Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Sommerfachausflug des Ziegenzuchtvereins Thurgau

Ausgabe Nummer 30 (2017)

Traditionsgemäss organisiert unser Verein jedes zweite Jahr einen Tagesausflug auf interessante Betriebe mit Ziegenhaltung. Unserem Vorstandskollegen Dani Keller oblag diesmal die Organisation. Rund 25 Geisseler und Interessierte konnte er für diesen Tag begeistern, und sie wurden nicht enttäuscht.

Auf dem Betrieb der Generationengemeinschaft Müller in Hettlingen empfing uns der Junior Lukas. Auf dem mittelgrossen Acker- und Futterbaubetrieb im Zürcher Weinland wurden in jüngerer Vergangenheit die Milchkühe grösstenteils durch Milchziegen verdrängt. Da der in die Jahre gekommene Viehstall hätte saniert werden müssen, entschied sich die Familie, auf Ziegen zu setzen. Lediglich sieben Milchkühe wurden behalten, um mit günstigerer Milch die Gitzi zu versorgen.

Spannende Betriebsbesichtigungen
Nebenan bauten sie mit viel Eigenarbeit einen Ziegenstall mit 145 Plätzen und darüber liegendem Raum für Stroh und Futtervorräte. Es wurde das bewährte System Tiefstreu-Laufstall mit befestigtem Fressplatz und zwei Futterbändern gewählt. Bekanntlich danken die futterneidigen Tiere es beim gegeneinander Fressen mit deutlichem Mehrkonsum an Grundfutter, zudem können Futterreste bequem wieder zurückgeräumt werden. Gemolken werden die zurzeit rund 60 Saanenziegen in einem 18er-side-by- side-Melkstand mit Frontaustrieb. Die silofreie Milch wird im Zürcher Oberland in einer Spezialitätenkäserei verwertet. Momentan sind viele Geissen galt, sodass über den Winter teurere Milch gemolken werden kann. Diese für Ziegen azyklische Produktion erfordert Fingerspitzengefühl, erfolgt aber ohne künstliche hormonelle Stimulation der Brunst. Der Problematik der Verwurmung wird mit konsequenter Mähweidenutzung und Umtriebsweide mit kurzen Besatzzeiten entgegengewirkt.
Kurzfristiges Ziel des jungen, initiativen Ziegenverantwortlichen wäre eine Aufstockung des Bestandes bis Vollbelegung. Gewisse Weichen sind mit eigener Nachzucht bereits gestellt. Einziger Wermutstropfen; immer mehr Ziegenmilchanbieter buhlen um wenige Abnehmer. Der gepflegte Betrieb mit nicht alltäglichen Produktionen beeindruckte sehr, als weitere Nische wird nämlich auch noch Industriehanf angebaut.
Nach dem feinen Mittagessen im nahen Dorfrestaurant nahmen wir die zweite Station, den Betrieb der Familie Fitze in Wil, in Angriff. Den stattlichen Hof fanden wir oberhalb des St. Galler Städtchens in leicht hügeliger Lage. Durch langfristige Zupacht konnte vor einigen Jahren mit einem zweiten Anwesen mit Gebäuden die Produktionsgrundlage vergrössert werden. Spannend, was auch dieser Betriebsleiter uns zu zeigen hatte. Erst beeindruckte uns die weidende Ziegen-Grossherde, wie sie, als sie nur schon das Auto des Chefs erblickten, mit fröhlichem Gebimmel zu rennen kamen. Eine Augenweide – mit Adrenalinschub- Potenzial für jeden Geisseler – 200 gämsfarbige Geissen auf einmal!
Diese stattliche Anzahl bewohnt den Pachtstall, der zu einem feinen Laufstall, ebenfalls mit Futterband und silofreier Fütterung, umgenutzt wurde. Ein Melkkarussell mit 28 Plätzen dient der rationellen Milchentnahme. Die gewonnene Milch wird in einer renommierten Käserei im Appenzellerland zu Spezialitäten veredelt. Ebenfalls wird eine Teilmenge als Wintermilch vermarktet. Raffiniert, wie Betriebsleiter Chläus verschiedene Abläufe durch eigene Ideen rationalisiert und automatisiert hat. So wird z. B. das Futterband periodisch und automatisch, mittels altem Dosiergerät, mit geringer Menge hochwertigem Dürrfutter beschickt; immer mit dem Hintergedanken, möglichst viel Grundfutter, bei wenig Krippenresten, in die Geissen zu bringen. Wer selber Ziegen hält, weiss um die «Schnäderfrässigkeit » dieser Tiere, und diese gilt es zu überlisten. Wie beim Vorgängerbetrieb wird Grünfutter nur über die Weide aufgenommen. Speziell bei dieser Fütterung noch zu erwähnen ist der Einsatz von Graswürfeln. Dank günstiger Trocknungskosten wird junges Gras zu bestem, betriebseigenem Kraftfutter konserviert; null Krippenreste garantiert.
Wer denkt, das wars, täuscht sich. Auf dem Heimbetrieb werden noch 120 Aufzuchtrinder für Dritte grossgezogen, dazu reine Wiesenfuchsschwanz- und Engl.-Raigras-Bestände zur Saatgutvermehrung gedroschen und auch Saatkartoffeln angebaut. So nebenbei können Teile der gedroschenen Gräser noch als Pferdewürfel verkauft werden.

Zwei eindrückliche Betriebe
Diese Beispiele zeigen einmal mehr, dass sich innovative Bauern auch bei der aktuellen Landwirtschaftspolitik noch auf gewinnbringende Produktionen besinnen. Am Schatten, bei Kaffee und Kuchen, konnte das Erlebte noch gäbig diskutiert und kommentiert werden. Ein gefreuter Tag, der gefallen hat, danke Dani!


Ruedi Rutishauser




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