig Holz auf den Markt bringen, der Fokus liegt aber nicht in erster Linie auf der Nutzung. Holz fällt auch künftig an, doch es ist nicht immer das Hauptprodukt. Wald und Holz können einen Beitrag leisten für eine ökologische Gesellschaft.
Knut Lüscher, Master of Architecture SIA, Winterthur, veranschaulichte die archaische Materialität von Holz, welche, so sei er überzeugt, auch einen Beitrag zur Entschleunigung der Gesellschaft beitrage. Der frühere Werbeslogan «Holz isch heimelig» mute heute etwas seltsam an, «aber wir verstehen intuitiv, dass Holz und Wald ähnlichen Gesetzmässigkeiten unterliegen wie wir Menschen. Auch hier geht es stets um Werden und Vergehen.» Der Architekt zeigte anhand des von ihm mitgestalteten Bauprojekts «Wohnanlage Grünmatt» in Winterthur (www.grünmatt. ch) die besonderen Einsatzmöglichkeiten von Holz auf. Die Überbauung befindet sich in Oberseen in einem Weiler, der lange Zeit von Scheunen und einer Mühlenanlage geprägt war. Für Knut Lüscher stand deshalb bei Projektierungsbeginn fest, dass für den Bau der Wohnhäuser überwiegend Holz und Stein zum Einsatz kommen sollen.

Harmonische Wirkung von Holz wiedererkennen
Das Energiekonzept für Holzschnitzelheizung und Holzschnitzelbunker war eine aufwendige Angelegenheit, räumte Knut Lüscher ein: Der Aufwand habe sich gelohnt, sämtliches Holz wird aus der Region und in Zusammenarbeit mit der Privatwaldkorporation Seen bezogen. Die Wohnanlage sei nach dem Minergie P-Standard errichtet und erfülle heute bereits die Vorgaben des Energiekonzepts 2050 (Minergie-P bedingt ein eigenständiges, am niedrigen Energieverbrauch orientiertes Gebäudekonzept, das auch eine optimierte Nutzung passiver Wärmequellen wie zum Beispiel Sonnenstrahlen zur Deckung des Wärmebedarfes voraussetzt). In der Diskussion wurde Knut Lüscher gefragt, ob die Neubauten, bei denen überwiegend einheimisches Holz verwendet wurde, Mehrkosten verursacht haben. Der Architekt verneinte dies. Um bei der Überbauung den Ort und seinen urtümlichen Charakter entsprechend zu interpretieren, wollte Knut Lüscher 20 cm breite Schalungsbretter verwenden. Diese Breiten waren leider, gemäss Holzbauer, nur in nordischer Fichte realisierbar. Abschliessend sagte Knut Lüscher, dass er der Meinung sei, dass Bauherren und Architekten umdenken müssen: Sie sollten Holz nicht in erster Linie als Gefahrenquelle betrachten, sondern vermehrt die harmonische Wirkung des Holzes wiedererkennen.
Roland Lenz, Winzermeister vom Bioweingut Roland und Karin Lenz, griff die Thematik der Biodiversität auf, für die er auf dem Rebberg 12 % der Fläche ausgeschieden hat. Die 80 000 Rebstöcke (mit 32 Sorten) bezeichnete er als «Mitarbeiter» seines Betriebes, sie entsprechen rund 1000 Kubikmeter Rebholz.

Fortschritte im Brandschutz
Roland Lenz schilderte seine Arbeit für die Maischegärung des Rotweins in Eichenfässern und die damit verbundene sensorische Optimierung. Er stellte anhand einiger Fotos den per Ende August 2015 erstellten Neubau am Iselisberg vor. Auch für die alten Gebäude war bereits überwiegend Holz zum Einsatz gekommen. Der Neubau sei noch durchdachter, vor allem im Hinblick darauf, dass das Weingut ein autarker Energieversorgungsbetrieb wird. 96 % des verbauten Holzes für den Neubau stammen aus einheimischem Holz. Nur Plattenwerkstoffe, die nicht hier erhältlich sind, wurden importiert.
Prof. Andrea Frangi, Institut für Baustatik und Konstruktion, ETH Zürich, zeigte die technischen Möglichkeiten und Fortschritte in den Brandschutzmassnahmen auf. Die aktuell gültigen Brandschutzvorschriften erschliessen dem Baustoff Holz ein grosses Anwendungspotenzial. Holzhäuser bis zu sechs Geschossen sind gesetzlich erlaubt. Feuerwiderstandsfähige Holzbauteile, detaillierte Dokumentationen zu möglichen Konstruktionsweisen und das Knowhow erfahrener Fachleute würden eine solide Grundlage für den Brandschutz im Holzbau bieten. Andrea Frangi stellte das «House of Natural Resources», ein Pilotprojekt der ETH ZH vor. Bei diesem vielbeachteten Bürogebäude werden die Ziele der Holzforschung, zu denen Entwicklung und Förderung innovativer und effizienter Holzkonstruktionen gehören, umgesetzt. Die beteiligten Institute erhoffen sich von den Kenntnissen aus dem Projekt Impulse für die Schweizer Holzverarbeitungsindustrie.
Nach den Referaten trugen Tänzerinnen und Tänzer des «Panorama Dance Theaters» eine besonders dynamische und ausdrucksstarke Kostprobe ihres Könnens vor und zogen das Publikum in ihren Bann.


Isabelle Schwander







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