Ausgabe Nummer 2 (2007)

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Sichere Nahrungsmittelversorgung in der Schweiz

Wenn die Regale in den Läden leer sind

Mehl, Teigwaren, Schokolade, Tropenfrüchte ? die Regale der Geschäfte bieten Lebensmittel im Überfluss an. Doch was ist, wenn diese Regale plötzlich leer sind? Mit dieser Frage befasste sich Gerold Lötscher, stellvertretender Direktor des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung, in seinem Vortrag an der Volkshochschule Weinfelden.

«Im heutigen Überfluss denken die meisten Menschen gar nicht daran, wie es ist, wenn etwas fehlt. Das Interesse kommt erst auf, wenn tatsächlich etwas fehlt», berichtet Gerold Lötscher in seinem Vortrag «Sichere Schweiz ? sichere Nahrungsmittelversorgung» am letzten Montag Abend in Weinfelden. Trotzdem ist die Ernährungssicherheit keine Selbstverständlichkeit. Täglich gibt es Berichte aus aller Welt über Rohstoff-, Wasser- und Nahrungsmittelknappheiten. So gab es im letzten Herbst eine Verknappung der Kartoffeln in Europa sowie eine Verteuerung der Futtermittel und des Zuckers. Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Völkerwanderungen, Vogelgrippe, Gentechnologie, kriegerische Konflikte ? die Risiken sind zahlreich und können ganz unvorhergesehen eintreten. Nahrungsmittel und Trinkwasser sind diesen Risiken speziell ausgesetzt, da sie fortwährend frisch produziert werden müssen. Ebenfalls anfällig ist die Nahrungsmittelversorgung auf Energieknappheiten, welche die Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel stark treffen können.

Im Notfall
Im Normalfall regelt die Wirtschaft die Nahrungsmittelverteilung. Laut Artikel 102 der Bundesverfassung muss der Bund bei schwerer Mangellage sowie bei machtpolitischer oder kriegerischer Bedrohung eingreifen, falls die Wirtschaft selbst nicht entsprechend reagieren kann. In solch einem Fall muss der Bund die Versorgung des Landes mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen sicherstellen.
Etwa 300 Spezialisten aus der Privatwirtschaft unterstützen das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung. Das Bundesamt arbeitet Szenarien aus, was die Einwohner in einer Krise benötigen und wie die notwendigen Mittel zu beschaffen sind.
Das Bundesamt sorgt dafür, dass im Notfall die Schweiz mit Nahrungsmitteln, Energie und Heilmitteln versorgt werden kann. Jeder Einwohner sollte täglich 3000 Kalorien und 2,5 Liter Trinkwasser zur Verfügung haben. Die Nahrung sollte ausgewogen und die Lebensmittel frisch sein. Wichtig ist auch, dass die Nahrungsmittel allgemein zugänglich sind und möglichst kostengünstig von der Bevölkerung erstanden werden können. Um die Versorgung sicherzustellen, gibt es in der Schweiz Pflichtlager an Nahrungsmitteln, Medikamenten, Heizöl und Benzin. Diese Lager werden von privaten Unternehmen angelegt. Sie dürfen nur gebraucht werden, wenn sie vom Staat freigegeben werden. Die Kosten werden auf den Verkaufspreis geschlagen. Sie sind sehr gering: Pro Kilo Mehl sind es drei, pro Kilo Kaffee acht Rappen. Diese Pflichtlager beinhalten Getreide, Reis, Zucker, Speiseöl- und Fett für rund vier Monate. Mit der Produktion der Bauern von Milchprodukten, Fleisch und Gemüse und zusätzlichen Nahrungsmittelimporten kann die Versorgung während sechs Monaten aufrechterhalten werden.
Ein Drittel der Schweizer Nahrungsmittel wird importiert. Kein EU-Land importiert so viele Lebensmittel wie die Schweiz. Lötscher schätzt dies positiv ein: «So sind wir im Geschäft. In einer Krisensituation ist es vorteilhaft, den Handelspartner zu kennen. Diese Beziehungen können für verstärkte Importtätigkeiten bei Krisensituationen genutzt werden.»

Krise nicht abschätzbar
Dem Bundesamt stehen zwei Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung: Die Angebots- und die Nachfragelenkung. Die Angebotslenkung umfasst den Aussenhandel, die Inlandproduktion und die Pflichtlager. Die Nachfragelenkung, wie zum Beispiel die Rationierung, wird erst im Notfall eingesetzt. Rationierungsmarken sollen Konflikte zwischen den Bezügern vermindern und Panikkäufen vorbeugen. «Schwierig macht unsere Arbeit, dass sich die Krise nicht an die Vorgaben des Bundesamtes hält», schmunzelt Lötscher. «Ob der Notfall im April oder nach der Ernte im Oktober eintritt, kann ganz unterschiedliche Folgen haben. Deshalb muss immer wieder von neuem eingeschätzt werden, wie gehandelt werden muss. Auch was lebenswichtig ist, kann nicht einheitlich definiert werden», fährt er fort. Im Falle einer Krise müssen unzählige Entscheide getroffen werden, wie: Sollen die Pflichtlager freigegeben werden? Soll der Tierbestand reduziert werden? Welche Tierart soll reduziert werden? Computersimulationen sollen bei diesen Entscheidungen helfen.
Trotz aller Unsicherheiten warnt Lötscher davor, sich vor lauter Angst vor einer Krise nicht zu entwickeln. Denn er ist überzeugt, dass ein gesundes und starkes Wirtschaftssystem eine Krise am besten meistern kann.

Ursina Hulmann


Leere Regale wären bei uns praktisch unvorstellbar. (uhu)
Leere Regale wären bei uns praktisch unvorstellbar. (uhu)