Ausgabe Nummer 18 (2006)

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Statt Atomkraftwerke Strom aus Mist?

Erneuerbare Energien im Thurgau aus Sonne, Wind oder Biomasse

Statt Atomkraftwerke Strom aus Mist?

«Kann der Thurgau in fünfzig Jahren zu hundert Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt werden?» Diese Frage stand am letzten Mittwoch im Zentrum der Veranstaltung «Der Thurgau elektrisiert!», welche im Hotel Thurgauerhof in Weinfelden stattfand.


Biomasse ist für Hansjörg Walter
die zukünftige Energiequelle der
Landwirtschaft. (Myra Wälti)

Biomasse (Gülle, Mist, Waldholz, Gras, Ackerkulturen, biogene Abfälle und Co-Substrate wie Gastronomieabfälle, Nahrungs- und Futtermittelabfälle) ist für Hansjörg Walter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes und Nationalrat, der zukünftige Energieträger der Landwirtschaft. In seinem Vortrag «Landwirt = Energiewirt» hält er fest: «Bis jetzt gibt es im Thurgau über sechzig landwirtschaftliche Biogasanlagen, welche rund tausend Haushalte mit Strom und weitere 250 mit Wärme versorgen. Unser Ziel ist, in den nächsten 25 Jahren bis zu tausend solcher Anlagen zu bauen und damit 110 000 Haushalte mit Strom zu versorgen». Allerdings wendet er ein, dass die Kapazität von Biogas beschränkt ist, da die Anzahl Tiere, welche die Biomasse liefern, nicht unendlich erhöht werden kann.
In Europa hat sich der Landwirt als Energiewirt durchgesetzt. In der Schweiz stehen die hohen Kosten dem Bau von Biogasanlagen entgegen. Zudem ist die Finanzierung durch die Banken nicht gewährleistet. Diese geben nur bei sicheren Rahmenbedingungen Geld, die aber durch die Politik noch nicht gegeben sind. Als wichtigen Punkt, um alternative Energien zu fördern, sieht Walter deshalb die kostendeckende Einspeisevergütung. Diese ist in parlamentarischer Behandlung.

Wind- und Sonnenenergie

«Das Potenzial von Windenergie ist vierzig bis hundert Mal grösser als der heutige weltweite Stromverbrauch». Nationalrat Rudolf Rechsteiner ist überzeugt, dass Windenergie mehr leisten wird als die heutige Atomenergie. Zudem sind die Preise stabil, da auch in zwanzig Jahren der Wind gratis sein wird. Wie schon Walter bezüglich der Biomasse feststellte, hinkt die Schweiz den europäischen Entwicklungen hintennach, aber eine Umstrukturierung ist im Gange. Da es in der Schweiz nicht so viel windet wie in anderen Ländern, schlägt Rechsteiner vor, statt Atomstrom Windstrom zu importieren. Bereits stehen in Europa einige Windstrom-anlagen, und viele weitere sind geplant. Stromtransport funktioniere wie Pipelines; auf tausend Kilometer gehen nur vier Prozent verloren.
Für Thomas Böhni von der Solargenossenschaft Frauenfeld ist Strom die Schlüsselenergie der Zukunft. «Strom kann zu hundert Prozent in Wärme umgewandelt werden, hingegen Wärme nur zu einem Drittel in Strom», begründet er seine Überzeugung mit einem physikalischen Gesetz. Er sieht ein grosses Potenzial für Sonnenenergie in Dachflächen der landwirtschaftlichen Gebäude. «Eine Möglichkeit wäre, diese Flächen zu vermieten», folgert er.

Strom sparen, Kosten sparen

«Trotz der vielen Möglichkeiten ist es für Konsumenten schwierig, den Überblick über die umweltfreundlichsten Produkte zu haben. Deshalb untersuchen wir auf unserer Website topten.ch professionell die umweltfreundlichsten Produkte für Haushalt, Freizeit und Büro.», beschreibt Eric Bush seine Tätigkeit als Chefredaktor von topten.ch. So braucht eine Stromsparlampe bis zu fünf Mal weniger Strom als eine herkömmliche. «Der Stromverbrauch von Haushaltsgeräten ist seit den Siebzigerjahren um bis zu achtzig Prozent gesunken. Weitere Sparpotenziale sind vorhanden. Dies ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern hilft auch Kosten zu sparen.»

Möglichkeiten vorhanden

Ehrgeizig, mutig, und auch erreichbar ist für Kantonsrat Bernhard Wälti das Ziel, den Thurgau in fünfzig Jahren nur mit Strom aus erneuerbaren Energien zu versorgen. Die Vorträge und die anschliessende Diskussion haben gezeigt, dass die Möglichkeiten vorhanden sind. Neben Wind- und Sonnenenergie und Biogas existieren viele weitere ungenutzte Potenziale wie Fotovoltaik (Umwandlung von Strahlungsenergie, vorwiegend Sonnenenergie in elektrische Energie), Geothermie (Erdwärme) oder die Abwärme des Kehrichts. Die Technik ist vorhanden und wird fortlaufend verbessert. Auch bei der Mobilität sind Potenziale vorhanden: Der Toyota ist das weltweit erste Serienfahrzeug mit einem Benzin/Elektro-Hybridantrieb, Honda stellte am diesjährigen Autosalon in Genf ein Brennstoffzellenauto vor. Im Moment steht der Nutzung vor allem der hohe Preis entgegen.

Ursina Hulmann

Ökostrom Schweiz – die Organisation der Biogasanlagenbetreiber
Die Ökostrom Schweiz, Frauenfeld, unterstützt Landwirte bei der Planung und dem Betrieb von Biogasanlagen. Sie koordiniert den Einsatz von Co- Substraten und kümmert sich um den Verkauf des Biogasstroms. Dabei führt sie Verhandlungen, schliesst Verträge ab und übernimmt die Verrechnungen an die Vertragspartner. Zudem ist die Ökostrom Schweiz (www.oekostromschweiz.ch) auch in der Interessenvertretung tätig und organisiert Grundausbildungs- und Weiterbildungskurse für Biogasanlagenbetreiber.

Michael Dubach, LBBZ Arenenberg, Fachstelle Betriebsberatung und Landtechnik